Fruitile
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Kukushai
Label: ZARŠ Records
Erschienen: year
Laufzeit: 49:47
Wertung: 4/5
Das Trio Kukushai legte vor zwei Jahren mit dem EP »Kukushai« sein Fundament – mit »Fruitile« trägt es sich nun mit seinem ersten echten Studioalbum in die Annalen ein! Die Band, die vor Jahren in den Niederlanden entstand und vom slowenischen Pianisten Rok Zalokar, der Sängerin Eva Poženel und der niederländischen Schlagzeugerin Sun Mi Hong vertreten wird, ist eine neue Quelle musikalischer Ungewöhnlichkeit und reizvoller Eigenheiten.
»Fruitile« erweitert die klangerkundende Reichweite des ohnehin schon abenteuerlustigen EPs »Kukushai«, und mit dem neuen Album hat die Gruppe ihre ureigene kompositorische und performative musikalische Charisma weiter definiert und die Ausdrucksbreite ausgebaut. Man kann sagen: Das Trio hat den Kern getroffen. Es serviert eine musikalische Andersartigkeit, die über das gesamte Werk hinweg ungemein anziehend, performativ außerordentlich kompakt und überzeugend wirkt – und bei aller Ausrichtung auf große artistische und genreübergreifende Flexibilität wirkt dieses farbenprächtige Konglomerat dabei auch bis zu einem gewissen Grad eklektisch. An geistreicher Erprobung verschiedenster musikalischer Formate und dem Fusionieren klanglicher Strukturen zu einem vielschichtigen musikalischen Faltwerk fehlt es ihm nicht.
Bei all dem ist noch eine weitere Beobachtung wesentlich. Obwohl »Fruitile« alles andere als simpel arrangiert ist, gelingt es ihm, mit einer betonten Note invasiver Musikalität und eingängiger Kompaktheit dennoch locker genug anzusprechen. In dieser Hinsicht ist das ziemlich überraschend, besonders wenn man sich die bisherigen Aktivitäten von Rok Zalokar anschaut, der für seine ungezügelt experimentelle Seite als Jazzpianist bekannt ist, mit der er sich nur schwer an festgesteckte Formate musikalischer Phrasierung hält. »Fruitile« widerlegt diesen (irrtümlichen) Eindruck also strikt und auf der Stelle. Zalokar erweist sich auf diesem Album als unglaublich reifer, konziser Musiker, der sich mit seiner sinnlichen Feinmechanik der Strukturbildung vollblütig dem geduldigen Dialog musikalisch-expressiver Gleichberechtigung der beiden anderen Bausteine der Kukushai-Geschichte anpasst.
Evas Vocals klingen außerordentlich angenehm. Ungeachtet der Tatsache, dass sie wirken, als kämen sie aus einer extraterrestrischen Dimension, sparen sie stellenweise nicht mit dem süßlichen Zuckerguss poppiger Eingängigkeit, der beweist, dass die Sängerin sich auch in den Genres Soul und R&B bestens zurechtfinden würde – bei gelegentlichem (wenn auch entferntem) Flirten mit dem Chanson. Zalokar bewegt sich in der Rolle eines geschickten Seiltänzers auf dem schmalen Grat zwischen musikalischer Kompaktheit und Experiment. Mit der Rhetorik des Jazzforschens sprengt er die Fesseln der Formate gerade in dem Maß, dass die Stücke nicht vorhersehbar wirken – oder, schlimmer noch, gar generisch. Es scheint, dass Sun Mi Hong die natürliche Wahl für Poženel und Zalokar ist – sie nimmt ihre Beiträge durchweg sinnlich wahr, passt sich ihnen an, pflegt und baut die musikalisch-expressive Gesamtheit des Trios fortwährend mit dem Können schlagzeugerischer Perkussionstechnik aus.
Die Band schwimmt gerne auf die Felder psychedelisch-alternativen Klangs hinaus, besonders wenn sie das (oft dissonant geformte) Geflecht von Vokalschichten und Synthesizer-Sounds erfasst, was ein Gefühl von Trip-oid-ness vermittelt. Evas Vocals werden dabei mehrfach auch in der Rolle eines zusätzlichen Instruments eingesetzt. »Fruitile« ist trotz des mitgebrachten Muts zur klanglichen Erkundung und zum Experimentieren unterm Strich dennoch ein Album weich klingender Pastelle, das den durchschnittlichen Hörer völlig unprätentiös anspricht.
Das Album ist zur Hälfte instrumental, zur anderen Hälfte vokal. In der Gesamtrechnung außerordentlich besonders und fordernd. Sowohl im Hinblick auf den Artismus, den alle drei Musiker ausdrücken, als auch gegenüber den Musikkonsumenten selbst – natürlich all jenen »mit Ohren an den richtigen Stellen«. Besonders für die Gourmets, die musikalische Ungewöhnlichkeit anzieht, die von dem Axiom authentisch durchdringender kompositorischer Weitsicht einer musikalisch eklektischen Ausdrucksweise angetrieben wird – einer, die schöpferische Einschränkungen schlicht nicht kennt beziehungsweise sie extrem schlecht verträgt.
Kukushai – Sea Animal (offizielles Audio):
Besetzung
1. Fly
2. Own Pace
3. Her Mountain
4. Fruits
5. Sea Animal
6. Her Interlude
7. Oh Brothers
8. Blue Trail
9. Box With Pearls
10. Run Again
Produktion
Rok Zalokar
Tracklist
Rok Zalokar – Keyboards
Eva Poženel – Gesang
Sun Mi Hong – Schlagzeug