Big Big Train: The Likes Of Us
Label: InsideOut Music / Sony Music
Erscheinungsdatum: 1. 3. 2024
Produktion: Big Big Train
Albumlänge: 64.20 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 10/10
Big Big Train, eine der meistgenannten Bands, wenn die Diskussion auf die führenden Vertreter der modernen Prog-Rock-Szene kommt, hat mit dem aktuellen Studioalbum »The Likes of Us« ein neues Kapitel ihrer abwechslungsreichen musikalischen Laufbahn aufgeschlagen. Nach dem tragischen Tod des stimmgewaltigen Sängers David Longdon übernahm 2022 Alberto Bravin seinen Platz, der sich zuvor als Sänger und Keyboarder der italienischen Legenden Premiata Forneria Marconi (PFM) einen Namen gemacht hatte.
Bravin, den Freunde des slowenischen Prog-Rocks live aus nächster Nähe erleben und hören konnten – am 20. Juli 2019 beim Auftritt von PFM in Koper, bekam die höchst anspruchsvolle Aufgabe, den charismatischen und bei den Fans außerordentlich beliebten Longdon zu ersetzen, der maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass Big Big Train in den vergangenen fünfzehn Jahren von einer interessanten, aber relativ obskuren Band zu Prog-Rock-Giganten herangewachsen sind. Der italienische Allround-Musiker, der auch verschiedene Keyboard-Instrumente beherrscht, hat seine Aufgabe – das lässt sich gleich zu Beginn dieser Rezension sagen – mit Auszeichnung erfüllt. Zugleich können sich nur wenige italienische Sänger mit einem so makellosen Englisch rühmen, das keinerlei Akzent verrät; beim Singen ist es schlichtweg unmöglich zu erkennen, dass es nicht seine Muttersprache ist.
Big Big Train ist nämlich seit ihren Anfängen von jenem romantischen, altenglischen, mitunter pastoralen Melos geprägt, das so typisch für den klassischen Genesis-Sound ist, dass viele sie schlicht als deren zeitgenössische Nachfolger bezeichnen – auch wenn ihnen ein solcher Vergleich kaum recht wäre, denn sie haben längst einen ganz eigenen Kompositionsstil entwickelt. Mit Bravin, dem amerikanischen Schlagzeuger und Sänger Nick D’Virgilio (ex-Spock’s Beard) und dem schwedischen Multiinstrumentalisten und Sänger Rikard Sjöblom (Beardfish, Gungfly) haben sie sich endgültig in eine internationale Besetzung verwandelt. Von den langjährigen Kernmitgliedern englischer Herkunft ist einzig noch der letzte verbliebene Gründer und Bassist Greg Spawton übrig.
Seit 2023 gehört auch der norwegische Keyboarder Oskar Holdorff zur Band, der zuvor bei den Art-Rockern Dim Gray spielte, während auf »The Likes of Us« außerdem ein Blechbläserquartett zu hören ist, das die traditionell üppigen sinfonischen Arrangements von Big Big Train noch zusätzlich bereichert. Den Großteil der Gitarrenpassagen spielte erneut Dave Foster ein, während Clare Lindley für die Streicherarrangements verantwortlich zeichnete. Ohne diese beiden englischen Musiker könnten Big Big Train sich guten Gewissens als internationale Band bezeichnen.
»The Likes of Us« ist von Anfang bis Ende ein eklektisches Karussell, das auch zwei sinfonisch-progressive Epen von monumentalen Ausmaßen enthält, bei denen alle Prog-Gourmets ins Schwärmen geraten werden. Das erste davon, »Beneath the Masts«, ist ein durch und durch repräsentatives Big Big Train-Epos mit starkem englischen Einschlag, das allen langjährigen Fans sofort zusagen wird – demonstriert die neueste Inkarnation der Band darin erstmals ihr volles kompositorisches und instrumentales Potenzial.
Noch faszinierender wirkt das mit epischen Mehrstimmigkeiten gekrönte »Miramare«, wohl der Höhepunkt des gesamten Albums, für den in erster Linie der in Triest geborene Bravin verantwortlich ist – kein Wunder also, dass dieses kompositorische Kunstwerk dem berühmten Triester Schloss an der Meeresküste gewidmet ist. Miramare ließ der habsburgische Blaublüter Maximilian erbauen, der jüngere Bruder des bei uns weit berühmteren österreichisch-ungarischen Kaisers Franz Joseph. Maximilian, der gefallene Kaiser von Mexiko, war lediglich eine Marionette in den Händen des listigen französischen Kaisers Napoleon III. und ein naiver Idealist, der nach seinem gescheiterten Herrschaftsabenteuer vor einem Erschießungskommando wütender Mexikaner endete. Für Maximilian kämpften auch Landsmänner von uns – sogenannte Mexikaner –, was bis heute das einzige Beispiel in der Geschichte ist, dass Slowenen jenseits des Ozeans für einen fremden Kolonisator kämpften und fielen. Den Höhepunkt dieses epischen Leckerbissens bildet die zentrale Instrumentalsektion, besonders jener melodramatische Moment, wenn mexikanisch angehauchte Trompeten einsetzen und sofort an Maximilians gescheitertes Kolonisationsabenteuer erinnern.
Das Eröffnungsstück »Light Left the Day« entfaltet sich nach einem verhältnismäßig ruhigen Intro zu einer energiegeladenen und eklektischen Instrumentalsektion mit üppigen sinfonischen Arrangements. »Oblivion« ist zugleich direkt und komplex und wird vor allem durch den beinahe hypnotisch wirkenden mehrstimmigen Refrain geprägt. Als Backing-Sänger, Texter und Ko-Komponist hatte hier auch D’Virgilio seine Finger im Spiel – einer jener herausragenden Musiker, dank derer Big Big Train zu Giganten des modernen Prog-Rocks aufgestiegen sind.
»Skates On« ist ein weiteres durch und durch repräsentatives Big Big Train-Stück mit reichen Streicherarrangements, denen auf geschickte Weise ein echter keltischer Melos beigemischt wird. Auf »Love Is the Light« kann man sich vor allem an Bravins vokaler Vielseitigkeit, feierlichen orchestralen (insbesondere Streicher-)Arrangements und der romantischen, abermals ausgesprochen (alt)englischen Atmosphäre erfreuen, während auch Liebhaber meisterhafter Gitarrensoli auf ihre Kosten kommen.
»Bookmarks« ist eine romantische Ballade, die einmal mehr Bilder der viktorianischen Ära, nebliger Moore und saftig-grüner Ebenen heraufbeschwört. Langjährige Fans von Big Big Train wird sie in Struktur und Atmosphäre ein wenig an »Swan Hunter« erinnern, den Klassiker aus »English Electric (Part Two)« (2013). Das nostalgische »Last Eleven« ist das abschließende Schmankerl, gewissermaßen das Tüpfelchen auf dem i dieses makellosen Albums – erneut leuchten ätherische Mehrstimmigkeiten, epische sinfonische Arrangements und romantisch gewürzte akustische Passagen in vollem Glanz auf.
Big Big Train ist mit »The Likes of Us« ein neues Meisterwerk des britischen Prog-Rocks mit Old-School-Stempel gelungen, das man von der ersten bis zur letzten Sekunde mit Genuss hört. Auf Schritt und Tritt spürt man, dass die Band mit Bravin und auch Holdorff neuen Wind in ihre Segel bekommen hat – was für alle, die zufällig schon das kreative Schaffen beider genannten Musiker verfolgt haben, kaum eine Überraschung sein dürfte. »The Likes of Us« ist ein so brillantes Werk, dass es aus dem Jenseits wohl auch Longdon gutheißen würde, wenn das möglich wäre. Das Jahr 2024 hatte gerade erst begonnen, und dennoch haben wir hier bereits einen der Hauptkandidaten für das Album des Jahres. Da »The Likes of Us« beim renommierten, auf Progressive Rock spezialisierten Label Inside Out erschienen ist, geschieht vielleicht ein Wunder und es landet als erstes Big Big Train-Album überhaupt sogar in den ansonsten traditionell karg bestückten Regalen slowenischer Plattenläden – zumindest was Progressive Rock betrifft.
Autor: Peter ‚Dr. ProgRock‘ Podbrežnik
Tracklist:
1. Light Left in the Day (6:11)
2. Oblivion (5:28)
3. Beneath the Masts (17:26)
4. Skates On (4:28)
5. Miramare (10:18)
6. Love Is the Light (6:11)
7. Bookmarks (6:23)
8. Last Eleven (7:55)
Besetzung:
Alberto Bravin – Lead-Gesang, Gitarre, Klavier, Keyboards, Bläserarrangements
Nick D’Virgilio – Schlagzeug, Perkussion, Backing-Gesang, 12-saitige Akustikgitarre, Vibrafon, Bläserarrangements
Rikard Sjöblom – Gitarre, Orgel, Keyboards, Backing-Gesang
Greg Spawton – Bassgitarre, Basspedal, 12-saitige Akustikgitarre, Mellotron
Dave Foster – Gitarre, Backing-Gesang
Oskar Holldorff – Klavier, Orgel, Synthesizer, Keyboards, Backing-Gesang, Streicherarrangements
Clare Lindley – Violine, Backing-Gesang, Streicherarrangements
Gastmusiker:
Dave Desmond – Posaune, Bläserarrangements
Nick Stones – Waldhorn
Ben Godfrey – Trompete, Pikkolotrompete
Jon Truscott – Tuba
Brian Mullan – Cello
