Flying Colors: Third Degree
Label: Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 04.10.2019
Produktion: Flying Colors
Albumlänge: 66.08 min
Genre: Progressive Rock
Wertung: 9.5 / 10
Flying Colors sind ein Quintett aus fünf außergewöhnlichen Musikern, die keine große Vorstellungsrunde brauchen. Kurz der Vollständigkeit halber: Neal Morse (Keys), Steve Morse (Gitarre), Dave LaRue (Bass), Mike Portnoy (Schlagzeug) und Casey McPherson (Gesang). »Third Degree« ist, wie der Albumtitel schon sagt, das dritte Studiowerk dieser Besetzung. Das gleichnamige Debüt erschien 2012, zwei Jahre später folgte »Second Nature« (2014), und noch mal fünf Jahre sollten vergehen, bis wir endlich das dritte Kapitel dieser Bandgeschichte bekamen.
Diese Männer kennen sich in- und auswendig. Neal Morse und Portnoy hängen musikalisch schon seit Jahren unzertrennlich zusammen – Portnoy trommelt verlässlich bei Morses Studioarbeiten, und davon gibt es nicht wenige. Außerdem haben sich die beiden jüngst innerhalb der wieder aktiven Transatlantic reaktiviert. Steve Morse und Dave LaRue sind alte Kumpels aus The Dixie Dreggs-Zeiten. Dazu kommt: Wir reden hier von technisch makellos versierten Musikern, die als Einzelpersonen jeweils ihren ganz eigenen Sound und Spielstil pflegen. Weil sie ununterbrochen spielen und aufnehmen, halten sie ihre kreative Form dauerhaft auf hohem Niveau – und das gilt auch für die konstant hohe konzeptionelle Durchdringungskraft, die ihre Kompositionen begleitet.
Genremäßig wirken Flying Colors wie eine Art verlängerter amerikanischer Antwort auf jene Neo-Prog-Rock-Bands, die, von Genesis inspiriert, Ende der Achtziger und in den Neunzigern auf den britischen Inseln aufgetaucht sind – wobei die Musik von Flying Colors Fans klassischer Kansas sehr schnell vertraut vorkommen dürfte. Flying Colors entwickeln ihre eigenständige, unverwechselbare Aussage, und tatsächlich ist es bemerkenswert, wie der Beitrag jedes einzelnen der fünf Mitglieder im musikalischen Gefüge der Band gleichwertig und in wunderschöner Balance zu den übrigen Klangelementen (und dem Stil) zur Geltung kommt.
Die Band hat bis heute ihr ambitioniertestes Werk abgeliefert. Die fünfjährige Pause hat hervorragend gewirkt. Das Ergebnis ist ein Album brillanter Fusion, das aus den Klassikern der symphonisch-progressiven Pioniere schöpft (Kansas, Gentle Giant, Yes), neoklassische Arrangements aufgreift, außergewöhnliche Musikalität zeigt – geerbt aus dem obsessiven Teenagerhören von The Beatles und den frühen Queen. Das ganz eigene Gepräge der Band verleihen ihr einerseits Gitarrist Steve Morse mit seinen meilenweit wiedererkennbaren Gitarrenharmonien, die sein markantes Solospiel begleiten, und seiner Kunst, Übergänge mit dekorativen Motiven auszustatten – und andererseits Sänger Casey McPherson, der sich gegenüber dem Debüt vokal noch einmal kräftig entfaltet hat und als Sänger eine außerordentliche Reife beweist. Er besitzt eine unverkennbare Klangfarbe, stattet Gesangslinien mit einem charakteristischen Vibrato aus bzw. setzt damit Kontraste, und dank seines Beitrags können die Songs auch an theatralischer Düsternis gewinnen.
Das Album eröffnet mit dem aufgedrehten The Loss Inside, das sich auf ausdrucksstarkes Gitarrenphrasieren stützt; darauf folgt das theatralische More mit dunklem Refrain. Das dritte Stück Cadence ist eine echte Offenbarung – es gleitet hin zu den Ursprüngen des klassischen symphonischen Prog-Rock der Siebziger, mit einem epischen Refrain und glänzend gesetzten vokalen Chorharmonien. Ein außerordentlich prägender Refrain begleitet es, dazu sprühender Positivismus. Für Love Letter, einen der ansteckendsten Tracks des Albums, schulden Flying Colors den Beatles direkt Dank für die Inspiration. The Guardian reißt den ersten Platz in Sachen epischer Bombastik an sich, mit einem unglaublich einprägsamen Strophe-Refrain-Gespann, das sich sofort ins Ohr frisst. Ein Song, den die Fans schnell als ihren eigenen beanspruchen werden. Last Train Home gilt als das Herzstück dieses Albums und gehört neben dem abschließenden Crawl zu den ambitioniertesten Stücken von »Third Degree«. Eine klassische Prog-Rock-Delikatesse, wie man sie von solchen Assen und der Band selbst einfach erwartet. Ohne Zweifel der erste Höhepunkt des Albums (der zweite wartet am Ende mit dem atemberaubenden »Drama aller Dramen« Crawl). Im verspielten Pop-Jazzy-Blues-Spaßmacher Geronimo würden sich auch Mitglieder von Steely Dan oder Toto schnell heimisch fühlen. Eine absolut unerwartete, aber höchst willkommene Abweichung des Albums – die allerdings wieder mit einem pompösen Refrain aufwartet. Die Ballade You Are Not Alone berührt in den Strophen die Verwüstungen durch Hurrikan Harvey, der vor Jahren McPhersons Heimatstadt Austin heimgesucht hat.
»Third Degree« ist in jeder Hinsicht ein exzellentes Album. Was konzeptionelle Vielfalt angeht und was außerordentlich vollendete und ausgearbeitete Arrangements betrifft. Daran konnte man angesichts der enormen Eingebundenheit der Quintettmitglieder in andere Bands und Projekte durchaus zweifeln – doch jeder Zweifel ist schlicht überflüssig. Erstklassige Zusammenarbeit im Studio, perfektes Zusammenspiel aller Klangelemente, außergewöhnliche Ergänzung im immerwährenden Theater der gegenseitigen konzeptionellen Herausforderung sowie im Geflecht des darstellerischen Charakters, begleitet von einer brillanten chemischen Wahrnehmung füreinander. Auf »Third Degree« hat sich im Studio alles zu einem idealen Bild gefügt! Flying Colors begeistern immer wieder mit ihrer unglaublich ausgewogenen Haltung zwischen außergewöhnlicher musikalischer Eingängigkeit und jenem, weswegen Progressive-Rock-Enthusiasten immer wieder und immer wieder zurückkehren. Außergewöhnliche Vielfalt in der Kombination von bildhaften Passagen, das Kreuzen plötzlicher Brüche in rhythmischen Texturen, und gleichzeitig die konstante Beibehaltung des roten Fadens im Geflecht des Wechsels zwischen Leitmotiven. Der Abenteuerdrang von Avantgarde-Experimentiereien fällt vollständig weg. In über 66 Minuten, die das neue Album aufbietet, liefern Flying Colors erstklassige musikalische Rhetorik, in der es keinen einzigen winzigen Moment gibt, der dem Hörer Zeit stehlen würde – ganz im Gegenteil. Es spricht mit außergewöhnlicher Sogwirkung an, hält den Hörer in ständiger Spannung, fest an seiner Seite, und wenn das Album endet, fällt es wirklich schwer, nicht sofort wieder den Befehl »Wiederholen« am Plattenspieler (bzw. CD-Player) zu drücken.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. The Loss Inside (5:51)
2. More (7:10)
3. Cadence (7:40)
4. Guardian (7:11)
5. Last Train Home (10:32)
6. Geronimo (5:20)
7. You Are Not Alone (6:22)
8. Love Letter (5:10)
9. Crawl (11:14)
Besetzung:
Casey McPherson – Gesang, Gitarre
Neal Morse – Keyboards, Hintergrundgesang
Steve Morse – Gitarre
Dave LaRue – Bass
Mike Portnoy – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang
