The Age of Absurdity
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Phil Campbell And The Bastard Sons
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: year
Laufzeit: 41:15
Wertung: 3.5/5
Phil Campbell braucht keine besonders ausführliche Vorstellung. Nachdem sein langjähriger Weggefährte und Motorhead-Arbeitgeber Lemmy Kilmister zusammen mit Philthy Taylor, Würzel und neuerdings auch Eddie Fast Clarke irgendwo jenseits unserer Realität, also am himmlischen Firmament, gemeinsam für die Erweiterung des dortigen Getränkeangebots sorgt (angeblich sind sie von Tee im Filterbeutel bereits auf die Whisky-Runde umgestiegen) und sein anderer Weggefährte Mikkey Dee bei den Scorpions einen Job gefunden hat, hat sich der legendäre Wizzö eine Karrierefortsetzung mit seiner neuen Band überlegt, an der neben ihm gleich ein Trio seiner Söhne sowie der einzige »Nicht-Sohn«, nämlich Sänger Neil Starr, mitwirkt.
Diese Besetzung sorgte bereits 2016 für Aufsehen, als sie im Herbst jenes Jahres eine EP veröffentlichte und auf eine Europatournee mit Saxon aufbrach — mit einem Stopp im Ljubljaner CUK Kino Šiška. Mit dem treffend betitelten Studiodebüt »Age of Absurdity« legt die Band nun endlich auch das richtige Fundament, auf dem sie langfristig und in Ruhe ihre Diskografie aufbauen kann.
Phil Campbell bleibt auf »Age of Absurdity« — auch in neuer musikalischer Umgebung und umgeben von neuen Kumpanen — eben Phil Campbell. Der Sound selbst, also der Einsatz von Guitar-Gear, kürzere »ornamentale« Passagen, Soli und natürlich die Gitarrenphrasen. All das zusammen bleibt weiterhin Phil Campbell. Das bedeutet: Wären Motörhead noch bei uns, würde Phil diese neuen Ideen, die wir nun auf »Age of Absurdity« finden, in erster Linie Lemmy für ein neues Motörhead-Album vorstellen. Zum Glück sind die Bastard Sons aber kein Motörhead — und es ist durchaus interessant, dass es auf diesem Album höchstens zwei Songs gibt, die sofort die eiserne Rock’n’Roll-Arroganz der verstorbenen Tunichtgute von Motörhead heraufbeschwören. Das sind wohl der Opener Ringleader sowie, etwas später auf dem Album, Gypsy Kiss. Der Rest des Albums ist inhaltlich weit von Motörhead entfernt und wirkt so, als würde Phil damit einen Lebenskreis schließen und in die musikalische Ära vor Motörhead zurückkehren. Kein Wunder also, dass sich der Rest des Albums stilistisch mit Elementen des NWOBHM verknüpfen lässt, ebenso wie mit Phils einstiger Band Persian Risk. Gleichzeitig gesellt sich die Band stellenweise sehr geschickt zu einem erotogenen Federn bluesrockmäßig gedrehter Ausblicke — in jedem Fall ist klar, dass Phil Campbell mit seiner Schar junger Hengste ein Album geliefert hat, das von einer eigenständigen Identität durchdrungen ist. Das überrascht keineswegs. Phils Spielstil ist unverwechselbar, wie dadurch auch die Motörhead-Ära mit Phil in der Besetzung unverwechselbar ist.
Das Album ist sehr organisch, klanglich sehr authentisch und konzertant lebendig. Es verkörpert einen rohen und ursprünglichen Ansatz — der zwar nicht so ausgeprägt roh ist, dass man ihm das Gütesiegel punkiger »Rudimentarität« aufstempeln würde, aber gleichzeitig ausreichend »garagenmäßig zerschrammelt« und völlig »unkünstlich«, sodass so manche Gitarrenphrase locker sehr überzeugend zünden würde, selbst wenn sie im elementaren Vokabular des Punk eingesetzt würde. Neil Starr besitzt einen markanten, rau-durchdringenden und mittelhoch intonierten Gesang, der auch eine gewisse »Macho-Pose« in die Vibration seines stimmlichen Outputs einbringt. Ein Gesang, der wie geschaffen ist für die Kompositionen der Band. Phil liefert einen entschieden fettigen Sound dicker und gedrungener Gitarrenphrasen — und wenn man auf seine solistischen Ausflüge trifft, ist der Stil sofort wiedererkennbar. Auf dem Album findet man auch einige Momente, die mit Southern Rock kokettieren.
Das Album ist qualitativ konsistent und bis zu einem gewissen Grad auch unterhaltsam, wenn nicht gar leicht gewitzt — was gut zu der ererbten Komponente des verewigten Charakters der unvergänglichen Motörhead passt. Einer der angesehensten und unverwechselbarsten walisischen Rockgitarristen aller Zeiten bleibt so auch in der Post-Motörhead-Ära die richtige Adresse für das Schmieden höchst überzeugender, zündend federnder Gitarrenphrasen, die euch, im Einklang mit Phils bekannter Gitarren-Rezeptur, ordentlich die Gehörgänge freipusten werden.
Besetzung
Neil Starr – Gesang
Phil Campbell – Gitarre
Todd Campbell – Gitarre
Tyla Campbell – Bassgitarre
Dane Campbell – Schlagzeug
Produktion
Romesh Dodangoda
Trackliste
01. Ringleader
02. Freak Show
03. Skin And Bones
04. Gypsy Kiss
05. Welcome To Hell
06. Dark Days
07. Dropping The Needle
08. Step Into The Fire
09. Get On Your Knees
10. High Rule
11. Into The Dark