If You Think I’m Crazy!

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Lanzon, Phil
Label: 57 Records
Erscheinung: 2017
Laufzeit: 54:16
Wertung: 4/5

Phil Lanzon ist ein Mann, der seit vielen Jahren – genauer gesagt seit ganzen 33 Jahren – die Keyboards bei den englischen Art-Rock-Legenden Uriah Heep spielt.  Schaut man sich an, wo überall und mit wem Phil Lanzon zusammengearbeitet hat, trägt das halt das biblische Gewicht einer ganzen galaktischen Musik-Ahnentafel. Nie aber hatte sich ihm dabei die richtige Gelegenheit geboten, ein eigenständiges Studioalbum aufzunehmen und zu veröffentlichen. Nachdem Uriah Heep 2014 ihr letztes und bis heute aktuelles Studioalbum »Outsider« herausbrachten und danach noch eine ganze Weile ihre Fans rund um die Welt mit zahlreichen Konzerten begeisterten, fand sich endlich die Zeit, dass Phil die Realisierung all jener Ideen angehen konnte, mit denen sich sein privates Musikarchiv unaufhaltsam gefüllt hatte.

Das Album »If You Think I’m Crazy!« verdient volle Aufmerksamkeit. Es ist kein Album, das eine irgendwie entfernte  stilistische Kopie all jener Bands wäre, bei denen Phil einst mitgewirkt hat und noch mitspielt (Uriah Heep), sondern eine überaus bunte und vielseitige Sammlung von zehn sorgfältig komponierten und arrangementtechnisch raffiniert gewürzten Tracks, die dem Album eine bemerkenswerte dynamische Entwicklung sichern. Lanzon rief einige erstklassige Musiker ins Studio, die ihre Qualitäten äußerst gewissenhaft in den Kern der Stücke einfließen ließen. Nennt man unter ihnen nur drei Namen: John Mitchell, Craig Blundell, die beiden Brüder Cottle, wird schnell klar, dass Lanzon auf seinem Studiodebüt das Beste liefern wollte, was er kann und vermag. Kurzum: absoluter Perfektionismus.  

Das Album »If You Think I’m Crazy!« ist (in der »einfachsten« Bezeichnung) ein Art-Rock-Produkt. Darauf findest du alles. Von Momenten, die kompakter, also hardrock-lastig ausgerichtet sind, bis hin zum Flirten mit Gospel, Weltmusik, sogar pastoralen Elementen (I Saw Two Englands), Country und Blues – aber auch allem, was Musikliebhaber von Phil natürlich erwarten. Das sind Elemente des Progressive Rock der alten, also der Pionierzeit. Wer irgendwelche Parallelen zum Schaffen der aktuellen Uriah Heep sucht: Das abschließende, also symphonisch-mini-epische Schmankerl Forest könnte tatsächlich einige Parallelen zur »Wake the Sleeper«-Ära von Uriah Heep tragen, vor allem aber ruft Lanzons gelegentlicher Einsatz der Hammond B3 Heep-Assoziationen wach.  Das Album ist überwiegend optimistisch ausgerichtet, weshalb die bei solchen Werken erwartete typisch britische Melancholie diesmal in der Unterzahl ist.  Lanzon schlägt sich auch als Hauptsänger sehr ordentlich. Doch ist er dabei nicht der Einzige auf dem Album.  Dass dieses Werk eine besondere musikalische Geschichte ist, deutet schon der Eröffnungstrack Mind Over Matter an, dem seinen einzigartigen Charakter genau der Gesangsbeitrag von Arena- und It Bites-Sänger und -Gitarrist Jon Mitchell einhaucht.  Das ist ein symphonisch-episches Art-Rock-Requiem, das im Verlauf enorm überrascht – es entwickelt sich in der Strophe melancholisch, entzündet sich dann aber in einem mächtigen und pompösen Refrain, in den sich reiche Vokalchöre einweben.  Mitchell bleibt ein vokales Sonderphänomen; seine Klangfarbe ergänzt sowohl den Neo-Progressive-Rock als auch den Alternative Rock, was sein großes Alleinstellungsmerkmal ist. Seinen größten Beitrag auf diesem Album liefert Mitchell jedoch mit seinem zauberhaften Gitarrenspiel, das ihn mit seiner raffinierten und filigranen Klangpracht zu einem der gefragtesten Studiomusiker auf der britischen Insel macht. Dessen war sich auch der verstorbene John Wetton gut bewusst, denn Mitchell wirkte konstant an dessen Solo-Studiowerken mit – ebenso wie am Projekt Icon.

»If You Think I’m Crazy!« ist ein Album, das du beim einmaligen Hören nicht in den Griff bekommst. Es ist nämlich außerordentlich abwechslungsreich, steckt voller kleiner Details, mit denen sich Lanzon bei der Arbeit an den Arrangements intensiv beschäftigt hat. Feinheiten gibt es also reichlich, und das Klangbild ist reich durchwoben von der Integration vieler instrumentaler Paletten. Das Album zeigt auch Lanzons neoklassizistische Seite, hat bombastische Orchesterarrangements im Gepäck und strebt nach Symphonischem.  Lanzon hat sich auf diesem Werk äußerst erfolgreich darin versucht, verschiedene Musikgenres zu überbrücken. Gleichzeitig sorgt dieser wackere Musiker auch für eine bunte Palette an Keyboard-Einsätzen, was zusätzlich zum großen Abwechslungsreichtum des Werks beiträgt.  Bei jeder neuen Runde im  CD-Player wird dich Lanzons Perfektionismus und seine vielschichtige musikalische Versiertheit immer wieder dankbar in Beschlag nehmen und in seinen Bann ziehen. Ein Album, von dem man Solides erwarten durfte – doch Phil hat diese Erwartungen übertroffen und ein wirklich hochqualitatives Album abgeliefert, dem man keinen einzigen künstlerischen Ausrutscher vorwerfen kann.  Allerdings muss man diese Lobeshymnen mit einer leichten Reserve nehmen. Lanzon ist in seinem Ansatz nämlich sehr vorsichtig. Er bewegt sich im erprobten Arsenal des eigenen Arrangierens, wo er sich wohl und heimisch fühlt und das er vollblütig beherrscht – weshalb das Album keinerlei Spur von Experimentieren und zufälligem avantgardistischem Witzeln« oder eklektischen »Sticheleien« besitzt.

Besetzung

Phil Lanzon – Hammond B3, Klavier, Rhodes, Wurlizer, Geoshred, Gesang auf Track 4 und 10 

MITWIRKENDE MUSIKER
Richard Cottle – Arrangements, Orchestrierungen, Keyboards
Craig Blundell – Schlagzeug
Laurence Cottle – Bassgitarre
John Mitchell – Gitarre, Gesang auf den Tracks 1 und 3 
James Graydon – Akustikgitarre
Sarah Joy – Pedal Steel, Banjo
Joe Atkins – „piccolo“-Trompete 
Andy Makin – Gesang auf den Tracks 2, 6, 7 und 9
Andy Caine – Gesang auf Track 8

Produktion

Simon Hanhart

Trackliste

1. Mind Over Matter
2. Kelly Gang
3. I Knew I Was Dreaming
4. I Saw Two Englands
5. Step Overture (instrumental)
6. Lover’s Highway
7. Donna & Joe
8. Carolin
9. The Bells
10. Forest

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