Amorphis: Halo

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Label: Atomic Fire Records
Erscheinungsdatum: 11. 2. 2022
Produktion: Jens Bogren
Albumlänge: 55.45 Min.
Genre: Melodic Death Metal/Progressive Metal
Wertung: 9.0/10


Amorphis sind ins Jahr 2022 mit dem Abschlussalbum einer Trilogie gestartet, die die Band mit dem Album »Under The Red Cloud« (2015) begann und mit dem Nachfolger »Queen Of Time« (2018) fortsetzte. »Halo« ist bereits das vierzehnte Studioalbum dieser langlebigen und gerade im letzten Jahrzehnt außergewöhnlich kreativen finnischen Band. In jeder Hinsicht enorm konsistent, qualitativ ebenbürtig mit beiden Vorgängern und stellenweise schlichtweg brillant, wenn nicht gar ausgezeichnet. So viel vorab für alle, die sich nicht in den weiteren Absätzen dieses Rezensionsessays verlieren wollen.

Die Band hat sich nach der stilistischen Transition der ersten Ära ihres Schaffens irgendwie bei einer musikalischen Formel eingependelt, die sie mit dem Album »Eclipse« (2006) angelegt und mit »Skyforger« (2009) gefestigt hat — eine Formel, die sie mit den folgenden Alben bis zum expressiven Optimum verfeinert und gepflegt haben. Die Gruppe bleibt also auch mit dem neuesten Werk diesen Elementen treu und klingt, wie nur Amorphis klingen können.

Das deutet gleich zu Beginn Northwards an, das tatsächlich alles, woran man Amorphis sofort erkennt, an einem Ort zusammenfasst. Eine beißende, düstere, starrende Gitarrenfigur, die dramatisch und zugleich bombastisch anspricht, beginnt sich in der Mid-Eight-Passage zunehmend progressiv zu entfalten, während manche Gitarnenornamente wieder diesen Folk-Touch hinzufügen. Dazu kommt der brillante Gesangsbeitrag von Tomi Joutsen, der traditionsgemäß virtuos zwischen Growling und klarem melodischem Gesang wechselt. Die Stimmungssteigerung erreicht ihren Höhepunkt in einem eingängigen und ultramusikalischen Refrain. Melancholie, Mystizismus!

Die meisten Tracks tendieren zu einer progressivmetalllastigen Entwicklung, oft auch dank der rhythmischen Lösungen und Strukturen, die das dynamische und erkundende Schlagzeugspiel des erfahrenen Jan Rechberger liefert — dieses Element ist zugleich geschickt verborgen hinter der Entfaltung bombastischer Musikalität, die in Refrain-Melodien wie in When The Gods Came, dem Titeltrack oder dem phänomenalen The Moon eingefangen wird. Seven Roads Come Together öffnet sich mit einem Motiv, das schon vertraut wirkt und klingt, als wäre es »Skyforger« entsprungen — doch gerade die Entwicklung dieser Komposition ist ein Zeugnis der außergewöhnlichen kompositorischen Reife und Erfahrung der Band. Im weiteren Verlauf ist der Track progressivmetalllastig angelegt, wird aber einerseits von Death-Metal-Düsternis angetrieben und andererseits von Prise Folk-Ästhetik. Eine der ausgereiftesten Kompositionen des Albums, die an der Eröffnungsposition mühelos das ohnehin nicht weniger ausgezeichnete und düstere Northward ersetzen könnte. Neben den bereits erwähnten Northward und Seven Roads Come Together begegnet man einem der death-metallisch rauesten Momente auch in der Strophe von The Wolf, die von einem typischen atmosphärischen Sprung in eine ultamusikalische Refrain-Melodie geprägt wird. Ein Trick, der zur typischen Amorphis-Arrangier-Nomenklatur gehört. Die Band nutzt Mid-Eight-Passagen für tiefsinnige und raffiniert detaillierte Modulationen, in denen sich folglich auch die Stimmungen innerhalb der Tracks auf eine völlig andere Ebene verlagern. Dabei entwickeln sich die Tracks bis zu einem gewissen Grad sogar unvorhersehbar (z. B. die Integration eines Chors mit einem Folk-Motiv in der Mid-Eight-Passage von The Wolf). Dabei verliert die Band keinen Augenblick den außergewöhnlichen und hochintelligenten Faden zur Wahrung der kompositorischen Kompaktheit.

Auch der Rest des Albums wird von der typischen Kompositionsform getragen, die Amorphis eben bis ins Detail ausgefeilt haben, und in der sie erneut auch mit der meisterhaften Einbindung symphonischer Elemente imponieren. Das Album präsentiert die Band mit gewaltiger Vehemenz, die nicht nur mit Melancholie und Mystik gepanzert ist, sondern auch mit „unheilschwangeren Gesten“. Dem neuen Material werden Fans dieser Band auch diesmal keinen Moment widerstehen können.

Die Frage wäre, wie das Album »Halo« ohne all diese Lockdown-Strapazen und die seltsamen Zeiten unbegreiflicher, ununterbrochener Einschränkungen seitens der „Peiniger“ ausgesehen hätte, in denen wir die letzten zwei Jahre lebten. Wenn es dieses Szenario nicht gegeben hätte, wäre das Album »Halo« wohl schon zwei Jahre früher erschienen — oder Amorphis hätten im Zeitraum der letzten vier Jahre statt eines Albums zwei aufgenommen und veröffentlicht. Wie auch immer man darüber philosophiert: Einer der beiden Gitarristen, nämlich Esa Holopainen, hat in der Zwischenzeit zwischen »Halo« und dem Vorgänger »Queen of Time« im vergangenen Jahr ein phänomenales Soloalbum Silver Lake veröffentlicht (Rockline Rezension), das glänzend und wie auf dem Präsentierteller festhält, woher einer der Hauptkomponisten von Amorphis seinen kreativen Impuls bezieht. Verbindungen zwischen Esa Holopainens Soloalbum und dem neuen Amorphis-Album sind im Sinne von Abweichungen vom typischen Amorphis-Format schwer zu suchen — doch »Halo« nähert sich solchen Abweichungen, die für Amorphis nicht gerade typisch sind, genau in seinem Schlussakt an: dem balladenhaft-sehnsuchtsvollen und akustischen My Name Is Night, wo die gesangliche Gastgeberin Petronella Nettermalm (Paatos) ihren Stempel hinterlässt und sich mit Joutsen zu einem bewegenden Gesangsduett zusammenfindet. Dieser Track bietet noch eine weitere atmosphärische Abweichung des Albums, die auf der anderen Seite mit federleichter Leichtigkeit einen unerschöpflichen Durst weckt, das Album »Halo« sofort nochmal aufzulegen.

Die Band veröffentlicht auf relativ regelmäßiger Basis qualitativ konsistente Studioarbeiten, die außerordentlich ausgefeilt und ausgereift sind. Das gilt auch für das neueste Studiowerk, das die musikalischen Koordinaten des Vorgängers »Queen of Time« beibehält und womit die Band beim ersten Hören kaum mehr überrascht. Hört man das Album jedoch mehrmals, entdeckt man darin eine Fülle von Details, über die man nur staunen kann — es handelt sich um einfallsreich-funkelnde und clevere Lösungen, sowohl in der Komposition als auch im Arrangement. Amorphis bleiben also auch mit dem Album »Halo« große Meister ihres Fachs. Man kann sie Meister im Umgang mit ihrer musikalischen Rezeptur nennen, die eine einzigartige Mischung aus Melodic Death Metal, Progressive Metal sowie dem theatralischen Einfluss von Folk- und symphonischen Elementen darstellt. Auch wenn die Band nichts Neues bringt, erzeugt ihr einzigartiger musikalischer Ausdruck auch auf neuen Veröffentlichungen stets genug Aufregung. »Halo« ist also ein obligatorisches Album für alle Amorphis-Maniacs.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Northwards
2. On The Dark Waters
3. The Moon
4. Windmane
5. A New Land
6. When The Gods Came
7. Seven Roads Come Together
8. War
9. Halo
10. The Wolf
11. My Name Is Night

Besetzung:
Tomi Joutsen – Gesang
Esa Holopainen – Gitarre
Tomi Koivusaari – Gitarre, Hintergrundgesang
Santeri Kallio – Keyboards
Olli-Pekka Laine – Bass
Jan Rechberger – Schlagzeug, Perkussion, Keyboards

Gastmusiker:
Francesco Ferrini – Orchestrierungen, Keyboards
Jesse Bartholomew Zuretti – Orchestrierungen, Keyboards
Erik Mjörnell – Gitarre auf Track Nr. 11
Oskari Auramo – Perkussion
Petronella Nettermalm – Frauengesang auf Track Nr. 11
Noa Gruman – zusätzliche Frauenstimmen


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