Iron Maiden mit der Zeitmaschine bei der Landung in Prag – erster Tag (2023)

foto: EDITA KLEMEN 2023
0 207.825

Iron Maiden (Vorband The Raven Age)
Dienstag, 30. 5. 2023
Prag / O2 Arena / Tschechische Republik


Iron Maiden auf neuer Tournee! Ein Pflichtprogramm, was den Besuch mindestens eines ihrer Konzerte betrifft. Eine der wichtigsten Bands aller Zeiten, wenn es darum geht, die Popularität von Metal-Musik auf dem Planeten zu verbreiten, bleibt konzertmäßig unersättlich. Die Band, die im Metal als großes Leuchtfeuer der Inspiration gilt, hat für die neue Tournee außerdem einen interessanten Zug gemacht. Er betrifft das Repertoire und die daraus folgende Bühnenkulisse, die in ihrer diesmaligen Gestalt Gefühle von Nostalgie mit der Erkenntnis verbinden, dass die Geschichte der Metal-Giganten sich noch längst nicht zum Abschluss bringen lässt.

Das aktuelle Studioalbum »Senjutsu« (2021, RockLine Rezension), das seine erste Bühnenpräsentation in den letzten Zügen der »Legacy of the Beast«-Tournee erlebte (die ersten Nummern live haben wir beim Besuch in Zagreb am 22. 5. 2022 gecheckt), hat die Band entschieden, ebenjenes Album auch auf der neuen Welttournee weiter zu promoten. Diesmal blieb es aber nicht beim üblichen Standard. Also dem, dass neue Songs mindestens ein Drittel des Repertoires ausmachen und die restlichen zwei Drittel »Best of«-Klassiker sind. Die Band hat sich entschieden, auch einen größeren Anteil an Songs des Albums »Somewhere In Time« (1986, RockLine Rezension) ins Programm zu nehmen – das von vielen Fans der Band, aber auch von Musikliebhabern, die nicht direkt im Fanlager stecken, als einer der kreativen Höhepunkte ihrer gesamten Karriere gilt. Die Tournee heißt also »The Future Past«!

Ähnlich wie 1986, als die »Somewhere On Tour«-Tournee im Gebiet unseres ehemaligen gemeinsamen Staates begann – wobei das dritte Konzert in Folge in Ljubljana gespielt wurde –, haben Maiden beschlossen, die neue Tournee ebenfalls in Ljubljana zu eröffnen. Schon geraume Zeit vor dem ersten Tourneekonzert hatten sie sich in Split warmgespielt, danach trat Harris mit seinen British Lion einen Tag vor Tourneebeginn in der Ljubljaner Cvetličarna auf, bevor endlich der erste Auftritt der Legenden kam (nach dem Besuch des Plečnik-Stadions im Juni 2007). Fast runde 16 Jahre waren sie also nicht mehr in Slowenien zu sehen. Darüber hat sich für RockLine bereits ausführlich Dr. ProgRock in seiner Konzertrezension des Ljubljaner Auftritts der Band ausgelassen.

Angesichts des intensivierten Konzertrhythmus auf dem Boden des alten europäischen Kontinents hat es sich diesmal ausgezahlt, auch nach Tschechien rüberzuhüpfen. Vor allem wenn man Iron Maiden noch zweimal hintereinander sehen wollte und einen zweiwöchigen Aufenthalt in Tschechien mit Auftritten von Mötley Crüe, Def Leppard, Scorpions und Kiss verbinden konnte. Die Termine folgten aufeinander mit einigen Tagen Abstand. Tatsächlich ist diese Entscheidung auch gefallen. Und damit das niemand falsch versteht: Wir waren nicht die einzigen Slowenen, die Iron Maiden nach Tschechien gereist sind.

Das erste der beiden ausverkauften Konzerte zeigte die Band in einer entspannteren Stimmung als es beim Erlebnis in Ljubljana zwei Tage zuvor der Fall war. Die Band wusste, dass sie nach diesem Konzert die Nacht in Prag verbringen würde und dass nach dem Konzert kein Packen und kein Aufbruch in Richtung der nächsten Konzertdestination anstand. Und mehr noch: Am nächsten Tag war sogar ein Freundschaftsfußballspiel organisiert, bei dem sich Bandmitglieder und technisches Crewpersonal mit Veteranen des Fußballvereins Slavija Praga maßen. Aber der Reihe nach.

Die Stunde naht. Die Leute strömen aus allen Richtungen auf die Eingänge der riesigen O2 Arena zu, die rund 18.000 Menschen in ihr Inneres aufnimmt. Auf dem Vorplatz der Arena beziehungsweise vor dem Eingang hatte die Band ein Zelt aufgestellt und verkaufte dort offizielles Merchandise, was entsprechend den Druck auf solche Stände im Inneren der Arena verringerte. Den gesamten Strom mitten vor dem Haupteingang der Arena – also den Außenbereich und den Eingangsbereich – begleitete das Predigen per Megafon eines langhaarigen Sonderlings, der sich berufen fühlt, die Menschen von Konzertveranstaltungen zu retten, die mit Ketzergebräuchen und dem sonstigen Treiben mit Satans Sitten und Gewohnheiten verbunden sind. Er wirkte grotesk, aber entschlossen. Mit Transparent und Predigt. Aus ihm donnerte echter Jesus. Die tschechische Öffentlichkeit schien ihn aber bereits gut zu kennen, denn unter den Vorbeigehenden löste er Lachsalven aus. In einem Moment wirkte er sogar sympathisch, und man hätte ihm glatt eine Eintrittskarte für Iron Maiden angeboten, wenn der Mann das nicht als absolute Provokation aufgenommen hätte.

Wir sind drin. The Raven Age haben gespielt, und das Fieber vor dem Auftritt von Iron Maiden begann rasch zu steigen. Fünf Songs aus dem Album »Somewhere In Time« machen immerhin ein Drittel des gesamten Repertoires dieser Tournee aus – wobei Alexander The Great, für viele einer der besten Songs, den Iron Maiden je geschrieben haben, schlichtweg das absolute Zugpferd war, das man live erleben musste, da die Band ihn bis zu dieser Tournee noch niemals bei ihren Konzerten gespielt hatte.

Allerdings blieben Iron Maiden beim Konzert in Ljubljana einiges schuldig. Dort gab es jede Menge Patzer. Und Nicko? Hat er die Schlagzeugrolls vergessen, oder hat er keine Lust mehr, sie zu spielen – jene, die den Charme der Studiooriginale des Albums »Somewhere In Time« verkörpern? Da dies die erste von zwei Konzertrezensionen des diesmaligen Iron Maiden-Besuchs in Prag ist, lohnt es sich, in dieser Hinsicht schnelle Schlüsse zu ziehen. Die Band hat beim ersten Prager Auftritt weniger Patzer gemacht. Der erste schlich sich bei 80% des Eröffnungssongs Caught Somewhere in Time ein (in Ljubljana trat der erste offensichtliche Patzer bereits beim Einstieg in die erste Vorrefrainpassage dieses Songs auf). Interessant war es erneut, Harris zu beobachten, der offensichtlich der einzige ist, der zu 100% bei der Sache ist, was die Konzentration auf das aktuelle Iron Maiden-Spiel betrifft, und wie er gelegentlich von einem zum anderen Bandmitglied läuft. Genau in den Momenten der Songs, wo die Erwartung am größten ist, dass jemand patzt, taucht Harris mal beim einen, mal beim anderen Gitarristen auf. Mit aufmunternder Ermahnung. Dieses Konzert hat leider bestätigt, dass Nicko jene mächtigen Schlagzeugübergänge der »Somewhere In Time«-Originale nicht mehr nachspielt. Schade. Der Mann ist allerdings tief in den Siebzigern versunken – vielleicht kann man ihm in dieser Hinsicht ein bisschen was durchgehen lassen.

Abgesehen davon kann ein Iron Maiden-Konzert mit einer solchen (größtenteils nostalgischen) Produktion und einem so ausgewählten Repertoire seinen Zweck schlicht nicht verfehlen. Die Stimmung war die ganze Zeit über großartig. Dank der Darbietung einiger Klassiker, die die Band schon lange nicht mehr gespielt hatte, ihrer exzellenten und aufgeweckten Laune und – das i-Tüpfelchen – der sehr guten Gesangsleistung des einen und einzigen Bruce Dickinson. Dieser leistete sich in der Pause vor der Darbietung von Death Of the Celts einen unliebsamen Ausrutscher. Wie bekannt, redet Bruce sehr gerne. Und schweift aus. Auch über Nebensächlichkeiten. Diesmal – im Unterschied zu seinen Ausführungen über uralte Stammesrituale der Kelten, über die er vor diesem Song in Ljubljana sinniert hatte – kündigte er das Fußballduell seiner Mannschaft gegen die Veteranen von Slavija Praga an, und dabei rutschte ihm beim Anheizen des Publikums in einem Moment heraus: »Czechoslovakia«. Die Reaktion? Diejenigen, denen der Ausrutscher etwas ausgemacht hat, haben über Dickinsons Fehler nur gelacht.

Auch diesmal besuchte Eddie in drei verschiedenen Inkarnationen dreimal die Bühne, und auch diesmal lieferte er sich ein Duell mit Dickinson. Bruce ist einfach unglaublich. Blendend in Form. Gesanglich hat er alles souverän gemeistert, und auch konditionell hält er sich sehr gut. An Energie mangelt es ihm nicht, und so bleibt der charismatische Sänger auch auf der neuen Maiden-Tournee der eigentliche Hauptantriebsmotor, der das Spektakel von der ersten bis zur letzten Minute führt und mit Autorität vorantreibt. Mit fehlerloser Routine und erprobten Mitteln.

Der erste der beiden Auftritte der Band in Prag endete also triumphierend. Sowohl für Iron Maiden als auch für das Publikum, das die Band durch das gesamte Konzert auf Händen trug. Mit fanatischer Unterstützung, Mitsingen und explosiven Reaktionen, immer dann, wenn der fantastische Bruce Dickinson dazu aufforderte. Alles in einem und mit einem Wort: »Heavy Metal Maiden Magie!«, die man nur mit diesen musikalischen Giganten erleben kann. Aber da war ja noch ein weiterer Tag…

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen

Setlist:
1. Caught Somewhere in Time
2. Stranger in a Strange Land
3. The Writing on the Wall
4. Days of Future Past
5. The Time Machine
6. The Prisoner
7. Death of the Celts
8. Can I Play With Madness
9. Heaven Can Wait
8. Alexander the Great
9. Fear of the Dark
10. Iron Maiden
—Zugabe
11. Hell On Earth
12. The Trooper
13. Wasted Years


Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki