Big City: Testify X
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 16. 7. 2021
Produktion: Big City
Albumlänge: 52.06 min
Wertung: 9.0/10
Genre: Melodic Metal
Big City sind eine norwegische Melodic-Metal-Band, die ihre Inspiration aus den ultra-musikalischen Elementen des Hard Rock der Achtziger schöpft und keineswegs neu im Geschäft ist. Gegründet wurde die Gruppe vor sieben Jahren vom Gitarristen Daniel Olaisen, der zuvor bei Scariot aktiv war. Kurz darauf stießen sein Scariot-Kumpel und Gitarrist Frank Ørland sowie Schlagzeuger Frank Nordeng Røe dazu. Der Kern für ernsthaftes Arbeiten war gelegt. So veröffentlichte das Team 2014 das Studiodebüt »Wintersleep«, dem vier Jahre später »Big City Life« folgte. Zu diesem Zeitpunkt waren Big City bereits eine vollständige Besetzung, die sich auch im Live-Bereich aktiver zu engagieren begann. Drei Jahre später ist nun das dritte Album »Testify X« da. Die Demoaufnahmen der Band begeisterten das A&R-Team des italienischen Labels Frontiers Music Srl. so sehr, dass dieses ohne große Bedenken einen Vertrag mit einer Gruppe abschloss, von der man sonst wohl kaum erfahren hätte.
Daniel Olaisen bleibt der Hauptvisionär der Band und ihr wichtigster Komponist, der auch diesmal den Großteil des neuen Materials verantwortet. Material, das auf diesem Album bis dato ohne Zweifel das reifste und ausgefeilteste ist. Die Kompositionen klingen üppig, ultra-bombastisch und basieren auf gigantischen Gitarrenfiguren, die in Produktion und Arrangements markant genug sind, um Big City als Metal-Band einzustufen. Auch wenn es sich um eine ausgesprochen musikalische Ausrichtung handelt, die Fans von Def Leppard, Foreigner und Journey eher ansprechen wird als Metal-Puristen. Big City „brennen“ aber durchaus auch, was aufgedrehte Nummern wie Dark Rider oder Conception unterstreichen — ganz zu schweigen vom Brecher Heart’s Like A Lion. Die Gitarrensoli beider Gitarristen sind reinste Poesie der typisch skandinavischen Schule: ultra-präzise Kontrolle, Temposteigerung und gleichzeitige Pflege der Melodie. Die eingängigen Refrains sind die stimmungsmäßigen Höhepunkte jedes einzelnen Tracks. Die Gitarren scheuen auch das Zusammenspiel in Terzharmonien nicht. Der Gesang ist leicht dunkel gefärbt, aber ausdrucksstark, autoritär und dominant.
Der skandinavische Perfektionismus ist wieder unverzichtbar präsent und begeistert einmal mehr mit seinem gewissenhaften Einsatz. Dabei ist nicht alles so schwarz-weiß, wie es zunächst scheint. Die Band trägt ein verinnerlichtes Gespür für die dramatische Steigerung der Stimmung in sich, die innerhalb der einzelnen Tracks auch sprunghaft wogen kann. Darauf macht der theatralische Einstieg des härtesten Tracks des Albums aufmerksam: Heart’s Like A Lion erweckt keineswegs den Eindruck, dass aus einer so ruhigen, fast cerebralen Einleitung ein giftig geschliffener Metal-Brecher hervorbrechen kann. Ein weiteres Beispiel ist Dark Rider, wo die Band dem Bass erlaubt, den Einstieg auf rumpelnde Weise zu eröffnen, bevor die Gruppe Runde für Runde an Dezibeln zulegt, bis sie sich in markanter Gitarren-Riffage festsetzt. Dass Big City die schärfere Geschichte erzählen, kündigt die Band bereits mit dem spöttischen und ungezügelten Eröffnungskatalysator The Rush an.
Big City sind eine Band, die es sich lohnt zu entdecken. Vor allem das neue Album »Testify X«, mit dem sich Big City unter die Protagonisten des Melodic Metal — oder nennen wir es geschicktes Seiltanzen zwischen den Elementen des Hard Rock der Achtziger und einer fiebrig eingängigen Metal-Energie — katapultiert haben, verdient es, auch in Zukunft im Auge behalten zu werden. Wer ein Fan des Projekts Allen/Lande ist, oder der Soloalben von Magnus Karlsson, vielleicht auch der deutschen Fair Warning, dem sei »Testify X« wärmstens ans Herz gelegt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. The Rush
2. Dark Rider
3. Testify
4. I Will Fall
5. Running Away
6. Conception
7. Winds Of The Road
8. Heart’s Like A Lion
9. Graveyard Love
10. How Dark Does It Get
Besetzung:
Jørgen Bergersen – Gesang
Daniel Olaisen – E-Gitarre, Akustikgitarre
Frank Ørland – E-Gitarre, Akustikgitarre
Miguel Pereira – Bass
Frank Nordeng Røe – Schlagzeug, Perkussion
