D:A:D – Speed of Darkness
Veröffentlicht: 4. 10. 2024 bei AFM Records
Produktion: Nick Foss
Laufzeit: 53:52
Genre: Hard Rock
„Korporativer Rock für korporative …“
Gut, dass Mitte der Neunziger Handys noch nicht verbreitet waren. Was also in einem bestimmten Studentenwohnheim zu den Klängen der Platten D.A.D. Draws a Circle (1987), No Fuel Left for the Pilgrims (1989), Riskin‘ It All (1991) und in dunkleren Momenten auch Helpyourselfish (1995) so alles abging — davon existiert kein Bild- und Tonmaterial. Wirklich, wirklich gut so …
Und dann das legendäre Konzert in Graz (Orpheum) im Jahr 2006 vor ungefähr 27 Besuchern … Erinnerungen, Erinnerungen, Erinnerungen.
Nach dem kommerziellen Flopp beim Versuch, mit dem Album Riskin‘ It All den großen Teich zu überqueren, verschwand die Band der zähen Nordlichter irgendwie aus dem kollektiven Gedächtnis des durchschnittlichen Hard-Rock-Hörers. Den Superstar-Status in der Heimat (Dänemark) und den umliegenden skandinavischen Ländern — irgendwie runter bis nach München — hat sie jedoch behalten. Weiter südlich sieht man sie sehr selten, aber der Unterzeichnende wird sie diesen November definitiv in München oder Mailand sehen und hören (Terminliste).
Die Band hat im letzten Jahrzehnt des vergangenen und im ersten Jahrzehnt des laufenden Jahrtausends regelmäßig Alben in ihrem unverwechselbaren Stil veröffentlicht, nach 2011 aber irgendwie den Schwung verloren — es folgten nur noch A Prayer for the Loud im Jahr 2019 und das diesjährige Speed of Darkness, das mit dem 40-jährigen Bandjubiläum zusammenfällt. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, dem empfehle ich das fantastische Live-Album Psychopatico aus dem Jahr 1998.
Der Stil von D.A.D. (Abkürzung für Disneyland After Dark) ist eine sehr eigenwillige Mischung aus AC/DC-Riffs mit Anklängen von Country, Punk (die früheren Werke) und unglaublich unterhaltsamen, rätselhaften Texten. Diese schreibt Bassist Stig Pedersen, bekannt für seine irren Bühnenkostüme und seinen zweiteiligen Bass.
Wo steht das neueste Album in dieser Geschichte (das Cover dürfte Fans von Helloween sehr vertraut vorkommen)? Genau in der Mitte. Die Musik hat sich seit den Riskin‘ It All-Zeiten nicht wesentlich verändert, sie ist nur ein bisschen langsamer, ein bisschen vorhersehbarer und ein bisschen weniger unterhaltsam geworden. Die Zutaten sind noch dieselben, aber der Eintopf schmeckt irgendwie nicht mehr so gut. Der Kohl ist zu wenig sauer, zu wenig Knoblauch und Pfeffer, dafür zu viel Kartoffel. Was fasele ich da eigentlich?
Das Album läuft ohne große Höhen und Tiefen durch, alles ist irgendwie linear, und am meisten stört eine leicht überzuckerte, sterile Produktion, die der Musik keinen Gefallen tut. Es beginnt ziemlich knallig mit God Prays to Man, kurz darauf folgt das superkommerziell klingende The Ghost. Lobend erwähnen muss man Jespers (Binzer, Leadgesang, Gitarre) Stimme, die trotz Kilometern und Millionen gerauchter Zigaretten makellos geblieben ist, den betonten Minimalismus der Riffs, Rhythmen und Songstrukturen sowie die nach wie vor abgedrehten Texte.
Die Riffs aus den Fingern der Brüder Binzer (an der Leadgitarre ist Jacob, selbstverliebt selbstbenannt Mr Magic Fingers) sind schon immer fett und druckvoll gewesen, klingen durch die Produktion aber nach korporativem Mief. Korporativer Rock für korporative Vaginen — diese Wortverbindung kreist mir beim Hören ständig im Kopf.
Trotzdem findet sich auf dem Album ein paar Sachen, die an die besten Zeiten erinnern. Allen voran muss ich das ultra-riffige Keep That Mother Down mit seinem fantastischen Solo erwähnen, mit dem sich Jacob seinen Spitznamen fast verdient. Das zweite Exemplar dieser Art ist die abschließende Ballade I’m Still Here, die süße Erinnerungen an ähnliche Kunstwerke von den frühen Alben weckt.
Nachdem ich die anderen drei bereits namentlich erwähnt habe: Schlagzeuger Laust Sonne, der angeblich ausgebildeter Jazz-Drummer ist, hat auf diesem Album schlicht nichts zu tun. Laust ersetzte 1999 den Originalschlagzeuger Peter Jensn — das ist übrigens der einzige Personalwechsel in der gesamten Bandgeschichte.
Wahrscheinlich werden die Jungs mit diesem Album wieder vor 60.000 Leuten auf Sommerfestivals spielen und die größten Sporthallen in Dänemark füllen, anderswo aber wird es an den meisten Ohren vorbeisausen, denn es stecken zu viele aufgewärmte D.A.D.-ismen drin und der Garagen-Zynismus ist irgendwo auf der Strecke geblieben.
Aber live wird das der Wahnsinn sein!!!
Bewertung: 6,5/10
Highlights: Keep That Mother Down, Live by Fire, I’m Still Here, Everything Is Gone Now
Autor: Igorac
Trackliste:
01. God Prays to Man
02. 1st, 2nd & 3rd
03. The Ghost
04. Speed of Darkness
05. Head Over Heels
06. Live by Fire
07. Crazy Wings
08. Keep That MF Down
09. Strange Terrain
10. In My Hands
11. Everything Is Gone Now
12. Automatic Survival
13. Waiting Is the Way
14. I’m Still Here
Musiker:
Jesper Binzer – Leadgesang, Gitarre
Jacob Binzer – Gitarre
Stig Pedersen – Bass, Backgroundgesang
Laust Sonne – Schlagzeug, Backgroundgesang
Jacob Hansen – Mastering
