Brainstorm: Wall Of Skulls
Label: AFM Records
Erscheinungsdatum: 17. 9. 2021
Produktion: Seeb Levermann
Albumlänge: 44.42 min
Wertung: 9.5/10
Genre: Power Metal
Brainstorm! Das neue Album »Wall Of Skulls« ist bereits ihr vierzehntes. Ich flüstere euch ins Ohr, dass die Band seit 1989 auf der Bühne steht und satte acht Jahre brauchte, bevor sie ihr Studio-Erstlingswerk auf die Welt losließ. Ach, das liegt schon so lange zurück. Abgekürzt: Brainstorm gelten in den letzten Jahren als eine der stabilsten und konsistentesten Kapellen der weltweiten Power-Metal-Szene. Die Serie an hervorragenden bis richtig guten Alben ist beeindruckend, und das neue Album setzt das nahtlos fort. Abseits der obigen Anmerkung zur langen Zeitspanne zwischen Gründung und Debüt stehen Brainstorm für eine Band, die seit 1997, in relativ kurzen Abständen, regelmäßig Alben liefert und dabei mit ihren neuen Studiowerken nicht aufhört zu begeistern.
Vor drei Jahren erschien »Midnight Ghost« (2018, Rockline Rezension). Ein Ausnahmewerk in der Diskografie der Gruppe, und die Band spielte zur Promotion Ende Januar 2019 u.a. auch im Ljubljaner Orto Bar, wo sie trotz des damaligen Erkältungsinfekts von Sänger Andy B. Franck die Bude mit ihrer Vorstellung restlos niederbrannte. Über die Live-Kraft dieser Band muss man nicht viele Worte verlieren. Auf gemeinsamen Touren haben sie Primal Fear gerne die Show gestohlen, und schon 2002 zitterten Grave Digger in den Hosen, als Brainstorm als Vorband für sie spielte und dabei ihre, man darf es wohl sagen, Durchbruchalben »Ambiguilty« (2000) und »Metus Mortis« (2001) promotete. Warum ich das erwähne? Der Kern der Band, bestehend aus den beiden Gitarristen Milan Loncaric und Thorsten Ihlenfeld sowie Schlagzeuger Dieter Bernert, ist seit 1989 ununterbrochen dabei, und die Band hob mit Andy B. Franks Einstieg 1999 richtig ab. Abgesehen von einem späteren, einzigen Wechsel am Bass-Posten ist diese Besetzung felsenfest und kohärent geblieben. In all den Jahren hat sie außergewöhnliche Bindungen entwickelt, und die kreative Chemie ist schlicht unglaublich, wenn nicht gar wunderschön. Kraftvolle Inspiration auf Schritt und Tritt. Das hochoktanige Verbrennen einer giftig aufgezogenen und messerscharfen Dynamik aus druckvollen Gitarrenphrasen, unterfüttert von einem vernichtenden Schlagzeugstampede und vor allem dem brillanten, auf Anhieb unverwechselbaren und dominanten Gesang von Andy B. Franck, der auch auf dem neuen Album bestätigt, dass er heute zu den besten Sängern im Power Metal zählt – all das bleibt ein loderndes und unbeugsames Markenzeichen auch auf »Wall Of Skulls«.
Die Sammlung neuer Songs, die sich auf angenehme 44 Minuten erstreckt, ist wieder in jeder Hinsicht bis auf Hochglanz poliert und entfaltet all jene Markenzeichen, die diese Band seit jeher zünden lassen. An erster Stelle steht die höllische Wucht in Verbindung mit ansteckender Musikalität, was Brainstorm bei aller verderblichen Natur ihrer makellosen metallischen Intensität auch ein klares, spürbares bombastisches Element verleiht. Das ist eine Band, die schon immer gerne Anleihen beim teutonischen Thrash Metal in ihre Kompositionsästhetik eingewoben hat, es aber stets mit dem Feinschliff echter Musikalität und dem unglaublich durchdringenden Gesang von Andy B. Franck ergänzte – was den musikalischen Charakter der Band am Ende immer zuverlässig in die Power-Metal-Sphäre zieht. Das neue Album strotzt wieder vor kreativer Inspiration und Frische, ist in seiner Wucht eine außergewöhnliche Fortsetzung des hervorragenden Vorgängers »Midnight Ghost« und qualitativ locker mit den besten Momenten der Bandkarriere vergleichbar, etwa dem Klassiker »Liquid Monster« (2005). Wenn es in einem Track wie My Dystopia so richtig knallt und sprüht, sind solche Vergleiche alles andere als übertrieben.
Die Arbeit der beiden Gitarristen ist wieder erstklassig. Die Mid-Eight-Passage in Stigmatized (Shadows Fall) sagt darüber alles. Dann wäre da noch die refrenseitig unfassbar bombastische Hymne Holding On, die der Band etwa in den Achtzigern ein metallisches Denkmal gesetzt hätte, während das Album ansonsten gespickt ist mit einer Reihe typischer Brainstorm-Ohrfeigen. Letztere kündigt schon der Eröffnungsanlauf mit Where Ravens Fly an, kurz danach Escape The Silence mit Sondergast Peavy Wagner (Rage) und dahinter das stampfende Turn Off The Light mit Gast und Albumproduktent Seeb Levermann (Orden Ogan), ebenso wie das bereits erwähnte perfekte My Dystopia. In einer so aufgeheizten Manier setzt das abschließende I, The Deceiver den Schlusspunkt – und gilt als einer der stärksten Tracks des neuen Albums. Dann gibt es Momente, die die sonstige Schärfe des Albums sanft entladen, wie der Song Solitude. Ein atmosphärischer, mitteltempo-Track, der die theatralische Düsternis des Albums bewahrt und dabei die unglaubliche Musikalität aufrechterhält. Eine ähnliche Funktion erfüllen später auf dem Album Glory Disappears und End Of My Innocence.
»Wall Of Skulls« ist schlichtweg ein exzellentes neues Studioalbum von Brainstorm. Es ist kaum zu fassen, dass man ihm trotz der Tatsache, dass es bereits der vierzehnte Studiobeitrag der Band ist, mühelos das Prädikat verleihen kann, eines der besten Werke ihrer gesamten Karriere zu sein. Wenn nicht das beste, dann zumindest eines der reifsten. Die Band ist noch immer da. Sie bleibt lodernde, unglaublich inspiriert, fokussiert. Blutdürstig tritt und beißt sie boshaft, höhnisch, aufbrausend und rasend – als hätte sie gerade ihr Debüt aus vor über 20 Jahren aufgenommen. Das makellos stürmische neue Studiogewitter »Wall Of Skulls« bricht alles nieder, und die Fans der Band haben dieses Album längst in ihr Herz geschlossen. Brainstorm haben ihre faszinierende Metal-Formel einmal mehr zum ausdrucksstarken Optimum getrieben. Wenn man sagen kann, dass es eigentlich kaum besser gehen kann – dann hier.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Chamber Thirteen
2. Where Ravens Fly
3. Solitude
4. Escape The Silence
5. Turn Off The Light
6. Glory Disappears
7. My Dystopia
8. End Of My Innocence
9. Stigmatized (Shadows Fall)
10. Holding On
11. I, The Deceiver
Besetzung:
Andy B. Franck – Gesang
Milan Loncaric – Gitarre, Hintergrundgesang
Torsten Ihlenfeld – Gitarre, Hintergrundgesang
Antonio Ieva – Bass
Dieter Bernert – Schlagzeug
Gastmusiker:
Peter „Peavy“ Wagner (Rage) – Gesang auf Track Nr. 4
Seeb Levermann (Orden Ogan) – Gesang auf Track Nr. 5
