Hansi und seine Gang im aufgeheizten Gasometer (2023)
Acts: Blind Guardian / Vorband: Dawn of Extinction
Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Datum: Mittwoch, 18. 10. 2023
Nach acht Jahren (wenn man meinem Verständnis von Hansis kernigem Deutsch aus seinem Mund trauen darf) haben sich Blind Guardian wieder mal die Ehre gegeben, in Wien Station zu machen – in der berüchtigten Halle Gasometer. Warum berüchtigt, fragt ihr? Sie leidet am selben Problem wie die Stožice: Es ist verdammt schwer, dort einen ordentlichen Sound hinzubekommen, vor allem für Bands, die härtere Musik machen. Und ach ja – die Architekten haben irgendwie vergessen, für Belüftung zu sorgen …
Es gab natürlich auch eine Vorband, die ich erfolgreich und ganz bewusst verpasst habe, während ich Tour-Shirts mit erschreckend fantasielosem Design beäugte (Ernsthaft, was ist eigentlich mit den Metal-Band-Designern los?) und nach schnuckeligen Metal-Ladies Ausschau hielt – die aber, wie in Wien üblich, nirgends in Sicht waren.
Die Halle war fast brechend voll, die Tribünen hatte man diesmal eingeklappt gelassen, sodass wir wohl rund 4.000 waren. Eine schöne Zahl für Blind Guardian. Nach ein paar fröhlichen Refrains aus dem Heavy-Metal-Fundus (Live Wire von Mötley, Tornado of Souls von Megadeth) gingen die Scheinwerfer hinter der Bühne an, und auf dem heruntergelassenen Vorhang erkannten wir die vertrauten Silhouetten von Marcus‘ und Andrés Birnen. Netter Auftakt – der Vorhang fiel, und die ersten Takte von Imaginations From the Other Side vom gleichnamigen Legendenalbum wurden bei tosendem Willkommensjubel aus aufgewärmten Kehlen … im miserablen Sound verschluckt. Hansi sieht sowieso aus wie ein besorgter Onkel von nebenan, der seine Nichte aus der Grundschule abholen kommt und sich schämt, weil das Mädel vollgeschminkt und im Crop-Top auftaucht – genau so hat er in dem Moment auch geklungen. Von Marcus‘ Gitarre war weit und breit nichts zu hören. Ich stand rechts vom Tonmann, und der Typ zeigte nach dem ersten Schock Lebenszeichen. Hansi rauf, Marcus zweimal rauf, Keyboards ein bisschen runter – und ab der Hälfte des Songs fing es ordentlich zu donnern an. Das Maximum, was der Sound im Gasometer hergibt, würde ich sagen. Imaginations ist eigentlich keine glückliche Wahl als Opener, aber dann hat Blood of the Elves vom neuen Album The God Machine gleich richtig reingehauen. Vom neuen Album haben sie insgesamt 4 Songs gespielt: neben dem genannten noch Violent Shadows, das wirklich wahnsinnig geklungen hat, Secrets of the American Gods und Deliver Us From Evil.
Nach den blutigen Elfen war es Zeit für den ersten Höhepunkt mit Nightfall – da haben wir unsere Stimmbänder mit dem Mitsingen des Textes über Freundschaft, Verrat und Verbannung strapaziert – sowie The Script for My Requiem, bei dem wir abwechselnd geheadbang’t und den himmlischen Refrain mitgebrüllt haben. Echtes Irrenhaus.
Nach dem Durcharbeiten von Songs älterer und neuerer Provenienz folgte kollektiver Trancezustand und Hansis Verschnaufpause bei The Bard’s Song – In the Forest. Falls euch das nicht klar ist: Den gesamten Song singt traditionell das Publikum – und da haben wir uns wirklich hervorgetan.
Wenn ich mich der Band selbst widme: Ein Blind Guardian-Konzert steht und fällt natürlich mit Hansis Tagesform. Anscheinend hat ihm die Corona-Pause gut getan, denn mit sehr kluger Dosierung hat er alle wichtigen Screams absolut sauber rausgehauen. Man sieht, dass er das neue Album liebt – bei allen vier Songs hat er sich wirklich nichts geschenkt. André hat im Metal beim Sound der Lead-Gitarre wahrscheinlich denselben Status wie Brian May im Mainstream. Sein unverwechselbarer Sound hat mit filigraner Präzision und ohne den kleinsten Fehler durch die Klangwand geschnitten. Marcus wird im Gitarrenduo ewig stiefmütterlich behandelt – ich glaube, André hat ihm in der gesamten Bandgeschichte genau einen Solo-Einsatz gegönnt (den hat er dann auch bei Lord of the Rings geliefert, was für mich einer der Höhepunkte des Abends war). Sein Rhythmus ist knackig, der Ton irgendwo zwischen Thrash und Power Metal – insgesamt das unverzichtbare Rückgrat des Blind Guardian-Sounds. »Neuer« Schlagzeuger Frederik reicht nicht annähernd an den Charme und das einzigartige Spiel des Originals The Omen heran, aber der Typ ist ein sehr kompetenter Drummer und nimmt dem Gesamterlebnis rein gar nichts. Den neuen Tour-Bassisten Johan hört man sowieso kaum, und Matthias‘ Keyboards bereichern das Klangbild schön und decken eventuelle Lücken ab.
Zum Abschluss des regulären Sets reisten wir zurück in die Zeiten des ersten Livealbums Tokyo Tales (das in meiner Studentenbude rauf und runter gelaufen ist) mit einer grandiosen Darbietung von Traveler in Time, inklusive dem bekannten Intro. Die Halsmuskeln haben gelitten …
In der Zugabe, die mit Sacred Worlds und einer grandiosen Darbietung von Lord of the Rings begann, haben wir uns bei emotionalen Umarmungen gemeinsam die Verse mitgesungen
Slow down and I sail on the river
Slow down and I walk to the hill
Zum Schluss dann der doppelte Höhepunkt. Valhalla, bei dem der ikonische Refrain
Valhalla – Deliverance
Why’ve you ever forgotten me
vom Publikum gute zwei Minuten lang gehalten wurde – und dann zu Hansis Überraschung nach seiner Dankesrede nochmal durch die Halle dröhnte. Wirklich unvergesslich.
Und natürlich Mirror Mirror, bei dem wir abgetanzt haben zu
Back to the old days
Of bliss and cheerful laughter
Ein hervorragendes Konzert. Der einzige Vorwurf gilt der unerklärlich gekürzten Setlist – wir wurden nämlich mindestens um Majesty gebracht, das mein persönlicher Live-Favorit ist. Manche Venues haben außerdem auch Welcome to Dying oder The Quest for Tanelorn oder Lost in the Twilight Hall bekommen, auf die ich persönlich auch nicht verzichtet hätte.
Fast vergessen: Das Publikum war großartig, wirklich hungrig nach Blind Guardian-Sound. Non-Stop-Mitsingen, fliegende Biergläser, auch ein oder zwei Mosh Pits, Mädels auf den Schultern müder Metal-Recken – das volle Programm.
Besonders erwähnen möchte ich die Lichtshow. Normalerweise schenke ich diesem Aspekt von Konzerten keine besondere Aufmerksamkeit, aber der frenetische Wechsel aus weißem, gelbem und blauem Licht in Kombination mit dem rot eingefärbten Hintergrund war wirklich grandios.
Autor: Igorac
Setlist Blind Guardian:
1. Imaginations From the Other Side
2. Blood of the Elves
3. Nightfall
4. The Script for My Requiem
5. Violent Shadows
6. Skalds and Shadows
7. Time Stands Still (At the Iron Hill)
8. Secrets of the American Gods
9. The Bard’s Song – In the Forest
10. Deliver Us From Evil
11. Traveler in Time
—Zugabe—
12. Sacred Worlds
13. Lord of the Rings
14. Valhalla
15. Mirror Mirror
