Chateau: 2023
Label: Dallas Records
Erscheinungsdatum: 13. 11. 2023
Produktion: Zvone Hranjec
Albumlänge: 31.22 min
Genre: Hard Rock / Melodic Rock
Wertung: 8.0/10
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Chateau sind eine slowenische Rockband, wie es sie heute auf der Szene kaum noch gibt. Außer? Den Kollegen aus Velenje, Šank Rock, und den Mary Rose aus Postojna. Also ein Spiegelbild einer Zeit von vor ungefähr 35 Jahren, vielleicht sogar mehr. Und wenn (und falls) sich so eine Band jemals wieder ernsthafter ins Zeug legt, muss man die volle Aufmerksamkeit darauf richten, was da in ihrem Lager entsteht. So haben sie die slowenische Rockszene bereits 2011 mit dem Album »Do konca« aufgewühlt, doch die Freude in den Reihen ihrer Fans verebbte rasch, denn die Band verschwand nach der Albumveröffentlichung ziemlich überraschend und still von der Bildfläche und verfiel in eine neue Ruhephase. Als es schien, als würden wir sie nie wieder auf der Bühne sehen, formierte sie sich 2020 erneut, es erschien die großartige Single Pesmi nove, pesmi stare, der Zvezde vedo, S solzami v raj und ein aufgefrischtes, ins Rockgewand gekleidetes Mlinar na Muri folgten – bevor dann im November 2023 auch das siebte Studioalbum der Band mit dem Titel »2023« erschien. Also hat die Band nach dem Album »Do konca« (2011) nicht beschlossen, wirklich ganz bis zum Ende (oder ans Ende) zu gehen, sondern sich kurz vor dem Ende, genauer gesagt Mitte Dezember 2020, entschieden, lieber wieder vorwärtszumachen!
Im November 2021 erschien die Greatest-Hits-Kompilation »The Best Of« (RockLine Rezension), die auch bereits zwei sehr vielversprechende neue Singles enthielt – Zvezde vedo und das besonders herausragende Pesmi nove, pesmi stare. Mit dieser Sammlung bekamen wir wichtige Antworten auf einige Fragen. Dass neues Material entsteht und dass Chateau während ihrer Abwesenheit von den Fans sehr vermisst wurden – schließlich waren alle Exemplare der Kompilations-Vinylscheibe bereits im Vorverkauf ausverkauft, sprich zwei Monate vor dem offiziellen Erscheinungstermin.
Das Album »2023« ist das siebte Studioalbum der Band. Es enthält zehn Songs. Davon neun völlig neue Eigenkompositionen und ein neu arrangiertes, also ‚aufgefrischtes‘ Mlinar na Muri – die bekannte Adaption des Styx-Originals Boat On The River, das auf dem neuen Album eine Portion Donnern abbekommen hat, ein echtes Hardrock-Gewand – im Gegensatz zur ‚folkigen‘ Version, die bis heute als einer der größten Rockklassiker in Slowenien gilt. Das neu eingekleidete Mlinar na Muri entstand als letztes, als zehnter Track des Albums – eröffnet dieses aber auch. Ein kluger Schachzug der Band, nach gut 10 Jahren Stille gleich zu Beginn des Albums auf bombastische Weise klarzumachen, wer und was hinter dem Namen Chateau steckt!
Mehr als das ohnehin sehr gelungen aufgefrischte Mlinar na Muri interessiert uns aber der Rest des Materials. Der knüpft natürlich im künstlerischen Sinne am sinnvollsten an das Vorgängeralbum »Do konca« an, was logisch ist. Die Band hat auf dem neuen Album auch einen neuen Schlagzeuger. Das ist der äußerst vielversprechende junge Grega Plamberger, während sich um die Bassgitarre der erfahrene Boštjan Časl kümmert, der mit Chateau schon auf dem Album Brez tebe (1998) den Bass gespielt hat. Als Keyboarder hat sich der Gruppe für das neue Album der abgebrühte Meister Robert Humar angeschlossen. Eine ausgezeichnete Besetzung also.
Zvezde vedo als zweiter Track führt das Album im weiteren Verlauf noch tiefer in die Achtziger. Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass heute andere Zeiten sind und Chateau hier nicht als die 25-jährigen Hengste von ihren ersten vier Alben auftreten. Zvezde vedo ist ein mittelschnell angelegter Song mit einem schönen Kontrast zwischen der dramatischen Strophe und der Steigerung durch den Pre-Chorus in den verführerischen Chorus (er besitzt auch eine der überzeugendsten eingeschnittenen Mid-Eight-Passagen des Albums). Doch kommt kurz danach ein bisschen zu früh die ‚ein Tick zu tränenreiche‘ Ballade S solzami v raj, die dem Album auf undankbare Weise etwas von dem beneidenswerten Schwung des Einstiegs nimmt. Was die undankbaren Vergleiche betrifft – wir reden schließlich von Chateau –, gelingt es der zweiten Ballade des Albums in der zweiten Hälfte, nämlich Hvala da si, leichter, einen Hauch des Klassikers Objemi me heraufzubeschwören. Im weiteren Verlauf gibt es Ljubi in sovraži, der das Album wieder auf das Niveau von Zvezde vedo hebt. Ograjenšek glänzt mit einem schelmisch-neckischen Text, der lebendig die Erinnerung an die positiv gestimmten Achtziger heraufbeschwört. Auch der Song selbst entwickelt sich aus einer Durtonart (Hauptmotiv), was den Optimismus und die Unbeschwertheit jener Zeit unterstreicht. Ähnlich funktioniert in der zweiten Albumhälfte Varala si me, das auf das balladeske Hvala da si folgt. Das zeigt, dass das Album ein schönes und angenehmes Maß an dynamischer Abwechslung entwickelt hat, das den Hörer bei sich hält.
Unterm Strich hat die Band eine schöne, inspirierte Reihe neuer Eigenkompositionen hingelegt, aus der aber besonders der mittlere Albumabschnitt mit drei aufeinanderfolgenden Tracks heraussticht. Der erste davon ist Ko se šampanjec hladi, wo der bombastische Atmosphärensprung von der Strophe in den ansteckenden Chorus-Hookline übernimmt (eine der geschickter gegossenen Modulationen zwischen Strophe und Chorus, was das Erreichen hoher Eingängigkeit auf dem neuen Album betrifft). Darauf folgt der klassische Rock’n’Roll-Pulsgeber Daleč od srca (das Album bekommt hier den dringend benötigten ‚Kick‘), und dann kommen wir zur stärksten Komposition des Albums. Das ist die Single Pesmi nove, pesmi stare, wo ein donnerndes Riff ins Auge sticht, das eine düstere Dramabühnen-Kulisse aufbaut, wenn es mit dem klassischen Purple/Rainbow-Riff-Fundament kokettiert – woraus Chateau besonders triumphal in Richtung des packenden Refrains aufbrechen, dem auch ein mehr als gelungener Rhythmuswechsel Öl ins Feuer gießt. So ein Song hätte es ruhig noch einen weiteren aufs Album geschafft haben können – so aber dominieren neben dem erneuerten Mlinar na Muri, der neuen Single Pesmi nove, pesmi stare und Dače od srca die im mittleren Tempo angesiedelten Songs. Auch am Ende mit Mogoče nekoč, dem als abschließender Albumkomposition ein Quäntchen zusätzlichen Chorus-Dynamits fehlt!
Matjaž Ograjenšek entwickelt nach wie vor eine außerordentlich schöne vokale Farbpalette, Autorität und Explosivität. Er bleibt so, wie wir ihn auch aus den guten alten Zeiten in Erinnerung haben. Zvone Hranjec ist mit seinen Gitarrenornamentiken stets am richtigen Platz, wenn es gilt, ein ausdrucksstarkes und zündendes Solo hinzulegen. Dazu kommen die klassisch klingenden Keyboards des hervorragenden Robert Humar, der als Bindeglied mit überwiegend Hammond-Sound die Gitarrenmotive zusammenhält. Das Rhythmusgespann des aufstrebenden Plamberger und des erfahrenen Časl entwickelt eine befriedigende Kontrastierung der Klanglandschaft.
In produktionstechnischer Hinsicht gibt es noch Luft nach oben. Das Album bietet ein angenehmes Hörerlebnis, doch der verfügbare klang- und arrangementtechnische Spielraum hätte noch aufgewertet werden können – durch mehr freigesetzte Dezibel vor allem beim Phrasieren, sprich noch zusätzliche nachgespielte Gitarrenlinien, aber auch dichter gesetzte Vokalharmonien, die Matjažs Leadgesang ausstatten und mehr atmosphärische Bombastik herauslocken würden. Schließlich reden wir hier von einem Melodic-Rock- beziehungsweise Melodic-Hard-Rock-Album. Der atmosphärische Output hätte höher sein können. Die Songs besitzen also das Potenzial, mehr Packendheit – oder sagen wir lieber Bombastik – herauszuholen.
Das rundum sehr schöne und hörenswerte neue Chateau-Album ist seine eigene Geschichte, die zeigt, dass die Truppe weder den Dynamit noch die Frische verloren hat und dass das Engagement der fünf Akteure der neuen Chateau mehr als überzeugend ist. »2023« ist ein Album, wie man es heute nicht mehr macht, genauso wie Bands wie Chateau heute nicht mehr entstehen. Deshalb kann man es als ein in Zeit und Raum verlorenes Produkt betrachten. In genretechnischer Hinsicht ist es daher ein sehr seltenes Album für den slowenischen Musikraum – aber gerade deshalb umso wertvoller. Auf etwas Ähnliches werden wir bis zum nächsten Chateau-Album warten müssen – oder bis zu einem Wunder zwischendurch (ich ziele auf ein neues Šank Rock- oder Mary Rose-Album ab). Jungs! Wie euer Song sagt: »Hvala da ste«. Aber diesmal bleibt doch bitte. Wir sehen uns bei euren Konzerten (natürlich noch vor dem nächsten Album)!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Mlinar na Muri
2. Zvezde vedo
3. S solzami v raj
4. Ljubi in sovraži
5. Ko se šampanjec ohladi
6. Daleč od srca
7. Pesmi nove, pesmi stare
8. Hvala da si
9. Varala si me
10, Mogoče nekoč
Besetzung:
Matjaž Ograjenšek – Gesang
Zvone Hranjec – Gitarre
Robert Humar – Keyboards
Boštjan Časl – Bassgitarre
Grega Plamberger – Schlagzeug
