Big Big Train: Woodcut

Insideout Music 2026
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Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 6. 2. 2026
Produktion: Big Big Train
Albumlänge: 65.45 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 10/10


Die englischen Progrockpioniere Big Big Train haben sich auf der Suche nach Inspiration für ihr neuestes Konzeptalbum »Woodcut« eine Ausstellung des legendären Malers Edvard Munch in der norwegischen Hauptstadt Oslo angeschaut. Munch schuf im Laufe seiner künstlerischen Karriere zahlreiche Holzschnitte. Wahrscheinlich haben sich die Bandmitglieder beim Entwickeln des zentralen Albumthemas auch in den örtlichen Wald begeben – was sicher auch der legendäre Ian Anderson gutgeheißen hätte, der seinerzeit mit Jethro Tull und ihrem Kultalbum »Songs From the Wood« (1977) wohl bis heute das schönste musikalische Denkmal für echte und erdachte Waldbewohner gesetzt hat. »Woodcut« wird diesen Kultstatus wohl nicht erreichen, doch haben Big Big Train abermals ein exzellentes, ja geradezu makelloses Album geschaffen, das vor allem alle Liebhaber von symphonischem Progressive Rock mit romantischer Patina begeistern wird.

Das vielleicht größte Alleinstellungsmerkmal von Big Big Train ist wohl dies: Trotz internationaler Besetzung und zahlreicher Wechsel im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte (von den Gründungsmitgliedern ist nur noch Bassist/Keyboarder Greg Spawton übrig) ist der Löwenanteil der Songs auf »Woodcut« (nach wie vor) von jener typisch britischen Melancholie geprägt – mit einem Hauch viktorianischer Dramatik, angelsächsischer Romantik und einem Schuss folkloristischer Elemente –, die auch einige ihrer älteren musikalischen Vorbilder auszeichnete, allen voran Genesis. 

Im Umfeld von Big Big Train sind in der Vergangenheit typisch englische Figuren, Tiere, Gegenstände und Landschaften zum Leben erwacht: ein Spitfire-Pilot, ein Schwanenjäger, ein tapferer Kapitän, ein Schmetterlingskonservator, die legendäre Rennstrecke Brooklands, die berühmte Brieftaube Winkie, der Meisterarchitekt James of Saint George und sogar traditioneller heißer Apfelwein – um nur einige zu nennen. Natürlich haben der italienische Sänger/Keyboarder Alberto Bravin, der schwedische Gitarrist/Keyboarder Rikard Sjöblom und der amerikanische Schlagzeuger Nick D’Virgilio allesamt Einflüsse aus ihren früheren Bands mitgebracht – Premiata Forneria Marconi, Beardfish und Spock’s Beard –, doch klingen Big Big Train auch auf »Woodcut« unverkennbar englisch nach Progrock. 

Der Neuzugang in der Band auf »Woodcut« ist Trompeter und Schlagwerker Paul Mitchell, der mit seiner Trompete die ohnehin schon traditionell üppigen sinfonischen Arrangements noch weiter vertieft hat. Schon ab der ersten Sekunde ist klar, dass »Woodcut« ein weiterer Progrockgenuss wird. Big Big Train servieren bereits mit dem meisterhaft arrangierten Stück »Artist«, das alle ihre typischen Klangelemente vereint, den ersten Höhepunkt des Albums. Der größte Unterschied zwischen »Woodcut« und dem Vorgänger »The Likes of Us« (2024, Rockline Rezension) besteht darin, dass Big Big Train diesmal mehr kürzere Stücke geschrieben haben, von denen nur eines länger als sieben Minuten ist. Es sind insgesamt 16 Songs – das mindert ihre Komplexität und arrangementechnische Brillanz aber in keiner Weise. Ganz im Gegenteil: Die Band wirkt so experimentierfreudig wie schon lange nicht mehr, was sich vor allem in den längeren Instrumentalpassagen zeigt, in denen sie sich gelegentlich mit solotechnischen Kabinettstückchen richtig austoben.

Eine weitere Besonderheit von Big Big Train – neben der Tatsache, dass alle Mitglieder mehr als ein Instrument beherrschen – ist, dass so gut wie alle auch sehr gute Sänger sind, was sich spürbar auf die Qualität der mehrstimmigen Harmonien auswirkt. Bravin, der auf dem vorherigen Album seine Feuertaufe glänzend bestanden und den unvergessenen, tragisch verstorbenen David Longdon erfolgreich abgelöst hat, wird gelegentlich von einem vokalen Gast unterstützt. So zum Beispiel im für Big-Big-Train-Verhältnisse ungewöhnlich düsteren und wuchtigen »The Sharpest Blade«, wo auch Geigerin Clare Lindley eine wichtige Gesangsrolle übernimmt. Das von Romantik und Nostalgie durchtränkte »Albion Press«, auf dem auch die Trompete glänzt, ist ein schlichtes Meisterwerk, bei dem alle langjährigen Fans schwelgen und sich an verwandte Big-Big-Train-Klassiker aus vergangenen Tagen erinnern werden. Es ist nicht das erste Stück ihrer Karriere, das den alten Namen für Großbritannien (Albion) aufgreift – ihr zweites Album »English Boy Wonders« (1997) enthielt bereits ein Stück mit dem Titel »Albion Perifide«. »Arcadia« zählt dank brillanter sinfonischer Arrangements – vor allem der Kombination aus Streichern und Klavier – sowie Bravins vokalem Romantizismus ebenfalls zu den Highlights von »Woodcut«.

Gesangliches Experimentieren steht im Mittelpunkt von »Warp And Weft«, das durch seine vokalen Harmonien ein wenig an das Erbe der unvergessenen Gentle Giant erinnert, aber auch an D’Virgilios frühere Mitstreiter von Spock’s Beard. »Chimaera« ist eine fast schon klassische Big-Big-Train-Komposition mit viel akustischem Arrangement, stellenweise nahezu sakral anmutender Mehrstimmigkeit und reichen sinfonischen Harmonien. In »Dead Point« kommt die emotionale Ausdruckskraft von Bravins Gesang voll zur Geltung, während Chefkeyboarder Oskar Holldorff mit einem äußerst vergnüglichen Solo glänzt. 

»Light Without Heat« ist eine romantische, akustisch ausgerichtete Komposition mit mächtigen orchestralen Arrangements und jenem folkloristischen Charme, der dieser Band so eigentümlich ist. »Dreams in Black and White« erinnert im ersten Teil aufgrund seiner facettenreichen Mehrstimmigkeiten und des Xylophons wieder ein wenig an die erwähnten Gentle Giant, entwickelt sich dann aber zu einem epischen Stück mit starkem sinfonischen Stempel. 

Im komplexen Instrumental »Cut and Run«, das starke Progmetal- und Jazz-Fusion-Elemente enthält, demonstrieren Big Big Train einmal mehr, dass sie die Dinge mit wuchtigen Gitarrenpassagen und treibenden Schlagzeugattacken ordentlich aufheizen können. Das epische Meisterwerk »Counting Stars« wird alle langjährigen Big-Big-Train-Anhänger begeistern, denn es könnte problemlos auf jedem der früheren Alben mit Longdon stehen, während im abschließenden »Last Stand« vor allem Bravin überzeugt, der mit seinem unverwechselbaren vokalen Ansatz einmal mehr beweist, dass er nie vorhatte, ein Longdon-Imitator zu werden – was auch gut so ist.

Obwohl »Woodcut« bereits Anfang Februar erschienen ist, kann man es schon jetzt zu den Hauptkandidaten für das beste Progrockalbum des Jahres 2026 zählen. Bei Musikern dieses Kalibers und gemessen an der Tradition der meisten Vorgängeralben dieser Band ist das freilich keine große Überraschung. Big Big Train haben hart dafür gearbeitet, sich den Status einer der aufregendsten zeitgenössischen englischen Progrockbands zu verdienen – einer Band, für die heute auch (ehemalige) Mitglieder international gleich oder noch mehr etablierter musikalischer Verwandter spielen wollen. Porcupine Tree sind zweifellos die bedeutendste Progrockband der zeitgenössischen Ära (der ungefähr letzten fünfundzwanzig Jahre), wobei es noch treffender wäre zu sagen, dass dies eigentlich ihr Chef Steven Wilson als ultimative Ikone des modernen Prog Rock ist – während Big Big Train die natürlichsten, aufrichtigsten und konsequentesten Nachfolger des Erbes der alten englischen sinfonischen Progrockschule für sich beanspruchen können.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Trackliste:
1. Inkwell Black (00:56)
2. The Artist (07:16)
3. The Lie of the Land (02:55)
4. The Sharpest Blade (04:16)
5. Albion Press (05:46)
6. Arcadia (05:46)
7. Second Press (00:37)
8. Warp and Weft (03:45)
9. Chimaera (05:37)
10. Dead Point (05:28)
11. Light Without Heat (03:22)
12. Dreams in Black and White (02:34)
13. Cut and Run (06:19)
14. Hawthorn White (01:54)
15. Counting Stars (05:40)
16. Last Stand (03:34)

Besetzung:
Alberto Bravin – Leadgesang, akustische & elektrische Gitarren, Keyboards, Moog, Mellotron
Nick D’Virgilio – Schlagzeug, Percussion, Keyboards, akustische und 12-saitige Gitarren, Hintergrundgesang
Oskar Holldorff – Klavier, Wurlitzer und Fender Rhodes E-Pianos, Hammond-Orgel, Mellotron, Synthesizer, Hintergrundgesang
Clare Lindley – Violine, akustische Gitarre, Hintergrundgesang
Paul Mitchell – Trompete, Pikkolotrompete, Hintergrundgesang
Rikard Sjöblom – sechs- und zwölfsaitige Gitarren, Hammond-Orgel, Hintergrundgesang
Gregory Spawton – Bassgitarre, Basspedal, 12-saitige Akustikgitarre, Mellotron, Hintergrundgesang


Big Big Train – „Woodcut“ (Insideout Music, 2026)
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