Label: Virta
Erscheinungsdatum: Juni 2003
Produktion: Anekdoten
Albumlänge: 46.19 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
»Gravity« war das vierte Studioalbum der schwedischen Progrocker-Düstergesellen Anekdoten, die unter der Führung des genialen Sängers und Multiinstrumentalisten Nicklas Berg (der sich in dieser Periode in Nicklas Barker umbenannte) zusammen mit ihren Landsleuten Änglagård Anfang der Neunzigerjahre die sogenannte dritte Welle des Progressive Rock losgetreten haben. Anekdoten neigten stets zur düsteren Seite des Progressive Rock, was für die meisten skandinavischen Prog-Rock- und Prog-Metal-Bands ohnehin charakteristisch ist.
Neben ihrem eigenen, unverwechselbaren Sound, der größtenteils eine Verflechtung aus Art Rock, Psychedelic Rock, Prog Metal und Symphonic Prog Rock war, haben sie nie einen Hehl daraus gemacht, dass King Crimson ihr wichtigster Einfluss ist — was man vor allem an der häufigen Verwendung von Mellotron-Wogen, oft chaotischen und zersplitterten Rhythmen, der düsteren Atmosphäre und ihrer Vorliebe für postapokalyptische Texte heraushören kann. Im Vergleich zum Vorgänger »From Within« (1999) war »Gravity« ein etwas zugänglicheres Werk und dem Klang von King Crimson weniger verwandt als sonst — was bedeutet, dass Anekdoten beim Entwickeln ihres eigenständigen Klangbildes den nächsten Reifegrad erreicht haben, ohne dabei auf die erwartete klangliche Eklektik zu verzichten.
Berg, der zu Barker wurde, weil er von dem englischen Schriftsteller, Regisseur und Maler Clive Barker begeistert war und für Horrorfilme Filmmusik im Rahmen seines Nebenprojekts Morte Macabre schrieb, bot auf »Gravity« keine sonderlich heiteren Visionen der nahen Zukunft. Das ist bereits aus dem postapokalyptischen Text des Eröffnungsstücks »Manolith« herauszuhören und abzulesen, das von wuchtigen Basslinien, plötzlichen Taktwechseln, weiträumigen Mellotron-Schleiern, zersplitterten Gitarrenpassagen und Barkers charakteristischem, ausgesprochen melancholischem Gesangsansatz geprägt wird.
»Ricochet« ist eine äußerst gelungene Verflechtung verträumter, melancholischer und nostalgischer Ambient-Nuancen, getragen von der wunderschön harmonisierten Verbindung aus Barkers melancholischem Vokalansatz, Mellotron-Wogen, eklektischen Gitarrenpassagen und dynamischen Schlagzeugübergängen. »The War Is Over«, das klingt, als wäre es Anfang der Siebzigerjahre entstanden, ist eine melancholische, akustisch ausgerichtete Ballade mit einem nicht zu unterschätzenden Anteil psychedelischer Elemente und einem beständigen Schwerpunkt auf dem Mellotron-Wogen.
Das Stück »What Should But Did Not Die«, in dem eine geheimnisvolle und spannungsgeladene Atmosphäre herrscht, könnte eine hervorragende Grundlage für den Soundtrack eines Horrorfilms sein. Den Höhepunkt dieser bemerkenswerten Komposition bildet ihr Schlussteil, wenn es scheint, als würden chaotische Rhythmen und raue Gitarrenpassagen die Oberhand übernehmen — doch das Stück beruhigt sich gegen Ende wieder, nach dem Triumph der Mellotron-Wogen unter der Regie von Anna Sofi Dahlberg. Auch »SW4«, das durch unbeschreibliche Melancholie und einen wehmütigen Gesangsvortrag gewisse Ähnlichkeiten mit Porcupine Tree aufweist, erinnert atmosphärisch an eine Begegnung der besonderen Art mit Geistern.
Der ambitionierte Titeltrack, der auch etwas mehr Prog-Metal-Elemente enthält als bei Anekdoten üblich, zählt zu den Höhepunkten des Albums. Wunderschön harmonisierte Mellotron-Texturen und eklektische Gitarrenpassagen verflechten sich hervorragend mit vokaler Wehmut und komplexen Schlagzeugübergängen, bis das alles in einem dramatischen und erschütternden Finale gipfelt. »The Games We Play« ist eine zarte, psychedelische Ballade, auf der grenzenlose Wehmut und eine nahezu hypnotische Verträumtheit herrschen.
»Gravity« schließt mit dem düsteren Instrumentalmeisterwerk »Seljak«, was in der Sprache unserer ehemaligen südlichen Brüder »Bauer« bedeutet. Wie die Mitglieder von Anekdoten darauf gestoßen sind, lässt sich nur vermuten — aber beim Hören dieses düsteren Abenteuers fällt es nicht schwer, sich einen alten, verbitterten Bauern vorzustellen, der einsam inmitten einer unwirtlichen Landschaft ums Überleben kämpft, während ihn die Geister seiner verstorbenen Nächsten verfolgen. Hier demonstrieren Anekdoten ein letztes Mal auf dem Album auf bewundernswerte Weise ihr außergewöhnliches Gespür für das Erschaffen eklektischer rhythmischer Nuancen, den Aufbau komplexer Ambientes und das Formen dramatischer, mehrteiliger Harmonien.
»Gravity« hat den Kultstatus von Anekdoten weiter gefestigt und sie zu Beginn des neuen Jahrhunderts an die Spitze der skandinavischen Düster-Fraktion der dritten Progressive-Rock-Welle katapultiert. Nach dem Abschied ihrer weitläufigen »Cousins« Landberk und dem beständig unklaren Status von Änglagård schien es nach dem Erscheinen von »Gravity« so, als würden die großen Mellotron-Liebhaber zumindest für eine Weile an der Spitze des dunkel ausgerichteten skandinavischen Progressive Rock verbleiben — doch von dort wurden sie schon bald von Opeth »vertrieben«, die genau in dieser Zeit ihren Aufstieg an die Spitze der Szene begannen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Monolith (6:07)
2. Ricochet (5:44)
3. The War Is Over (4:42)
4. What Should but Did Not Die (6:43)
5. SW4 (6:04)
6. Gravity (8:19)
7. The Games We Play (3:24)
8. Seljak (5:16)
Besetzung:
Nicklas Barker – Gesang, Gitarre, Mellotron, Rhodes, Farfisa, Vibrafon
Anna Sofi Dahlberg – Gesang, Mellotron, Klavier, Farfisa, Orgel
Jan Erik Liljeström – Gesang, Bassgitarre
Peter Nordins – Schlagzeug, Becken, Vibrafon, Mellotron
