Diamond Head: Lightning To the Nations 2020
Label: Silver Lining Music
Erscheinungsdatum: 20. 11. 2020
Produktion: Brian Tatler & Rasmus Bom Andersen
Albumlänge: 60.53 min
Genre: Heavy Metal / N.W.O.B.H.M.
Wertung: 9.0/10
»Lightning To the Nations« gilt heute als Kult-Heavy-Metal-Album. Letzten Herbst jährte sich sein Erscheinen zum 40. Mal, und der legendäre Gitarrist – und in der heutigen Inkarnation von Diamond Head das einzige originale (und Gründungs-)Mitglied – Brian Tatler hatte schon eine Weile mit dem Gedanken gespielt, dass es anlässlich des nahenden 40. Geburtstags verdammt viel Spaß machen würde, das Album noch einmal aufzunehmen. Mit der aktuellen Diamond Head-Besetzung, die sich vor einigen Jahren um Brian zusammengefunden hat und mit der er zwei starke Alben veröffentlichte: »Diamond Head« (2016) und »The Coffin Train« (2018). Beide Alben erschienen beim Label Silver Lining Music, das auch die Neueinspielung des kultigen N.W.O.B.H.M.-Klassikers unterstützte, der erstmals am 3. 10. 1980 erschienen war.
Tatler hätte das alles kaum alleine hingekriegt ohne den in London lebenden dänischen Musiker Rasmus Bom Andersen, der dort ein Studio besitzt und auch am Produzentenpult zu Hause ist – und der nebenbei als außergewöhnlicher Vokalist glänzt, den Tatler vor Jahren mit großer Begeisterung in die Reihen der neuen Diamond Head aufgenommen hat.
Das Album »Lightning To the Nations« ist ein Werk, das der absoluten Perfektion sehr nahekommt. Gemessen an den Anfängen des Heavy Metal in den frühen Achtzigern. Diamond Head hatten in den Jahren 1979 und 1980 ziemlich viel Pech durch die unkluge Strategie ihres damaligen Managements – die Band veröffentlichte das Album mit einer erheblichen Verzögerung und nahm am Ende, anstatt zur richtigen Zeit (mindestens ein halbes Jahr früher) eines der verlockenden Angebote damals stärkerer Labels anzunehmen, die Sache selbst in die Hand und brachte ein Low-Budget-Album heraus. Diamond Head hatten sich innerhalb der N.W.O.B.H.M.-Szene jener Zeit einen Namen gemacht (auch durch Auftritte an der Seite von AC/DC und Iron Maiden Anfang 1980). Sie gehörten zur absoluten Spitze dieser neuen Bands der ersten Metal-Ära – nur ein Album war einfach nicht aufzutreiben. Andere Gruppen ihrer Zeit – Diamond Head wurden bereits 1976 gegründet – hatten bis zur ersten Jahreshälfte 1980 bereits ernsthaft Fuß gefasst (z. B. Iron Maiden, Saxon, Def Leppard). Diamond Head verpassten trotz glänzender Aussichten mit ihrem außergewöhnlichen Debüt leider den Zug. Der war nämlich ein halbes Jahr früher abgefahren. Mitte April 1980.
Und dann tauchte Lars Ulrich auf. Er hörte 1980 eine Compilation des Labels MCA Records mit dem Titel »Brute Force«. Darauf befand sich der Song »It’s Electric«, den Tatler – begeistert von Angus Youngs Phrasierung mit Breaks – bereits 1978 geschrieben hatte. Ich mache die ohnehin bekannte Geschichte kurz. Der Großteil des Ruhms oder sagen wir lieber der breiten Bekanntheit, die Diamond Head später zuteil wurde, liegt auf den Schultern von Metallica (und auch Megadeth), die im Laufe ihrer Karriere Klassiker des Albums »Lightning To the Nations« live gespielt haben. Die Bedeutung und Größe dieses Albums ist also auch nach 40 Jahren weit größer, als es auf den ersten Blick scheint. Die Frage wäre, ob der Bay Area Thrash Metal so explodiert wäre, wie er es getan hat.
Die Neuauflage des Albums trägt den Titel »Lightning To the Nations 2020«. Ihr ahnt es. Es ist eine Revision. Eine Auffrischung des Klassikers. Diesmal in Quintett-Besetzung. Mit einer völlig anderen Aufnahme- und Produktionstechnik. Diesmal mussten keine Studiokosten im Blick behalten werden – das Original war vor gut 40 Jahren in gerade mal vier Tagen aufgenommen worden. Das Team konnte sich Zeit lassen und sich eingehend um jeden einzelnen Detail kümmern. »Lightning to the Nations« bewahrt seine Zeitlosigkeit, die sich in der Zeitlosigkeit der sieben Klassiker verkörpert, deren ambitionierte Anlage vollblütig begeistert. Auch 40 Jahre später. Die Revision des Albums entwickelt eine ausgeprägt aufgeplusterte klanglich Weiterentwicklung, was zu erwarten war, wenn nicht gar selbstverständlich. Jetzt mit zwei Gitarristen! Tatler hat die Gitarrensoli aktualisiert und sich endlich einen Traum erfüllt: einige Ideen und Ornamente in die Songs zu bringen, die er schon immer einbauen wollte. Dank des chamäleonartigen Andersen wirkt alles ganz mühelos. Das Gespann aus diesem außergewöhnlichen Sänger und dem legendären Gitarristen ist nämlich der entscheidende Katalysator für alles, was die aufgefrischte und neu eingespielte Version dieses Albums umfasst. »Sucking My Love« zum Beispiel, das im Original über neun Minuten läuft, ist jetzt um mehr als zwei Minuten kürzer. Der Song bewahrt dabei jedoch auch diese grundlegende Information über die Ursubstanz von Diamond Head, die bis zu den unauslöschlichen Einflüssen des Gitarrenspiels von Michael Schenker und seiner UFO-Ära der Siebziger reicht.
Am Ende von »Lightning To the Nations 2020« finden sich auch vier Coverversionen. »No Remorse« gilt als eine Art Dankeschön an Metallica – und interessanterweise wirkt es in den Händen der aktuellen Diamond Head wie ein verlorener, aber aufgefrischter Klassiker des »Lightning To The Nations«-Albums. Genau das, was die Band im Jahr 2020 erreichen wollte. Dem Hörer dieses Gefühl zu vermitteln. Die anderen drei Coverversionen sind Brian Tatlers persönliche Wahl und verbinden auf sinnvolle Weise sein Aufwachsen mit den Klassikern der Rock-Pioniere der Siebziger mit dem Wesen und Schaffen von Diamond Head.
Die erstklassige Neugestaltung des Debüts durch die legendäre Band erlebt neben zwei starken neuen Veröffentlichungen eine neue Renaissance. Das Gefühl intensiven Genusses und der Momente großer Entspannung, die das Hören der revitalisierten Version des Debüts begleiten, ist allgegenwärtig. Auch wenn das Album in seiner Originalversion ein Pflichtbestandteil der Sammlung jedes echten Old-School-Metal-Fans ist, kann die »Neuauflage« – genauer gesagt die aufgefrischte Version des Albums – ein phänomenaler Einstieg für alle Neugierigen sein, die nicht wissen, wie sie einen Zugang zu den Zeiten des Heavy-Metal-Pioniergeistes und seiner Innovationen finden sollen. Es ist kaum zu glauben, wie diese Riffs auch heute noch intensiv und ungeheuer packend sind. Mit dem Anlauf gewaltiger Potenz, dem Theater okkulter Verdammnis, teuflischer Bösartigkeit, Epik, Aufsässigkeit, Wut und dem Gefühl nach Selbstbehauptung. Die Flügel edel gehärteter Phrasen und Ideen bewahren auch nach 40 Jahren diamantene Festigkeit und den entschlossenen Schwung des Diamantenschnitts. Auch in ihrer Revision und Modernisierung. Angesichts des verheerenden Bildes des aktuellen Albums »The Coffin Train« (Rockline Rezension), das bei seiner Veröffentlichung im Mai 2018 in den »UK Rock & Metal Albums Chart« Platz 5 der meistverkauften Platten belegte, wird es spannend sein zu beobachten, wie viel von der chemischen Wirkung der alten guten Phrasen in die Ideen für das neue Album einfließen wird. Die hohen Erwartungen sind mehr als berechtigt. Und Diamond Head treten weiterhin Seite an Seite mit ihren Zeitgenossen an: Raven, Cloven Hoof, Satan, Blitzkrieg, Tokyo Blade, Jameson Reid, Weapon UK, Tygers of Pan Tang und nicht zuletzt – denn wie könnte es anders sein – Saxon und Iron Maiden. Als wären diese 40 Jahre nie vergangen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Lightning To The Nations
2. The Prince
3. Sucking My Love
4. Am I Evil?
5. Sweet And Innocent
6. It’s Electric
7. Helpless
8. No Remorse
9. Immigrant Song
10. Sinner
11. Rat Bat Blue
Besetzung:
Rasmus Bom Andersen – Gesang, Orchestrierungen, zusätzliche Gitarren
Brian Tatler – Solo- & Rhythmusgitarre
Andrew „Abbz“ Abberley – Rhythmus- & Sologitarre
Dean Ashton – Bassgitarre, Orgel
Karl Wilcox – Schlagzeug
