Bards haben die Hölle der Zagreber Tvornica überlebt (August 2025)

foto: IGORAC 2025
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Blind Guardian
Samstag, 23. 08. 2025
Tvornica kulture, Zagreb, Kroatien


„Let’s sing the Bard’s Song!“

Nach langen dreizehn Jahren (wenn man den Internetquellen glauben darf) sind die deutschen Meister mittelalterlicher Folk-Melodien nach Kroatien zurückgekehrt, in die Zagreber Tvornica kulture — und so ein Ereignis in der Nähe lässt man natürlich nicht aus. Mit drei weiteren begeisterten Blind Guardian-Fans haben wir zuerst in einer anderen Tvornica in der Savska 107 Halt gemacht, um zu essen (wer Grillgerichte liebt, geht dort für den „besten Roštilj in der Stadt“ hin), und dann direkt weiter zum Konzertgelände. Dort empfingen uns Bilder aus anderen, glücklicheren Zeiten, als Metal die Musikwelt regierte. Eine Schlange schwarz gekleideter Gestalten wand sich von der Eingangstür bis um die Ecke des Gebäudes und fast bis zum Pub, und wartete ungeduldig auf den magischen Abend.

Pünktlich nach Zeitplan erschienen die Bards auf der Bühne der proppenvollen Tvornica und eröffneten den Auftritt mit dem etwas unglücklichen Griff zu The Ninth Wave, dem Opener des vorletzten Studioalbums Beyond the Red Mirror, das schon vor ganzen zehn Jahren erschienen ist. Warum unglücklich? Weil der neunte Welle wirklich kein Track ist, der einem mit seiner Energie ins Konzert reinsaugt — bei neuneinhalb Minuten Länge ist das eine ziemlich zähe Angelegenheit. Links von der Bühne, wo ich stand, störte außerdem ein irgendwie unausgegorener und unausgewogener Sound. Hansi versprach wegen der langen Abwesenheit von kroatischen Bühnen einen überdurchschnittlich langen Abend, was die Erwartungen des aufgeheizten Publikums noch weiter hochschraubte. Mich hat allerdings leicht beunruhigt, dass sich der Sound bis zum vierten Song partout nicht gebessert hat — und darunter waren gleich drei aus der Zeit nach der „goldenen Ära“ (den ersten sechs Alben).

Also habe ich mich durch die verschwitzte Masse gekämpft (in der Halle war es höllisch heiß und stickig, weshalb schon nach dem zweiten Song auch Hansi gejammert hat) und bin zum Tonmeister gegangen, um zu sehen, wo das Problem liegt. Zu meinem Glück lag das Problem in der Position des Zuhörers, denn am Mischpult klang es wirklich gut. Zu meiner Erleichterung bewahrheitete sich auch Hansis Ankündigung einer besonderen, erweiterten Setlist (ihr könnt sie hier einsehen) — denn ab Time Stands Still haben wir bis zum Ende noch 14 Songs gehört (insgesamt satte 18, was für Blind Guardian wirklich über dem Standard liegt), davon 11 aus der goldenen Ära. Das knackige Violent Shadows (persönlicher Favorit vom letzten Album The God Machine, nach dem diese Tour benannt ist) kündigte eine Reihe von Klassikern an, die im regulären Teil mit dem unsterblichen Lost in the Twilight Hall gipfelte und Band und das wirklich frenetisch aufgelegte Publikum (fast) bis zum Ende aufrieb und auszehrte. Wie bereits erwähnt: Die Halle war bis in den letzten Winkel vollgestopft, auch die Tribünen bogen sich unter der Masse der Fans. Völlig weggeblasen hat mich And the Story Ends, das abschließende Werk des wohl bekanntesten Blind Guardian-Albums Imaginations from the Other Side (1995), das reißende Into the Storm hat die Halle wie eine Druckwelle auseinandergerissen. Das Publikum hat The Bard’s Song mit Herzblut mitgesungen, und auch die Band hat offensichtlich Freude an unseren vokalen Höchstleistungen gehabt.

Ich kann nicht umhin, den schon fast sprichwörtlichen Mangel an Frontman-Charisma des legendären Vokalisten Hansi Kürsch zu erwähnen. Seine Ansagen sind schon komisch langweilig (This one is dedicated to Mordred, so it’s called the Mordred’s Song …), und seine Bühnenpräsenz ist das Äquivalent eines gelangweilten Pfarrers auf der Kanzel einer halbleeren Kirche. Man muss aber betonen, dass er das mehr als erfolgreich mit seinem unglaublichen Vokal kompensiert, den er in letzter Zeit endlich richtig zu dosieren weiß. Alle Refrains lässt er nämlich schön dem Publikum — dafür trifft er alle Stratosphärenschreie punktgenau, die den Blind Guardian-Sound definieren. Exzellente Backing Vocals steuerten Marcus (Siepen, Rhythmusgitarrist) und der Gastkeyboarder bei (den Namen habe ich vergessen). Mit dem Keyboarder ist die einzige Aussage verbunden, die Hansi wirklich gelungen ist: nämlich dass sie ihn nur deswegen mitschleppen, damit er den Intro zu einem Klassiker des Debütalbums namens Majesty einspielt — der dann auch einer der Höhepunkte des Abends war.

Die ganze Band war in Top-Form: Andrejs (Olbrich, Sologitarrist) Leadmelodien und Soli schnitten durch die Halle wie ein messerscharf gewetztes Messer, Frederik (Ehmke, Schlagzeuger) hat geschuftet wie ein Tier, und der Gastbassist hat — wie es in Power-Metal-Bands schon Brauch ist — seinen Teil bereits mit dem Wedeln seiner Mähne erledigt.

Für die Zugabe bin ich unter dem Druck der Fan-Dame vor mir — die mit jedem Armheben Erinnerungen an den Geruch von Instant-Suppen in meine Nase beschwor und mir diese für immer verleidet hat — an den Tresen rechts von der Bühne gewechselt, der angenehm klimatisiert war. Ich verstehe nicht ganz, warum sie die Zugabe mit dem verschleppten und uninteressanten Sacred Worlds vom verschleppten und uninteressanten Album At the Edge of Time (2010) begonnen haben — aber Valhalla mit dem obligatorischen Wiederholen des Refrains bis zur Erschöpfung seitens des Publikums und Mirror Mirror haben ihren Job wirklich grandios gemacht. Ein grandioser Abschluss eines grandiosen Konzerts.

Vor dem Konzert hat mich leicht beschäftigt, was ich in den Bericht schreiben soll, denn das war bereits das dritte Konzert der aktuellen Tour, das ich besucht habe. Aber die erweiterte Setlist hat die Sache gerettet — denn in Wien (Bericht hier) gab es eine unerklärlich gekürzte, beim Rock Out-Festival in Augsburg (Bericht hier) eine klassische Festival-Setlist. Was die Alben Nightfall in Middle-Earth (1998) und Imaginations from the Other Side (1995) in der Diskografie der Band bedeuten, zeigt die Tatsache, dass nach fast dreißig Jahren noch immer sieben Songs davon auf dem Repertoire stehen. Persönlich vermisse ich zwar immer mehr Material von den ersten vier Alben, aber das Verhältnis von 2/3 goldener Ära und 1/3 aktuelleren Songs ermöglicht ein erstklassiges Konzerterlebnis.

Lob an das Zagreber Publikum für die intensive Beteiligung und die Wahl des Skandierens vor der Zugabe (siehe Bericht vom DragonForce-Konzert hier) mit dem klassischen „We want more!“

Der Heimweg hat sich etwas in die Länge gezogen, denn die Nacht hat ihre eigene Macht. Letzten Endes sind aber alle lebendig und gesund angekommen.

Text und Fotos: Igorac

P.S. Die Fotos sind wegen unerwarteter Veränderungen in der Besetzung des Rockline-Teams etwas mäßig — aus der Distanz und nicht gerade von bester Qualität. Sorry.


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