Flying Colors: Third Stage: Live In London
Label: Music Theories Recordings/Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 18. 9. 2020
Albumlänge: 110.48 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.5/10
Und dann war da der 14. 12. 2019, als Flying Colors – die Namen der Mitglieder dieser superben Progressive-Rock-Band müssen hier nicht extra aufgezählt werden – in der britischen Hauptstadt und dem dortigen legendären Sheperd’s Bush Empire auftraten. Ein wie ein Theater gestaltetes Venue, mit Balkonen in mehreren Etagen, Logen, Parkett. Brechend voll. Bis in den letzten Winkel. Wärme, Verbundenheit, die angenehme Magie der Nähe. Eine Verbindung aus universeller Musikmagie und emotionaler Intelligenz, die den Einzelnen bewegt und sich auf die ganze Menge überträgt – wieder einmal ein unvergessliches und grandioses Konzertspektakel also. Alle werden eins und umgekehrt. Einer wird alles.
Flying Colors haben im vergangenen Jahr das Album »Third Degree« veröffentlicht (Rockline Rezension). Damit haben sie einen neuen künstlerischen Schritt nach vorn und nach oben gemacht. Eigentlich lässt sich bei Flying Colors kaum von einer Entwicklung im eigentlichen Sinne sprechen. Wer die Namen der Besetzung überfliegt, stellt schnell fest, dass diese Musiker eine solche Kilometerzahl und Erfahrung mitbringen – und obendrein mit einem außerordentlichen technischen Ausführungsschliff bewaffnet sind –, dass sie unzählige Gesichter ein und derselben Geschichte zeigen können. Und genau das ist das Konzertalbum »Third Stage: Live In London«. Das Repertoire drei Alben, mit Schwerpunkt auf der Präsentation des aktuellen »Third Degree«, das bis dato das konsistenteste und kompakteste Werk geliefert hat. Definiert und auch brillant ausbalanciert.
Flying Colors besitzen unter den drei führenden Gesangsstimmen auch jene, die Casey McPherson gehört. Diese ist auf eine besondere Art einzigartig und verleiht dem Ausdruck der Band eine wichtige Nuance, die Flying Colors von einer potenziellen Ähnlichkeit mit Transatlantic, Spock’s Beard und Neal Morse Band fernhält. Natürlich sind Fans von Flying Colors auch Fans der genannten Bands – und trotzdem. Das Gitarren-Genie Steve Morse als elementares Mitglied des Teams, das der Flying-Colors-Geschichte ihre künstlerische Eigenart verleiht, ist in der Band also nicht völlig allein. Die anderen beiden Vokalisten sind Neal Morse mit seinem charakteristischen, angenehm rauchigen, mitunter auch leicht Lennon-esken Gesang sowie der ewige vermeintliche Vokal-Enthusiast, der unheimlich gerne „ein bisschen singt“, obwohl das niemand vermisst – Schlagzeug-Zauberer Mike Portnoy –, die sich vor allem darum kümmern, McPhersons Stimme mit Vokalbegleitung einzufärben. Die beiden Dixie Dregs-Kumpel Steve Morse (Deep Purple) und Dave LaRue bringen eine Fülle kontrastierender Verspieltheit mit. LaRue entlockt dem Bass eine außerordentliche Durchschlagskraft – im Sinne von Kontrast und Entwicklung der dreidimensionalen Breite und Tiefe des Klangbildes selbst. Seinen Höhepunkt zeigt er vor allem in Stücken wie Geronimo und Forever In A Daze, wo er wild wuselt, eine Funk-Kontur einbringt und geschmackvolle Passagen in der Slap-Technik einbaut.
»Third Stage: Live In London« ist eine Genre-Fusion, bei der das Album bildreich von verspielter Jam-Interaktion bis hin zu ausgeprägtem Pop-Rock und eingängiger Musikalität fließt. Dabei spielt die Band ohne großes Zögern auch mit Elementen des Jazz, sogar des Blues, mit folkloristisch anmutenden Motiven – und der Fokus bleibt dabei immer wieder auf der Jazz-Rock-Fusion.
Die Fans der Band sind nicht von schlechten Eltern. Als Casey absichtlich eine Strophe des Eröffnungsverses von Kayla auslässt, übernimmt das Publikum mühelos die Zeilen selbst. Es ist eines der beliebtesten Stücke der Band, was angesichts der hervorragenden Struktur, die direkt auf Radiofrequenzen gehört, kein bisschen überrascht. Wer von euch vielleicht das hervorragende Cadence vom neuen Album vermisst, braucht sich keine Sorgen zu machen. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen bei der außergewöhnlichen Jazz-Rock-Fusion, die einer der Höhepunkte dieses Werks liefert – die Konzertversion von Infinite Fire. Den Konzertabschluss macht Mask Machine. Das mitreißendste Stück der gesamten Konzertshow. Das Publikum steht! Fantastisches finales Crescendo. Mehr kann man sich einfach nicht wünschen. Interessant ist, dass die Band das Konzert nicht mit einem der neuen Stücke eröffnet. Neben Mask Machine wäre More am naheliegendsten gewesen. Die Entscheidung der Band, das Konzert mit Blue Ocean zu eröffnen, ist aber mehr als berechtigt, da das Stück so strukturiert ist, dass es ein schrittweises, entspanntes Einsteigen der Musiker in die Konzertshow ermöglicht. Eine ruhige, einleitende Kalibrierung der Klangeigenschaften und eine graduierte Steigerung der Atmosphäre.
»Third Stage: Live In London« ist ein makelloses Konzertalbum. Wenn man bedenkt, wie wenig Flying Colors gemeinsam auf der Bühne stehen, ist die überragende Eingespielheit und die Qualität der Darbietung des Materials umso faszinierender. Warum spielen sie so wenig zusammen? Weil sie schlicht keine Zeit haben. Die einzelnen Mitglieder des Quintetts sind gleichzeitig in eine Reihe anderer musikalischer Projekte eingebunden. Nebenbei bemerkt: Steve Morse hatte sich knapp zwei Wochen zuvor mit Deep Purple in Klagenfurt gezeigt (Konzert-Rezension). Die Antwort ist simpel. Die Mitglieder des Quintetts sind schlicht so verdammt gute Musiker, dass sie im Handumdrehen eine gemeinsame Sprache und Bühnenmagie finden. Ein brillantes Werk. In jeder Hinsicht. Hervorragende Kameraeinstellungen im Filmmitschnitt ziehen einen direkt ans Venue. Als wäre die Band bei dir. Zum Greifen nah. Wie gesagt: Sie haben einfach zu viel gesehen und gekostet, als dass ihnen noch irgendetwas schiefgehen könnte. Falls ihr die Band zufällig nicht kennt und zu den Hörern gehört, die mit dreiakkordigen Minimalismus auf einem simplen „Tup-Tup“-Rhythmus nicht zufrieden sind und keines der drei Alben der Band besitzt – dann ist dieses Konzertalbum ein ausgezeichneter Einstieg in die Geschichte von Flying Colors. Fans dieses progressiven Rocks haben das Album schon seit Mitte September eifrig in ihrer privaten Sammlung.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Blue Ocean
2. A Place In Your World
3. The Loss Inside
4. More
5. Kayla
7. Geronimo
8. You Are Not Alone
9. Forever In A Daze
10. Love Letter
11. Peaceful Harbor
12. Crawl
13. Infinite Fire
14. Cosmic Symphony
15. The Storm
16. Mask Machine
Besetzung:
Casey McPherson – Gesang, Gitarre
Neal Morse – Keyboards, Gesang
Steve Morse – Gitarre
Dave LaRue – Bassgitarre
Mike Portnoy – Schlagzeug, Perkussion, Gesang
