Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 20. 6. 2011
Produktion: Devin Townsend
Albumlänge: 70.49 min
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 9.5/10
Der kanadische Multitalent-Musiker und Produzent Devin Townsend, der sich oft auf dem schmalen Grat zwischen Klanggenie und Klangterrorist bewegt, setzte 2011 die Erfolgsgeschichte fort, die er 2009 mit seinem Soloprojekt Devin Townsend Project begonnen hatte. »Deconstruction«, eine Art Querschnitt durch Devins aggressivere und experimentierfreudigere Seite, war eines von zwei Studioalben, die am selben Tag erschienen (20. Juni 2011), die sich in Stil, Atmosphäre und kompositorischer Struktur aber kaum unterschiedlicher hätten sein können. Während »Ghost« (RockLine Rezension) ein new-agiges, spirituelles Ambient-Album war, das selbst der Dalai Lama abgenickt hätte, war das konzeptuell ausgerichtete »Deconstruction«, das klanglich eher einem Frank Zappa gefallen hätte, wäre er noch am Leben, ein ‚traditionelleres‘ Devin-Werk mit einem Haufen brutaler, experimenteller, chaotischer und avantgardistischer Momente, in dem es an schrägen Humor und gesellschaftlicher Satire nicht mangelte. Auch Devins Vergangenheit mit der Extremmetal-Band Strapping Young Lad kommt auf »Deconstruction« immer wieder an die Oberfläche.
»Deconstruction« enthielt neben zwei Schlagzeugern – Devins kanadischem Landsmann Ryan Van Poederooyen und dem Belgier Dirk Verbeuren (Megadeth, ex-Soilwork) – eine ganze Reihe von Gastvokalisten. Mit Ausnahme von Mikael Åkerfeldt (Opeth) und Floor Jansen (Nightwish, ex-After Forever) sind es Sänger, die hauptsächlich im Bereich Extreme Metal operieren. Wie gewohnt war Devin selbst der zentrale Sänger, der immer wieder mit seinem außergewöhnlichen, völlig unberechenbaren vokalen Chamäleon-Talent begeistert. Alle Orchesterarrangements auf »Deconstruction« schrieb und arrangierte Devin mithilfe von Pro Tools, was eine erfolgreiche Transkription der Orchestrierung ermöglichte. Die Orchesterarrangements wurden anschließend vom Prager Philharmonischen Orchester eingespielt.
»Deconstruction« enthält, wie bereits erwähnt, ein Konzept, das – passend zu Devins bipolarer Natur – bizarr-komisch ist, aber bei weitem nicht so komplex und ambitioniert wie beide Teile seiner populären Science-Fiction-Satire und Space-Oper »Ziltoid the Omniscent«. Diesmal geht es um die Geschichte eines übermäßig wissbegierigen Individuums, das die ‚ultimative Wahrheit‘ ergründen will. Am Ende, nach zahlreichen seltsamen und komischen Abenteuern, gelangt es in die Hölle zum Teufel, der ihm die Antwort auf seine brennende Frage ‚Was ist der Sinn von allem‘ anbietet. Zu seiner großen Empörung und Enttäuschung präsentiert ihm der Teufel als Essenz des Lebens einen Cheeseburger, der ihm als Vegetarier herzlich wenig nützt – und so bleibt er verbittert ohne persönliche Erleuchtung. Devin wollte nach eigenen Angaben trotz der chaotischen Natur des Albums am Ende eine positive Botschaft hinterlassen.
Der Eröffnungstrack »Praise the Lowered«, der einen vergleichsweise ruhigen Albumauftakt darstellt, ist eine höchst gelungene Kreuzung aus Art Rock und Prog Metal, bei der die meiste Zeit ambient ausgerichtete Keyboards im Vordergrund stehen – ähnlich denen vom Album »Ghost«, nur mit einem höheren Anteil an elektronischen Samples. Etwa auf halbem Weg folgt ein Übergang in einen vampiresken Extreme-Metal-Abschnitt, in dem Paul Kuhr (Novembers Doom) die Hauptvokallinie übernimmt. Stellenweise klingt diese Komposition wie eine Art stilistische Brücke zwischen den beiden am selben Tag erschienenen Alben und wie die Ruhe vor dem experimentellen, chaotischen, avantgardistischen und fetzigen Kataklysmus, der im weiteren Verlauf von »Deconstruction« folgt.
»Stand«, bei dem sich der aggressiv aufgelegte Mikael Åkerfeldt dem Hauptgesang Devins anschließt, beginnt mit einer sich steigernden, düsteren Einleitung, die den Boden für eine brutale, komplexe, chaotische und kataklystische Fortsetzung bereitet. Nebenbei ‚errichtet‘ Devin auch die für ihn typischen apokalyptischen Vokalharmonien und Klangwände. Nach einer kurzen ‚Ruhepause‘ folgt ein brutal-epischer Abschluss, der durch Mikaels Präsenz an ältere Opeth-Werke erinnert. Das symphonisch-metal-orientierte »Juular« klingt stellenweise wie der Soundtrack eines gotischen Horrorfilms. Hier sorgt Ihsahn (Emperor) für die extremen Black-Metal-Vocals und hilft Devin dabei, die Atmosphäre und Vision einer gothischen Version von Alice auf ihrer Reise in eine schaurige Version des Wunderlandes zu erschaffen.
»Planet of the Apes« enthält eine nahezu ideale Fusion aus Prog-Metal-, Extreme-Metal- und Avantgarde-Metal-Elementen und vereint auf diese Weise scheinbar unvereinbare Klangelemente. Hier übernimmt Tommy Giles Rogers von Between the Buried and Me eine wichtige Gesangsrolle, insbesondere in den brutaleren Momenten. Etwa in der Mitte des Tracks taucht völlig unerwartet ein ambientreicher, melodisch ausgerichteter Prog-Rock-Abschnitt mit mächtigen Vokalharmonien auf – der hält aber nicht lange an, denn bald übernimmt wieder die brutale und chaotische Vokalminestrone das Ruder. Trotz all diesem Chaos, begleitet noch von einem ‚durchgeknallten‘ Gitarrensolo, gelingt es Devin erneut, einen epischen Abschluss hinzulegen.
Das nicht minder epische, chaotische und brutale »Sumeria« holt sich gleich zwei Gastsänger – Joe Duplantier (Gojira) und Paul Masvidal (Cynic, ex-Death) –, die Devins vokales Chamäleon-Talent gut ergänzen. Dieser apokalyptisch gestimmte Track wird sowohl Freunden des Symphonic Metal als auch des Extreme Metal gefallen. Der Übergang in einen wehmütigen, akustisch ausgerichteten Abschluss ist nur eine der zahlreichen Überraschungen, an denen es auf »Deconstruction« wahrlich nicht mangelt.
Das postapokalyptische Abenteuer »The Mighty Masturbator«, mit über 16 Minuten die längste Komposition auf »Deconstrukction« und zugleich das Highlight des Albums, verrät schon mit seinem Titel, dass es sich um eine unberechenbare Mischung aus schrägen Humor, Chaos, Aggressivität, Wahnsinn, Genialität und Epik handelt. Der gothisch gefärbte Intro steht in vollständiger Übereinstimmung mit dem Cover dieses Albums, während die unberechenbaren Vokalharmonien erneut auf außergewöhnlichem Niveau sind. Diesmal assistierte Greg Puciato (ex-The Dillinger Escape Plan) beim Hauptgesang und vereinte sich dabei gut mit Devins stets unberechenbaren Gesangskapriolen. Bestimmte instrumentale Abschnitte dieser superkomplexen Komposition sind auf so chaotische und blitzschnelle Weise gespielt, dass die Bezeichnung ‚masturbatorischer Metal‘ hier mehr als angemessen wäre. Natürlich darf ein komischer Abschluss nicht fehlen, der klingt wie der Soundtrack zum Abspann eines ’naiven‘ Filmspektakels aus den frühen Sechzigern.
Auf »Pandemic«, das wie ein chaotisches Aufeinandertreffen zwischen einer progressiv ausgerichteten Extreme-Metal-Band und Nightwish klingt, glänzt Floor Jansen mit ihrem Sopran und ergänzt inmitten des klanglichen Kataklysmus Devins sich ständig wandelnde Gesangsdarbietung hervorragend. Die Titelkomposition enthält ein bis zum Äußersten verrücktes, ‚masturbatorisches‘ Gitarrensolo von Fredrik Thordendal (Meshuggah), während sich dem Hauptgesang Devins mit seinem Kreischen der inzwischen verstorbene Oderus Urungus (Gwar) anschließt. An unerwarteten Tempowechseln mangelt es wahrlich nicht. Ein humoristischer Einschub folgt kurz nach dem Mittelteil mit Operetten-Vokalharmonien. »Deconstruction« endet mit dem kataklystischen »Poltergeist«, einer symphonischen Death-Metal-Brühe, die so brutal und vampiresk klingt, dass sich beim Anhören dieser Komposition selbst der Teufel erschrocken in den tiefsten Winkel der Hölle verkriechen und dabei seinen Cheeseburger vergessen würde.
Mit »Deconstruction« ist Devin trotz vorherrschendem Chaos, Experimentierfreude, verrücktem Humor und Rohheit ein überaus hörenswertes Album gelungen, das zweifellos eines der ungewöhnlichsten, durchgeknalltesten, aufregendsten und komplexesten Werke seiner turbulenten und unberechenbaren musikalischen Karriere ist. Nur sehr wenige Musiker sind in der Lage, ein solches Kunststück zu vollbringen – was wohl am meisten über sein Genie als Komponist, Arrangeur und Produzent sowie über sein grenzenloses Talent aussagt, klanglich unglaublich reiche, komplexe und atmosphärisch intensive Musik zu schaffen, die den Hörer stets von Kopf bis Fuß vollständig in ihren Bann zieht.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Diese Albumrezension erscheint zu Devin Townsends 49. Geburtstag – wir wünschen ihm noch viele wunderbar verrückte musikalische Ideen sowie unerschöpfliche kreative Inspiration.
Tracklist:
1. Praise the Lowered (6:02)
2. Stand (9:36)
3. Juular (3:46)
4. Planet of the Apes (10:59)
5. Sumeria (6:37)
6. The Mighty Masturbator (16:28)
7. Pandemic (3:29)
8. Deconstruction (9:27)
9. Poltergeist (4:25)
Besetzung:
Devin Townsend – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards
Ryan Van Poederooyen – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 1, 2, 4, 6 und 10
Dirk Verbeuren – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 3, 5, 6, 7, 8 und 9
Gastmusiker:
Fredrik Thordendal – Gitarrensolo auf Track Nr. 8
Paul Kuhr – Gesang auf Track Nr. 1
Mikael Åkerfeldt – Gesang auf Track Nr. 2
Ihsahn – Gesang auf Track Nr. 3
Tommy Giles Rogers – Gesang auf Track Nr. 4
Joe Duplantier – Gesang auf Track Nr. 5
Paul Masvidal – Gesang auf Track Nr. 5
Greg Puciato – Gesang auf Track Nr. 6
Floor Jansen – Soprangesang auf Track Nr. 7
Dave Brockie (Oderus Urungus) – Gesang auf Track Nr. 8
Florian Magnus Maier – Hintergrundgesang auf den Tracks Nr. 2 und 6
Prager Philharmonisches Orchester
