Black Out Sunday

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Künstler: Chainfist
Label: SAOL
Erschienen: 2010
Laufzeit: 50:10
Bewertung: 1.2/5

Hard Rock, der sich aus modernen Heavy-Metal-Einflüssen speist, nach etwas Neuem riecht und sich auch als etwas Neues positionieren will – das sind die Prädikate, mit denen sich die selbsternannten dänischen Rock-Veteranen Chainfist auf ihrem abendfüllenden Debütalbum Black Out Sunday schmücken. Und das ist, Hand aufs Herz, ein produktionstechnisch durchaus ausgefeiltes, konzeptionell aber ziemlich nichtssagendes Produkt – gehen wir also lieber schön der Reihe nach vor, wie die Häuser in Triest. Wenn wir Metal bewerten, muss jede Beurteilung fundiert, gerechtfertigt und fundiert sein. Die Blüte des dänischen Anteils an schweren Metal-Namen, die zur Vorherrschaft des Metals beigetragen haben, wird definitiv durch Namen wie Mercyful Fate bestimmt, irgendwo weit im Hintergrund tauchen auch die Pretty Maids auf und noch der ein oder andere Name ließe sich finden. Die andere Seite der dänischen Platte sind eben Chainfist. Das Quintett, das durch ein Arsenal an Musikern ergänzt wird, die bisher in Bands wie Infernal Death, Frozen Sun und Panzerchrist ihren Dienst abgeleistet haben, greift statt einer Salve extremer Musik zu einer weicheren, verdünnteren und extrem aufgeweichten Version von etwas, das einem Derivat verschiedener Rockgenres ähnelt, das aufrichtig danach lechzt, in der Grauzone zwischen Rock und Metal verortet zu werden, und dabei gleichzeitig über die Ätherwellen noch ein bisschen Kohle herausquetschen möchte. Sie selbst beschreiben sich als Vereinigung der heiligen Dreifaltigkeit von James Hetfield, der zu viel Zeit mit Ville Valo und Nikki Sixx verbringt – und das ist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt, zumindest was Anpassungsfähigkeit und die Bemühungen ums Gefallen auf den ersten Blick angeht …

Heavy Rock – wie man die Synthese zweier Welten nennen könnte – lässt sich mit zwei verschiedenen Maßstäben messen. Auf der einen Seite habt ihr das musikalische Fundament, das aus Stahl sein muss. Die andere Seite der Medaille liefern die Texte, die wirklich Eier haben müssen, vielleicht mit einer Prise Nonchalance und Arroganz – und alles muss als zerstörerisches Gesamtpaket wie eine gut geölte Maschine funktionieren. Das erste gemeinsame Werk mit dem frischen und nicht gerade erfahrensten Sänger Jackie Petersen bietet ein Dutzend Songs, denen es musikalisch nicht an unterhaltsamen Riffs mangelt – doch die Energie versackt bei der lauwarmen Gesangsperformance und den schwachen Texten. Chainfist haben sich dem Ideal von Metallica auf dem Album Reload tatsächlich erfolgreich angenähert, den Treibstoff aber direkt aus Momenten der Leere gewonnen. Die gitarristische Eintönigkeit des Duos Michael Kopietz und Tim Madsen ist dabei noch das Wenigste, was stört; auch Heidelbachs Drums und Pedersens Bass klingen durchaus organisch – aber in diesem abendfüllenden Vorspiel findet sich kein Faktor vollständiger Befriedigung, und eine solide emotionale Erektion ist weit und breit nicht in Sicht. Das Krebsgeschwür des Ganzen sind die schlechte Aussprache und die gutartigen Texte, die, weil sie keine Korrekturphase durch irgendeinen Anglisten durchlaufen haben, sowohl in der Aussprache als auch in ihren armseligen Reimen lahmen. Das Album startet mit Free Me zwar vielversprechend, aber schon nach den ersten paar Refrains merkt ihr, dass der Leisten, über den die Musik geschlagen wird, ziemlich trocken ist. Die Songs ähneln sich sehr und erinnern an die Langeweile, die mir zumindest Disturbed in die Ohren ruft. Einen helleren Moment stellt die Ballade Stay dar, die inhaltlich aus dem Sumpf der Traurigkeit und einer weinerlichen Ästhetik schöpft. Chainfist haben sich ganze drei Jahre lang gehärtet und nach dem Rezept für eine tiefgreifende Penetration in die Herzen und Seelen europäischer Fans gesucht – aber die lauwarme Pfütze aus persönlichen Beichtfiaskos, Ausbrüchen der Einsamkeit und unerwiderten Liebschaften ist schlicht und einfach banale musikalische Melodramatik. Texte, meine Lieben, zählen bei der Qualitätsbestimmung verdammt viel. Wenn ich Avenged Sevenfold die schwache Thematik dank einer guten Performance durchgehen lassen kann, dann ist das dänische Vergnügungsquintett wegen seiner „copy – paiste“-Riffs und hohlen Ideen schlichtweg atem- und energielos. Chainfist setzen auf Eingängigkeit und darauf, sich in eure Hirnrinde einzufressen und wie ein zerebraler Krampf möglichst lange dort zu bleiben. Nach dem theatralischen Albumabschluss und dem Song SHCHWH, auf dem Chainfist mit Illdisposed-Gitarrist Jakob Batten zusammenarbeiten, spendet der verträumte Metal-Krieg aus Gitarren und kreischenden Soli zumindest am Ende den vom Weinen gequälten, blutenden Ohren ein wenig Trost.

Kommen wir abschließend zum stärksten positiven Element der Platte – das ist neben der Produktion das Cover, für das Designer Sazes Gustavo verantwortlich ist, der bisher die Produkte von God Forbid und Arch Enemy visuell bereichert hat. Da Musik aber vorerst noch mit den Ohren und nicht mit den Augen gehört wird, gehen die Argumente für ihre Verteidigung ziemlich schnell aus. Es bleibt nur die Hoffnung, dass Chainfist ihr musikalisches Gefüge durchlüften oder im erbitterten Kampf ums Überleben kapitulieren. In jedem Fall ist die Platte Black Out Sunday, wie ihr Name, nur ein Ruf nach radikalen Veränderungen – widmet eure Gedächtniskapazitäten lieber etwas Nützlicherem, als sie sinnlos mit den bescheuerten Refrains dieses Versuches zu füllen.

Die Rezension entstand in Zusammenarbeit mit Rock Hard Slovenija und Rockline.

Besetzung

Jackie Petersen – Gesang
Michael Kopietz – Leadgitarre
Braca Pedersen – Bass
Tim Madsen – Rhythmusgitarre
Jasper Heidelbach – Schlagzeug

Gastmusiker:
Jakob ‚Batten‘ Hansen – Gitarrensolo auf dem Song SHCHWH

Produktion

Søren Jensen

Trackliste

1. Free Me
2. Edge of the World
3. Evolution
4. Be a Man
5. Have you Ever
6. Stay
7. In Your Face
8. Show Me
9. Clown
10. Carpe Diem
11. Black Out
12. SHCHWH (feat. Jakob Batten)

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