Rock Out Festival (Dezember 2024)

foto: IGORAC 2024
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Auftretende: Blind Guardian, Kissin‘ Dynamite, Gamma Ray, H.E.A.T, Dynazty, Axxis
Datum: Freitag, 13. 12. 2024
Ort: Schwabenhalle, Augsburg, Deutschland


Kai Hansen versucht, Gamma Ray wiederzubeleben? Wo fährt man hin, um das zu hören und zu sehen? Einfach nach Augsburg in Bayern, wo die Veteranen des europäischen Power-Metal-Zweigs Blind Guardian und den oben genannten Bands Gesellschaft leisteten. Warum auch nicht?
Nach 500 zurückgelegten Kilometern (ich hatte mich von Wien aus auf den Weg gemacht, wo ich das berufliche Weihnachtsessen in den frühen Morgenstunden in einer Metalbar mit dem sprechenden Namen Battle Axe beendet hatte) schloss ich mich der in Schwarz gekleideten Menge an, die sich in die Schwabenhalle am Stadtrand wälzte. Der Einlass verlief, wie man es von der allseits bekannten deutschen Organisationsgabe gewohnt ist, schnell und reibungslos. Von der Garderobe gelangt man in eine Metal-Kantine (wo ich später vermutlich die schlechteste Wurst meines Lebens gegessen habe – All beware the currywurst!!!) und dann durch den Gang in die Halle. Die Band-T-Shirts waren eher mäßig interessant, also machte ich mich, zum ersten Mal in meinem Leben in der Rolle des offiziellen Fotografen, ein wenig nervös und schnell auf den Weg vor die Bühne, um mich vorzubereiten.

Axxis
Axxis gehen in Rente und schleppen sich auf diversen Festivals als Special Guests herum, was sie als Abschiedstournee vermarkten. Von der alten Besetzung sind nur noch Sänger Bernhard Weiß und Keyboarder Harry Oellers dabei. In alten Zeiten habe ich die ersten beiden Alben ziemlich oft gehört, aber ich wurde bald Bernhards näselnden Gesang müde. In der Halle waren einige Axxis-Fans, und die Band hat sich mit ihrem ziemlich energischen Auftritt lauten Applaus verdient. Je zwei Songs von den ersten beiden Alben sowie vom letzten Coming Home (Rockline-Rezension) und noch einer als Zugabe. Sauber gespielt – gut saß der Song Living in the World, der mit dem Refrain „Living in the world of shame and glory, Living in the world of shame and lies“ die heutige Welt treffend beschreibt.
Die Setlist findet ihr hier.

Dynazty
Die hübschen Jungs mit dem donnernden Sänger Nils Molin (auch Amaranthe) an der Spitze haben sich von modernen Sleaze-Glammern (erste drei Alben) quasi über Nacht in superbombastische symphonische Power-Metaller verwandelt und sich mit einer Reihe qualitativ hochwertiger Alben in die zweite Liga der Power-Metal-Bands vorgearbeitet. Von den acht gespielten Songs stammten gleich drei vom kommenden Album Game of Faces, das am Valentinstag nächsten Jahres erscheinen soll. Ein superenergetischer Auftritt mit vollem Bühnentreiben und (zu?) perfekten Vokalharmonien ließ niemanden gleichgültig. Die letzten drei Songs waren definitiv der Höhepunkt des Auftritts. Das ist aber wieder eine von diesen Bands, deren Musik ziemlich auf Keyboards basiert, die aber weder in der Besetzung noch auf der Bühne einen Keyboarder haben. Leider schien es so, als hätten die Jungs auf dem Band noch so einiges mehr aufgenommen als nur die fehlenden Keyboards.
Die Setlist findet ihr hier.

H.E.A.T
Dann übernahmen weitere schwedische Hübschlinge die Bühne – mit Rückkehrer Kenny Leckremo am Mikrofon. Die Musik der Band bewegt sich ziemlich am Rande jedweden Metals, aber live wird das durch extreme Energie und ein schlechthin viel zu „over the top“ gesangliches Auftreten mehr als wettgemacht. Kenny tobte über die gesamte Bühne, als wollte er alle davon überzeugen, Erik Groenwall zu vergessen, mit dem er schon zweimal die Position getauscht hat. In der Fotogalerie könnt ihr auch sein Bühnenoutfit begutachten, das wirklich eine Rückkehr in die 80er darstellte. Erwähnenswert ist, dass den erkrankten Gitarristen Dave einer der Dynazty-Gitarristen ersetzte, was aber nicht allzu sehr auffiel. Ein ausgezeichneter Auftritt, voll melodischer Power-Pop-Songs.
Die Setlist findet ihr hier.

Gamma Ray
Die Band, wegen der die meisten slowenischen HM-Fans gekommen sind – und von uns waren in Augsburg so einige versammelt. Kai Hansen versucht nach seiner Rückkehr zu seiner Stammband Helloween nun auch seine Gamma Ray mit einer Serie von Live-Auftritten im Jahr 2024 wiederzubeleben. Die Setlist war vielversprechend und ich konnte es kaum erwarten, die Truppe nach langen, allzu langen Jahren endlich wieder in Aktion zu sehen. Das letzte Album, Empire of the Undead, wurde 2014 veröffentlicht, die letzten Live-Auftritte absolvierte die Band 2019. Nun, wie ist es gelaufen? Zu meinem Leidwesen brauchte der verdammte Tonmeister 7 Songs, um die Gesangsdynamik zwischen Kai und dem Ersatz-/Hilfs-/Hauptsänger Frank Beck hinzubekommen. Die beiden schufteten sich so ab, dass ihnen die Halsvenen hervorsprangen, aus den Lautsprechern aber kam undeutliches und unausgewogenes Gemurmel. Am meisten litten darunter die Darbietungen des Klassikers One With the World vom zweiten Album Sigh No More und des Power-Metal-Meisterwerks Dethrone Tyranny von New World Order. Und die Kerle wirkten auf mich irgendwie müde – wahrscheinlich stand ich noch unter dem Eindruck des Bühnentobens der schwedischen Jungs, die zuvor aufgetreten waren. Anstelle des bei einem Verkehrsunfall verletzten Henjo Richter half Kasperi Heikkinen von den Eurovision-Metallern Beast in Black an der Gitarre aus. Nun, die Sterne standen ab Somewhere Out in Space vom gleichnamigen Album und dem unvergesslichen Pop-Power-Metal-Leckerbissen Heaven Can Wait vom Debüt endlich günstig. Die Gesangsstimmen schnitten mit zerstörerischer Kraft durch das Klangbild, und ich kann nur die verpasste Chance beklagen, dass der gesamte Auftritt so geklungen hätte. Persönlich blieb ich leicht unbefriedigt, und ich vermisste auch das echte Gefühl von Einheit und Geschlossenheit der Band, da von den Urgesteinen nur noch Kai und der unentbehrliche Dirk Schlaechter am Bass dabei sind.
Die Setlist findet ihr hier.

Kissin‘ Dynamite
Ich war nicht der Einzige, der sich wunderte, dass die deutschen Kissin‘ Dynamite nach den Legenden Gamma Ray an der Reihe waren – ein paar Tage vor dem Festival hatten sie auf ihrer offiziellen Seite sogar die Meldung veröffentlicht, dass sie Co-Headliner-Status haben. Was?! Tatsache ist, dass die Jungs in Deutschland extrem populär sind; mit dem letzten Album Back With a Bang! haben sie sich sogar auf Platz eins der deutschen Albumcharts katapultiert. Nach ihrem Auftritt machte sich ein beträchtlicher Teil (vor allem des weiblichen) Publikums auf den Heimweg.
Ich muss zugeben, dass ich ihre Musik nicht kannte – den Auftritt begannen sie mit dem Titelsong Back With a Bang!, gefolgt vom superklebrigen DNA, dann kam eine übermelodische Angelegenheit mit dem treffenden, aber vielleicht leicht verfehlten Titel No One Dies a Virgin. Wirklich bombastischer, hochoktaniger Einstieg! Jetzt war leichter zu verstehen, woher und warum diese Popularität der Band kommt: Es handelt sich um bis ins kleinste Detail ausgearbeitete süßlich-melodische Kompositionen, vollgepackt mit Gang-Backgroundvocals, eingängigen Refrains und simplen Rhythmen. Doppelbassdrum-Einlagen fehlen natürlich nicht – schließlich handelt es sich um eine deutsche Band! Eine Art Pop-Glam-Rock-Version von Sabaton, also. Sänger Hannes Braun beherrschte das Publikum souverän und sorgte mit seiner Oldschool-Frisur für eine Vergrößerung des Ozonlochs. Auf jeden Fall eine Band, die man als halbwegs ernsthafter Metaller nicht regelmäßig hören kann, aber die Songs wollen einfach nicht aus dem Kopf. You’re Not Aloooooooooooooone… Scheiße!
Die Setlist findet ihr hier.

Blind Guardian
Aaaaahhhh, die Elite des Power Metals, Hansi und die Crew. Plus Bassist. Plus Keyboarder. Ohne Playback. Glaube ich. André’s Patzer in Majesty beweist das. Hoffe ich.
Elitärer Gesang. Elitäres Gitarristen-Duo. Elitärer Schlagzeuger (war er mal). Elitäre Alben (waren sie mal). Elitäre Setlist. Jep. Elitäre Setlist. Klar vermisst du bei einem festivalbedingt gekürzten Auftritt immer so 15 Klassiker, aber was soll’s. Sound gewaltig. Hansis Schreie präzise wie Laser. André’s Lead-Melodien meisterhaft (außer in Majesty). Kanonade von Perkussion und Doppelbassdrum. Unhörbarer Bass. Statischer Keyboarder. Ekstatische Menge. So macht man einen Festivalauftritt als Headliner!
Einwand? Vielleicht wurde The Bard’s Song ein bisschen leiser gesungen als sonst. Und vielleicht dauerte das Mitsingen von „Valhalla, deliverance, why’ve you ever forgotten me?“ nicht ganz so lange… Kleinigkeiten.
Die Setlist findet ihr hier.

Acht Stunden Metal machen einen müde. Aber die Veranstalter haben dem Ruf der deutschen Organisationsgenauigkeit keine Schande gemacht. Zwischen den Bands war genug Pause für ein (verdammt wässriges) Bier und Geplauder mit Bekannten und Freunden, auf den Tribünen gab es genug Platz zum Sitzen. Traurig und beunruhigend ist die Tatsache, dass sich bei einem solchen Festival mit solchen Namen im Herzen der Wiege des teutonischen Heavy Metals gerade mal zwischen 4.000 und 5.000 Besucher versammelt haben. Die Halle war an beiden Seiten völlig leer, was zwar einen einfachen und schnellen Zugang zu den Theken und Toiletten ermöglichte. Aber wohin steuert die Metal-Szene heutzutage eigentlich? In Richtung Stadion-Massenveranstaltungen, wo Metallica, AC-DC, Gn’R und ähnliche Typen mit 35 Jahre alten Hits schlapp unterhalten?

Persönlich habe ich die Auftritte wirklich genossen – genervt haben mich nur die Soundprobleme bei Gamma Ray. Ich hatte gehofft, dass Hansi sich den Strahlen bei Land of the Free anschließen würde und Kai zum Guardian während Valhalla wird (was am nächsten Tag bei einem ähnlichen Festival tatsächlich passiert ist), aber das Glück war nicht auf meiner Seite. Das Lineup war stilistisch vielfältig genug, dass es nicht langweilig wurde (na ja, außer für jemanden, der die gesamte Heimfahrt Thrash hören musste, um das Power-Jodeln aus dem Kopf zu kriegen). Noch ein Bier, Bitte!

Bewertung des Events: 8/10

Text und Fotos: Igorac


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