Annihilator mit einem Grazer Konzert „verrückt nach Verrückten“ (2019)
Ort: Graz / Explosiv / Österreich
Datum: Samstag, 09.11.2019
Annihilator. Ihr wisst schon. Eine der „faszinierendsten“ kanadischen Thrash-Metal-Bands. Ja, buchstäblich faszinierend. Kanada war schon immer dafür bekannt, dass Bands von jenem Ende Nordamerikas oft musikalische Besonderheiten sind. Wir reden hier generell von der Ausdifferenzierung der Genres. Was die alten Zeiten des Thrash Metals betrifft und seine große Popularisierung in den Achtzigern und auch Neunzigern – ebenfalls getragen von der zweiten Thrash-Metal-Welle – haben der außergewöhnliche Gitarrenzauberer Jeff Waters und seine Annihilator in der zweiten Hälfte der Achtziger mit ihrem Debüt »Alice In Hell« noch einige Einblicke in das Phänomen Thrash Metal eröffnet, wie niemand zuvor. Deshalb zitieren sie heute viele als große Inspiration!
Nun, Annihilator haben im Laufe ihrer Karriere Höhen und Tiefen erlebt, über 30 Mitglieder sind durchgegangen, bei konstanter Charisma des ultimativen Anführers der Band, ihres einzigen unersetzlichen Mitglieds, Gitarrist Jeff Waters. Vor vier Jahren hat er die Besetzung wieder komplett „auseinandergerissen“, sie vollständig transformiert, und Annihilator schrumpften so vom Quintett wieder zum Quartett, wobei dieser brillante Gitarrist erneut die Funktion des Leadsängers übernahm, was also nicht zum ersten Mal in der Bandgeschichte passierte. So erschien 2017 das Album »For the Demented«. Das insgesamt bereits sechzehnte Studiowerk, und seine Konzertpräsentation ließ um gut ein Jahr auf sich warten. Im vergangenen September kündigte Waters an, dass Annihilator die Tour um ein Jahr verschieben müssen. Warum? Der Hauptgrund war Waters‘ Umzug nach Großbritannien und bürokratische Schwierigkeiten bei der Ausstellung eines neuen Reisepasses. Gleichzeitig baute er in dieser Zeit ein neues Aufnahmestudio (seit jeher Watersound genannt) im Ort Durham. Noch etwas ist passiert, das uns alle getroffen hat. Der Tod des Originalsängers Randy Rampage im vergangenen Jahr, mit dem Jeff den Plan gehabt hatte, ihn auf die Tour mitzunehmen, denn anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums des Albums hatte er die Absicht, das Repertoire mit Schwerpunkt auf diesem Album zusammenzustellen. All das ist also nicht passiert. Was aber passiert ist und passiert, ist, dass Jeff inzwischen schon den Nachfolger von »For The Demented« aufnimmt. Sein Erscheinungsdatum (24.01.2020) und der Titel »Ballistic, Sadistic« sind bereits bekannt.
Also auf in den Grazer Explosiv! Um acht Uhr spielten bereits die Jungs von Archer Nation auf der Bühne, Schützlinge von Megadeth-Bassist David Ellefson und seinem Label EMP Label Group. Das Trio aus Santa Cruz (Los Angeles, Kalifornien) hat in einer Dreiviertelstunde einen Sack voller Metal-Revivalismus aufgeschüttet, in dem vor allem aufgewärmte Blüten der Old-School-Elemente von Megadeth, auch Metallica, und natürlich sogar Momente aufblitzten, die Kenner der N.W.O.B.H.M.-Bewegung amüsieren könnten. Auf jeden Fall eine lupenreine Revival-Band. Dylan Rose (Gesang, Gitarre), David De Silva (Bass) und Keyhan Moini (Schlagzeug) präsentierten das neue Studiowerk, das im vergangenen Februar unter dem Titel »Beneath The Dream« erschienen ist. An Energie mangelt es dem Trio nicht. Dylan wechselte mehrfach blitzschnell von anspruchsvollen Soli und Verzierungen zum Mikrofon. Dieses Umschalten zwischen beiden Funktionen ist sehr fordernd, doch der Junge meistert das ausgezeichnet. Allerdings merkte man im Verlauf der Set-Zeit, dass die Konzentration etwas nachlässt, denn ein paarmal vergaß er, Autorität und Intensität bei der Gesangsrolle herauszustellen, während man seiner technischen Gitarrenversiertheit und großen Agilität nichts entgegenhalten kann. Die Band ist druckvoll, explosiv, gut eingespielt, kohärent und bühnengeölt! Äußerst engagiert und, wie gesagt, erfinden sie das warme Wasser nicht neu, klopfen aber an die Seelen der Retro-Nostalgiker! Eifrig und mit Vehemenz. Also ein schöner Einstieg.
Annihilator haben die Bühne natürlich mit der Kulisse des aktuellen Albums ausgestattet. Die Bühne wurde von Nebel, jeder Menge rotem Licht und Stroboskopen geflutet, die dem Quartett in den Rücken schnitten. Guter Besuch, sicher um die 400 Leute, überwiegend Männer, die auf Abraham zusteuern oder ihn bereits hinter sich haben, wobei natürlich auch jüngere Aufstrebende und sogar eine auffällig hohe Anzahl an Mädels nicht fehlten. Hervorragende Energie, und es ist schlichtweg unglaublich, wie das Publikum die Band nicht vergessen hat, was sich vor allem in seiner Mitarbeit mit der Band widerspiegelte, wann immer diese einen der Klassiker spielte.
Neben Jeff Waters vervollständigen das aktuelle Annihilator-Quartett Gitarrist Aaron Homma, Bassist Rich Hinks und der italienische Schlagzeuger Fabio Alessandrini. Jeff betonte zu Beginn, dass er erkältet auftrete und trotzdem alles geben werde. Kenner wissen zu sagen, dass das an dem Faktum kaum etwas ändert. Jeff war nämlich in der Rolle des Sängers noch nie wirklich berühmt. Im Studio lässt sich natürlich einiges gut kaschieren, aber ein Konzert ist ein Konzert. Hier gibt es kein Verstecken. Trotzdem hat die Band gekillt. Es ging schlicht nicht anders. Einfach wegen der ausgezeichneten Setlist, auf der uns einige außerordentlich schöne und süße Überraschungen warteten.
Jeff hat die Situation gemeistert. Was die Gesangssache betrifft. Er hat die Setlist gut ausbalanciert, um „vokal“ zu überleben! Er hat sich glänzend aus der Affäre gezogen. Den Auftakt eröffnete etwas überraschend Betrayed, vom Album »Annihilator« (2010). Im Anfangsteil mussten die Instrumente etwas ausgeglichen werden (vor allem die Gitarren auf hörbare Klarheit hin), aber das gelang den Tontechnikern schnell, und der Sound war durch das gesamte Konzert ausgezeichnet. Betrayed glitt (erwartungsgemäß) in den ersten Klassiker über. King Of the Kill, und den Leuten ist zum ersten Mal ernsthaft der Hut geflogen. Tatsächlich hat die Band alle Phasen ihres Schaffens abgedeckt (nur zur „Joe Comeau-Ära“ blieb sie gleichgültig). Für zwei Nummern des neuen Albums, nämlich One To Kill (im Anfangsteil) und Twisted Lobotomy (in der zweiten Hälfte), lebte auch das aktuelle neue Album »For the Demented« auf, das Jeff aber langsam schon vergisst. Das zeigte sich vor allem in einem von Jeffs Ansagen, als er das neue Album ankündigte und nebenbei über das aktuelle „For The Demented“ hinzufügte: „….which was pretty good…“.
Jeff nutzte die Pausen zwischen den Songs mehrfach, um interessante Geschichten zu erzählen, außerdem erklärte er die Hintergründe zu den einzelnen Songs. So erzählte er unter anderem, dass nächstes Jahr der 30. Jahrestag des Albums »Never Neverland« ansteht und die Band deshalb auf dieser Tour bewusst nicht mehr als einen Song von diesem Album spielt. Es handelt sich um das kultische Phantasmagoria, das auf jedem Annihilator-Konzert stets seinen ganz eigenen Höhepunkt liefert. Jeff sagte über diesen Song, dass sie ihn in der Setlist behalten müssen, weil es der Song von jenem Album ist, der für alle Mitglieder, die je bei Annihilator gespielt haben, ihr liebster »Never Neverland«-Song war. Er vergaß auch nicht hinzuzufügen, dass sie auf der nächsten Tour das Album »Never Neverland« in seiner Gesamtheit spielen wollen und dass er dafür beabsichtige, den Originalsänger dieses Albums, Coburn Pharr, zur Mitarbeit zu gewinnen. Das wäre die Erfüllung aller feuchtesten Träume eines jeden Annihilator-Fans.
Wie auch immer befinden wir uns ja noch in Graz. New Psycho Ward war als Trost für alle, die an diesem Abend noch mehr vom Album »Never Neverland« vermissten – nach Jeffs Erklärung gewissermaßen ein Pflaster auf die Wunde. Laut Jeffs Worten folgt diese Komposition in ihrer Inspiration dem Gitarren-Riff des »Never Neverland«-Klassikers Stonewall. Und tatsächlich. Psycho Ward hat mit aller Intensität zugeschlagen, wie sie die Karisma von Waters‘ klassischer Thrash-Metal-Schule sonst entwickelt. Wie dem auch sei, hier passierte der Band ihr einziger Patzer. Bis irgendwo zum Refrain lief alles gut, dann aber stoppte Jeff den Song. Er schaute nach rechts und sah Rich an: „Rich? Kennst du den Text von diesem Song?“ Der Bassist war nämlich zu früh in den Refrain eingestiegen. Jeff erklärte, dass der Song neu sei und sie ihn noch nicht gut zusammen eingeübt hätten, dann gab er Fabio das Zeichen, und die Band hämmerte den Song nochmal durch. Diesmal ohne Probleme.
Von Jeff sind also keine Gesangswunder zu erwarten. Deshalb überließ er das Singen der Refrains bei den Klassikern gerne dem Publikum. So wie immer, auch bei Set the World On Fire, sowie bei der »Refresh the Demon«-Überraschung Ultraparanoia, wie auch bei der nicht minder großen »Remains«-Überraschung Tricks And Traps. Das Publikum hielt ihm bei den Refrains ausgezeichnet die Stange. Jeff verteilte an diesem Abend wirklich Bonbons. Außerordentlich gut tat nämlich die Aufwertung der Setlist durch das erstklassige klassische Instrumental Schizos (Are Never Alone) Part I & II, in dem der teuflische Gitarrist einmal mehr all seine Meisterschaft zur Schau stellte. Unbedingt erwähnen muss man noch eine absolute Überraschung. Die Integration eines weiteren »Set The World On Fire«-Klassikers. Es war Night Jumps Queen, für die Jeff zu Recht die Mitarbeit des Publikums einforderte! Und sie bekam.
Jeff vergaß nicht, dem verstorbenen Randy Rampage zu gedenken. Einige Geschichten erzählte er über Randy. Die obligatorische Zugabe gehörte in ihrer Gesamtheit dem kultischen Debüt »Alice In Hell« und der Aufführung von drei Klassikern dieses Albums. Zunächst nahmen sich Annihilator, nach Jeffs Worten, der einzigen zwei Songs an, die Rampage von diesem Album überhaupt gefallen haben! Der erste war, meine Damen und Herren, Burns Like A Buzzsaw Blade. Wahnsinn! Ein Song, den Annihilator auf ihren Konzerten nach 1991 äußerst selten gespielt haben, wenn überhaupt. Darauf folgte noch W.T.Y.D. (Welcome To Your Death). Noch ein absoluter Uppercut! Gefehlt hätte nur noch Human Insecticide, dann wäre das Maß voll gewesen. Na und zum Abschluss? Jeff: „Und jetzt natürlich der Song, den wir spielen müssen, obwohl Randy ihn überhaupt nicht mochte.“ Es folgte natürlich jene berühmte akustische Einleitung (Crystal Ann), dann der Sprung in den berühmten „Psycho-Thriller“ und brillanten Klassiker Alison Hell, mit dem Annihilator dieses ausgezeichnete Konzert im Grazer Explosiv abschlossen!
Was soll man sagen. Jeff bleibt außergewöhnlich. Annihilator ein absoluter Konzert-Leckerbissen. Erst recht, wenn sie eine solche Setlist zusammenstellen. Jeff bleibt mit seinen 53 Jahren außerordentlich vital. Auf der Bühne wirkt er immer noch am verrücktesten und aufgedrehtesten von allen, obwohl er seinen Annihilator-Kameraden vom Alter her auch Vater sein könnte (dem 26-jährigen Fabio am Schlagzeug ganz sicher). Jeff mangelt es nicht an Energie. Er bleibt ein außergewöhnlicher, einzigartiger und in dieser Hinsicht ungreifbarer Gitarrist, der auch im Jahr 2019 auf der Bühne sein absolutes Maximum gibt. Hundertprozentig konzentriert auf alles, was um ihn herum passiert, und so ein großer Anführer, dem rein gar nichts entgeht. Gitarrenzauberer. Beim Gesang war definitiv zu spüren, dass die Sache nicht immer optimal funktioniert, aber wie gesagt – Jeff balanciert das gut aus. Mit mehr Pausen, wenn die Band zwischen den Songs für ein paar Sekunden in die Kulissen verschwand, aber auch mit Pausen, in denen er sich Zeit für mehrere Ansagen ans Publikum nahm.
Tatsächlich wäre es besser, wenn Jeff wieder einen Sänger an seiner Seite hätte. Das ist keine neue Erkenntnis, das ist schlicht eine Tatsache. Nicht unbedingt notwendig, aber wünschenswert. Beide Songs, die die Band bislang vom kommenden neuen Album »Ballistic, Sadistic« vorgestellt hat, klingen oldschool-Annihilator-mäßig und versprechen deshalb viel! Ermutigende Neuigkeit! Der Abend endete viel zu schnell. Aber als Trost bleibt die Ankündigung des neuen Albums und, wie Jeff sagte, der »Never Neverland«-Tour! Annihilator werden also bald wieder auf den Bühnen sein! Noch ein abschließender Gedanke! In Graz haben wir eine ausgezeichnete Vorstellung der legendären Band mit dem außergewöhnlichen Waters an der Spitze erlebt, dem es an Dynamit, großer Charisma und teuflisch sprudelnder Energie ganz und gar nicht mangelt! Der Mann erlischt nicht. Ganz im Gegenteil. Er bleibt verbissen und in allem hingegeben. Deshalb wissen wir, dass vor Annihilator noch ein langer Weg und eine strahlende Zukunft liegen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
ANNIHILATOR:
1. Betrayed
2. King of the Kill
3. No Way Out
4. One to Kill
5. Set the World on Fire
6. Ultraparanoia
7. The Trend
8. Schizos (Are Never Alone) Parts I & II
9. Drum Solo
10. Knight Jumps Queen
11. Twisted Lobotomy
12. Psycho Ward
13. Tricks And Traps
14. Phantasmagoria
—Zugabe—
15. Burns Like a Buzzsaw Blade
16. W.T.Y.D.
17. Alison Hell
ARCHER NATION:
1. Not My Own
2. Shackled
3. Acedia
4. Hell in a Handbag
5. Day That Never Came
6. Division
7. Severed
8. I Am the Dawn














