Label: Barking Pumpkin
Erscheinungsdatum: 14.10.1988
Produktion: Frank Zappa
Länge: 71:03
Wertung: .9.5/10
»Broadway the Hard Way«, das letzte vorwiegend rockorientierte Projekt des legendären Frank Zappa, das noch zu seinen Lebzeiten aufgenommen wurde, war zugleich der Schlusspunkt seiner mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Konzerttourneen mit verschiedenen Begleitbands – den Rest seiner Tage verbrachte er im Studio, wenn man die ‚Abschieds‘-Kooperationen mit dem Berliner Orchester nicht mitzählt, die auf seinem letzten, zu Lebzeiten entstandenen Album »The Yellow Shark« (1993) festgehalten sind. Das Konzertwerk »Broadway the Hard Way«, das wie die meisten von Franks Livealben dank brillanter Produktion beinahe wie ein Studiowerk klingt, wurde 1988 an verschiedenen Konzertorten aufgenommen. Es enthält größtenteils völlig neue Stücke, die vorher auf keiner anderen Platte dieses amerikanischen Multitalents und ungebändigten Gesellschaftssatirikers erschienen waren. »Broadway the Hard Way« war das Endergebnis einer äußerst anstrengenden und schwierigen Tournee, mitten in der Frank mit allen Mitgliedern seiner Begleitband in Streit geriet – danach hatte er keinerlei Lust mehr auf das Konzept einer Rockband.
Frank wurde auf der unerwartet verkürzten Tournee – während der er erstmals von der Diagnose seiner tödlichen Krankheit erfahren haben soll – von einer eingespielten Musikerriege begleitet, die mit ihm den Großteil der Achtziger zusammengearbeitet hatte, mit Ausnahme des neuen ‚Neuzugangs‘ in Gestalt des außerordentlich talentierten jungen Gitarristen und Keyboarders Mike Keneally, dem sich damit ein Kindheitstraum erfüllte: neben dem großen Frank Zappa zu spielen. Die Geschichte von Keneallyʼs kurzer Mitgliedschaft in Franks Band war ziemlich ungewöhnlich – er hatte sich selbst angeboten, nachdem er seinem Idol am Telefon mitgeteilt hatte, dass er nach sechzehn Jahren begeisterten Zuhörens und Nachspielens seiner Musik alles aus Franks umfangreichem Repertoire für ihn spielen könne.
Frank lud ihn bald darauf zum Vorspielen ein, wo er die Stücke »What’s New in Baltimore?« und »Sinister Footwear« makellos spielen musste. Nach der erfolgreich bestandenen Audition schloss er sich Frank auf der bereits erwähnten Tournee an, die leider ein vorzeitiges Ende nahm. Mit seinem Idol, von dem er für seine eigene Solokarriere viel gelernt hatte, spielte er bis zu dessen Tod nicht mehr zusammen – dafür arbeitete er später intensiv mit Franks ältestem Sohn Dweezil und auch mit Steve Vai zusammen. Die gescheiterte Tournee blieb immerhin wegen eines positiven Ereignisses in Erinnerung: Bei einem Auftritt in Stockholm entdeckte Frank den zwanzigjährigen schwedischen Schlagzeuger Morgan Agren, den er auf die Bühne einlud und später mit in die USA nahm, um an einigen späteren, größtenteils nicht realisierten Projekten mitzuwirken. Sehr wahrscheinlich wäre Agren, der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der Band Kaipa, Devin Townsend bzw. Casaulties of Cool sowie Mattias IE Eklundh bekannt ist, zum Nachfolger von Chad Wackerman am Schlagzeug geworden, wenn Frank nicht der frühe Tod ereilt hätte.
Die meisten Stücke auf »Broadway the Hard Way« tragen einen ausgeprägt satirischen Stempel, der die damaligen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse widerspiegelt. Schon das Eröffnungsstück, »Elvis Has Just Left the Building«, ein Hybrid aus Rockabilly, Country und Jazz, ist eine brutale Satire auf die ungesunde Faszination der meisten Amerikaner für Elvis Presley und ihre Überzeugung, dass Elvis nach seinem ’scheinbaren‘ Tod in Wirklichkeit noch am Leben sei. »Planet of the Baritone Women«, das zeitweise wie eine Parodie traditioneller mexikanischer Streichermusik klingt, vermischt mit komischen Operetteneinlagen, ist eine bissige Satire auf die moralische Leere und Identitätskrise, die hochkapitalistischen Gesellschaften oft eigen ist. In der abschließenden Collage verschiedener Musikstile mit dem Titel »Jesus Think You Are a Jerk«, in der er in den Texten auch den palästinensischen Führer Jassir Arafat und den kubanischen ‚el comandante‘ Fidel Castro erwähnt, nahm sich Frank die amerikanischen TV-Evangelisten vor, während er auf »Dickie’s Such an Asshole« auf die größten Dummheiten in den Präsidentschaftsamtszeiten von Richard Nixon und Ronald Reagan hinwies, die bis vor kurzem, bis zu Bush junior und Trump, als die schlechtesten amerikanischen Präsidenten galten. Auch auf »When the Lie’s So Big«, wo Ike Willis beim Singen das Lachen packt, »The Untouchables« und »What Kind of Girl« geht es um scharfzüngige Satire auf einige festgefahrene Praktiken der amerikanischen Republikanischen Partei, auf Namen wie Reagan und Bush senior, religiösen Fanatismus und das amerikanische plutokratische Zweiparteiensystem.
In der Country-Burleske »Rhymin‘ Man« legte Frank die Heuchelei des amerikanischen Baptisten und selbsternannten Bürgerrechtskämpfers Jesse Jackson bloß, des selbsternannten Nachfolgers von Martin Luther King. Auch Michael Jackson und seine Familie entgingen Franks bunter Satire nicht, im Stück »Why Don’t You Like Me?«, wo zahlreiche witzige Referenzen nicht fehlen, darunter auch der kultigen (Anti-)Held der Star Wars, Lando Calrissian.
Im Stück »Any Kind of Pain«, einer vokalen Version einer älteren Komposition gleichen Namens, die unter anderem geniale Soloeinlagen enthielt, satirisierte der Meister des Klohumors das Paradebeispiel einer typisch hohlköpfigen amerikanischen Starlet-Bimbo, die sich ‚unters Messer‘ legt und einer ‚Plastik-Fantastic‘-Verwandlung unterzieht, woraufhin ihre männlichen Arbeitgeber sie noch mehr erniedrigen und ausnutzen. Silikon-platinblonde Leichtlebige hatte Frank übrigens schon auf früheren Stücken satirisiert, etwa auf »Beauty Knowns No Pain«, »Dumb All Over« und »Be In My Video«.
Auf »Promiscius«, wo Frank Reagans superkonservativen Admiral C. Everett Koop durch den Kakao zieht, liefert Ike Willis einen kurzen Rap-Einschub – der erste und einzige Rap in Franks Karriere, noch bevor Rap wirklich populär wurde – und rundet damit die beneidenswerte stilistische Eklektik dieses Konzertzeugnisses ab. Einige Stücke enthalten auch kurze und witzig gespielte Versionen einiger jahrzehntealter Evergreens, meist in Form von ‚Medleys‘. Für ein wenig Nostalgie sorgt vor allem die ausgezeichnete Version des »Joe’s Garage«-Klassikers (1979) »Outside Now«.
Die Jazz-Funk-Interpretation des The Police-Evergreens »Murder By Numbers« war eine der seltenen Coverversionen fremder Musiker in Franks Karriere – und was für eine: Als besonderer Gastvokalist war kein Geringerer als Sting persönlich dabei. Diese Coverversion, die beim Publikum eine geradezu hysterische Reaktion auslöste in dem Moment, als Sting die Bühne betrat, kam durch puren Zufall zustande: Frank traf Sting vor einem der Konzerte zufällig im Aufzug. Der bestens aufgelegte Sting würzte seinen Gastauftritt auf typisch ‚Zappasche‘ Weise mit einem einleitenden Monolog darüber, wie einige durchgeknallte amerikanische TV-Evangelisten die Musik von The Police als Teufelswerk bezeichnen wollten – ein Phänomen, das in den Achtzigern in der ohnehin schon kranken amerikanischen Gesellschaft allgegenwärtig war und gegen das Zappa jahrelang ankämpfte.
Die beiden anderen Coverversionen auf »Broadway the Hard Way« waren »Bacon Fat« und eine besondere Interpretation des Jazzstandards »Stolen Moments«, die einen seltenen nicht-komischen Moment dieses Albums darstellt. Für alle, die zufällig vergessen, dass Frank einer der größten Gitarrenvirtuosen seiner Zeit war, dient das galgenhumorös-tänzerische »Hot Plate Heaven at the Green Hotel« als Erinnerung – es enthält eines der farbenprächtigsten Soli seiner abwechslungsreichen Karriere.
Es ist kaum zu glauben, dass »Broadway the Hard Way« das Ergebnis einer zermürbenden und vorzeitig abgebrochenen Tournee war, nach der Zappa bis zu seinem Tod einen Bogen um das Konzept einer Rockband machte – denn beim Hören klingt es, als hätte Franks Crew wie ein gut geöltes Uhrwerk funktioniert und jeden einzelnen Auftritt in vollen Zügen genossen. Neben den Lachanfällen, die einzelne Stücke auf »Broadway the Hardway« bis heute auslösen – denn die gesellschaftlich-kulturellen Muster, auf die die satirischen Texte zielen, wiederholen sich immer aufs Neue –, bleibt nach dem Hören irgendwie ein bitterer Nachgeschmack des allzu frühen Endes von Franks letzter Begleitband. Trotz seines Titels hatte Zappa nie vor, einzelne »Broadway the Hard Way«-Stücke in irgendeine Form theatralischer Produktion zu überführen. Das aber störte die ‚Schlaumeier‘, die für die Vergabe der Grammy-Awards zuständig waren und mit ihren Entscheidungen schon mehrfach für literweise bitteres Gelächter unter manchen Musikfans gesorgt haben – allen voran als sie Jethro Tull für das ‚beste Heavy-Metal-Album‘ auszeichneten –, nicht daran, »Broadway the Hard Way« 1990 in der Kategorie ‚bestes Musical-Album‘ für den Grammy zu nominieren.
Autor der Rezension: Peter Podbrežnik
Trackliste:
1. Elvis Has Just Left The Building (2:24)
2. Planet Of The Baritone Women (2:48)
3. Any Kind Of Pain (5:42)
4. Dickie’s Such An Asshole (5:45)
5. When The Lie’s So Big (3:38)
6. Rhymin‘ Man (3:50)
7. Promiscuous (2:02)
8. The Untouchables (2:26)
9. Why Don’t You Like Me (2:57)
10. Bacon Fat (1:29)
11. Stolen Moments (2:57)
12. Murder By Numbers (5:37)
13. Jezebel Boy (2:27)
14. Outside Now (7:49)
15. Hot Plate Heaven At The Green Hotel (6:40)
16. What Kind Of Girl? (3:17)
17. Jesus Thinks You’re A Jerk (9:15)
Musiker:
Frank Zappa – Gitarre, Gesang, Produktion
Mike Keneally – Synthesizer, Gesang, Gitarre
Ike Willis – Gitarre, Gesang
Robert Martin – Keyboards, Gesang
Scott Thunes – Bassgitarre
Chad Wackerman – Schlagzeug
Ed Mann – Schlagwerk
Paul Carman – Altsaxophon
Albert Wing – Tenorsaxophon
Kurt McGettrick – Baritonsaxophon
Walt Fowler – Trompete
Bruce Fowler – Trompete
Sting – Gasthauptgesang auf „Murder by Numbers“
Eric Buxton (Publikumsmitglied) – gesprochenes Wort in der Mitte des Stücks „The Untouchables“