Fish: Fellini Days

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Label: Chocolate Frog Records
Erscheinungsdatum: 13. 8. 2001
Produktion: Elliot Ness
Albumlänge: 51.42 min
Genre: Progressive Rock / Neo-Prog
Wertung: 8.5/10


Der schottische Sängerfürst Fish veröffentlichte 2001 sein siebtes Studioalbum »Fellini Days«, das zugleich sein erstes beim eigenen, unabhängigen Label Chocolate Frog Records war. Darauf führte er die erfolgreiche Klangformel des Vorgängeralbums »Raingods With Zippos« (1999) fort und spielte mit einigen neuen Klangelementen, die seinen Sound entscheidend modernisierten – ein Sound, der vor allem durch den Einsatz begleitender weiblicher Vokalharmonien, massiver Klangwände und verträumter Soundscapes in vielerlei Hinsicht einige Trends innerhalb des Progressive Rock zu Beginn des 21. Jahrhunderts widerspiegelte. Der Albumtitel war Fishs Hommage an seine Leidenschaft für das Kino und an den legendären italienischen Filmregisseur Federico Fellini.

Auch Fishs Begleitband erlebte zwei interessante Veränderungen. Langjährigen Gitarrist Frank Usher ersetzte auf »Fellini Days« John Wesley, der als erfolgreicher Solomusiker und langjähriger Mitarbeiter von Porcupine Tree bekannt ist, während auf den Keyboards John Young (Lifesigns, ex-Greenslade) zum Einsatz kam, der seine Arbeit auf dem Album – das man getrost als Fishs ambientiell düsterstes Werk zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bezeichnen kann – mit Auszeichnung erledigte.

Wesley und Young hatten zugleich einen großen kompositorischen Einfluss auf den kreativen Prozess der einzelnen »Fellini Days«-Tracks und halfen dem charismatischen schottischen Sänger – ähnlich wie Steven Wilson (Porcupine Tree) auf den beiden vorangegangenen Werken – das Klangbild zu modernisieren, das dem zeitgenössischen Progressive Rock näherkam. Mit diesem Album verabschiedete sich Fish endgültig von seiner Neo-Prog-Vergangenheit, worum er sich als Solomusiker mehr oder weniger bemüht hatte, seit er 1988 Marillion verließ.

Fishs Texte auf »Fellini Days« sind noch zynischer und gesellschaftskritischer als gewöhnlich – das zeigt sich bereits im düsteren, beinahe postapokalyptisch gefärbten Eröffnungstrack »3D«, seiner Kritik an der ungezügelten Entwicklung elektronischer Technologie, die leider der Entwicklung menschlicher emotionaler Intelligenz weit vorauseilt. Auf diesem Track sind auch Aufnahmen von Fellinis Regieanweisungen während der Dreharbeiten zu einem seiner zahlreichen Filme zu hören. Zahlreiche elektronische Samples und Soundeffekte im Hintergrund untermalen treffend die nostalgische und zugleich melancholische Atmosphäre, während Fish auf meisterhafte Weise mithilfe weiblicher Vokalharmonien eine echte Ambient-Dramaturgie aufbaut. Auch im nicht minder melancholischen und noch düstereren »So Fellini« – einem weiteren gelungenen Aufgreifen der damaligen Prog-Rock-Klangtrends – strotzt Fishs Gesang nur so vor dramatischen Emotionen.

»Tiki 4«, das feine akustische Arrangements und exzellente Vokalharmonien aus dem Zusammenspiel von Fishs vokalem Chamäleonismus und den weiblichen Begleitstimmen vereint, ist dennoch eine etwas heiter gefärbte Schöpfung. »Our Smile«, zweifellos der zugänglichste Track auf »Fellini Days«, ist eine emotionale Power-Ballade mit einer interessanten Gitarrenphrase, mächtigen weiblichen Begleitharmonien und einer der ergreifendsten Gesangsdarbietungen Fishs auf diesem Album. Das lebhafte und leidenschaftliche »Long Cold Day«, das sich schnell als Fishs Konzertstandard etablierte, rückt überraschend eine bluesrockige Gitarrenphrase in den Vordergrund, während der große Vokal-Chamäleon diesmal höhere stimmliche Lagen berührt, die er nach seinem Weggang von Marillion oft gemieden hatte.

»Dancing in Fog« ist ein weiteres anschauliches Beispiel für prog-rockigen Klang-‚Modernismus‘ zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit ausgiebigem Einsatz von Soundscapes und programmierten elektronischen Samples, während die weiblichen Begleitvokale diesmal etwas mehr in den Hintergrund gedrängt werden. »Obligatory Ballad« ist, wie der Titel schon sagt, eine akustisch ausgerichtete Liebesballade und zugleich überzeugend der schwächste und ’schläfrigste‘ Moment des Albums. Selbst Fishs Gesangsdarbietung klingt hier etwas gelangweilt – als würde er beim Singen einfach die Emotionen ‚durchwandern‘, was für ihn eigentlich ziemlich ungewöhnlich ist. Auch »The Pilgrim’s Address« beginnt als langsame, akustisch ausgerichtete Ballade, die eine weitere zähe Erfahrung verspricht, doch dann setzt plötzlich ein Übergang in eine lebhafte, dramatische Passage ein, in deren Mitte der schottische Hochländer endlich in seinem spezifischen, melodramatischen ‚größer-als-das-Leben‘-Gesangsstil auflebt, während die Songstruktur rasch dem sinfonischen Prog näherkommt als dem Folk Rock.

Den gemischten Eindruck, den die zweite Hälfte von »Fellini Days« hinterlässt, rettet das düstere Drama »Clock Moves Sideways«, das das Album so abschließt, wie es sich für Fish gehört – auf melodramatische und zutiefst emotionale Weise. Irgendwo in der Mitte taucht eine kurze ’spanische‘ Sektion mit akustischen Gitarrenpassagen und einem Gespräch auf Spanisch auf. Der dramatische Refrain, der Fish wieder emotional ‚zerreißt‘ und in dem der Albumtitel erwähnt wird, wird im Laufe des Textes durch das Wort »Fugazi« ersetzt – ein Begriff, der allen Fish-era-Marillion-Fans bestens bekannt ist. Die Referenz auf die ruhmreiche Vergangenheit inmitten der allgemeinen Düsternis verstärkt noch die nostalgische und düstere Ambiance dieser abschließenden Komposition.

Mit »Fellini Days« trat Fish endgültig in seine nächste kreative Phase ein, in der er im Vergleich zu seinem bisherigen musikalischen Werk einen gleichsam logischen Schritt nach vorne machte und aufhörte, sich mit den Erwartungen seiner ‚traditionellen‘ Fanbasis und einem möglichen kommerziellen Erfolg zu belasten. Man könnte sagen, dass dieses Album einen entscheidenden Einfluss auf seine neue kreative Phase hatte, die um die Jahrtausendwende begann, als er mithilfe talentierter musikalischer Mitstreiter wie Wesley und Young zur richtigen Zeit sein Klangbild auffrischte. Obwohl das Album nicht ohne einen oder zwei etwas schwächere und zähere Momente war – was Fish im Laufe seiner Solokarriere schon öfter passiert ist – war »Fellini Days« als Ganzes dennoch eines der besseren Progressive-Rock-Alben des Jahres 2001.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Trackliste:
1. 3D (9:11)
2. So Fellini (4:06)
3. Tiki 4 (7:32)
4. Our Smile (5:25)
5. Long Cold Day (5:33)
6. Dancing In Fog (5:30)
7. Obligatory Ballad (5:15)
8. The Pilgrim’s Address (7:18)
9. Clock Moves Sideways (7:17)

Besetzung:
Derek Dick „Fish“ – Gesang
John Wesley – Gitarre
John Young – Keyboards
Steve Vantsis – Bass
Dave Stewart – Schlagzeug
Dave Haswell – Perkussion
Susie Webb – Backing Vocals
Zoe Nicholas – Backing Vocals
Paddy Mayne – gesprochenes Wort auf Track Nr. 8
Eric Dewolf – Programmierung auf Track Nr. 9


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