Wobbler: Dwellers of the Deep
Label: Karisma Records
Datum: 23. 10. 2020
Produktion: Wobbler
Albumlänge: 45.51 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 10/10
Die norwegischen Prog-Rock-Revivalisten Wobbler, die ihren Marsch an die Spitze der modernen Progressiv-Rock-Szene 1999 begannen, sind mit einem neuen Album namens »Dwellers of the Deep« zurückgekehrt. Auf ihrem fünften Studioalbum und Nachfolger des Meisterwerks »From Silence to Somewhere« (2017) befinden sich „nur“ vier Kompositionen, doch abgesehen von »Naiad Dreams«, das gute vier Minuten lang ist, können sich alle mit beneidenswerter Länge brüsten.
Im kompositorischen und arrangierenden Ansatz von Wobbler haben seit jeher die Einflüsse des „guten alten“ Old-School-Progressive-Rock überwogen – weshalb man in ihrer Musik sofort die Einflüsse von Bands wie Gentle Giant, King Crimson, ELP, Yes, Caravan, Gryphon und PFM erkennen kann, um nur einige der einflussreichsten zu nennen. Die Einflüsse von Gentle Giant sind besonders offensichtlich durch die häufige Verwendung von Kontrapunkten bei rhythmischen Übergängen, barock-feierliche symphonische Arrangements, mächtige mehrstimmige Harmonien sowie vor allem durch den Gesangsansatz des Sängers Andreas Wettergreen Strømman Prestmo, dessen Stimmfarbe stark an Derek Shulman erinnert. Zugleich schwören Wobbler auf „vorzeitliche“ Keyboards wie Mellotron, MiniMoog, Hammond-Orgel, Rhodes, Clavinet und ARP und vermeiden vollständig Synthesizer-Technologie, die nach 1975 entstanden ist. Auch in produktionstechnischer Hinsicht klingt »Dwellers of the Deep« so, als wäre es irgendwo zu Beginn der Siebziger entstanden.
All diese Einflüsse verbinden Wobbler erfolgreich mit einem typisch skandinavischen Ansatz, was die Schaffung vielfältiger, jedoch häufig düsterer Ambient-Nuancen betrifft, und krönen das alles mit der außerordentlichen technischen Versiertheit der Bandmitglieder. Nach der Veröffentlichung des Albums »From Silence to Somewhere«, das nach Meinung zahlreicher Kritiker das beste Prog-Rock-Album des Jahres 2017 war und ihnen nach langen Jahren fast vollständiger Obskurität etwas wohlverdiente Publicity einbrachte, wartete auf Wobbler die schwere Aufgabe, ein Werk zu schaffen, das das großartige Erbe dieses Meisterwerks erfolgreich weiterführen und den Status der Gruppe als heißester Name unter den modernen Prog-Rock-Revivalisten fortschreiben würde. Das ist den norwegischen Meistern der Wiederbelebung der Old-School-Prog-Rock-Magie mit »Dwellers of the Deep« vollständig gelungen, und das neue Album ist mindestens so gut wie der Vorgänger, wenn nicht an einigen Stellen sogar besser.
Das einleitende Epos »By the Banks«, das die außerordentliche Fähigkeit dieser Gruppe ausstrahlt, komplexe Komposition mit melodischen Arrangements und hypnotischer Atmosphäre zu vereinen, wird mit außerordentlichem Feuer, technischer Präzision, rhythmischer Verspieltheit, arrangeurischer Subtilität und vokaler Brillanz gespielt – an der alle Fans des Old-School-Prog-Rock ihre helle Freude haben werden. Wobblers Texte sind häufig abstrakt, mystisch, surrealistisch und auf den ersten Blick schwer verständlich, und die Autoren von Alice im Wunderland und Warten auf Godot hätten sie wohl ebenfalls gesegnet – doch genau das ist ihr Hauptreiz. Obwohl bestimmte Einflüsse der zuvor genannten Prog-Legenden stets wahrnehmbar sind, kann man keiner Komposition auf »Dwellers of the Deep« Kopieren vorwerfen oder dass man irgendetwas Identisches bereits auf Platten gehört hätte, die vor fünfzig Jahren entstanden sind.
Das nächste Epos, »Five Rooms«, eröffnet mit melancholischen Mehrstimmigkeiten, die eine dramatische Fortsetzung mit rasenden rhythmischen Stampeden, kräftigen Gitarrenpassagen, eklektischen Keyboard-Zügen und einem fast paranoiden Gesangsansatz des Sängers Prestmo ankündigen. Letzterer sorgt mit seiner vokalen Dehnbarkeit und funkelnder Charisma dafür, dass den Kompositionen auf »Dwellers of the Deep« nie die Seele ausgeht. Auch die Instrumentalabschnitte fallen brillant aus, während sich durch die gesamte Komposition hindurch neben der Ambient-Vielfalt stets etwas tut, sodass nicht ein einziger langweiliger Moment zu spüren ist. Der abschließende Teil klingt in vielerlei Hinsicht wie eine Begegnung der nahen Art zwischen Caravan und Gentle Giant.
»Naiad Dreams« ist eine akustisch ausgerichtete Komposition mit einem starken pastoral-ätherischen Ambient-Element, die die nicht allzu oft hervorgehobene romantische Seite der Gruppe vorstellt. Die Platzierung einer akustisch ausgerichteten romantischen Ballade inmitten epischer Abenteuer erinnert an die übliche Praxis von King Crimson und ELP zu Beginn der Siebziger.
Das abschließende Werk »Merry Macabre«, in dem sich ein melancholisch-düsterer und ein positivistisch-feierlicher Ambient vermischen, ist das ambitionierteste und komplexeste der drei Epen auf »Dwellers of the Deep« und kann ohne Zögern zu den besten Werken in Wobblers bisheriger Geschichte gezählt werden. Nach einer kurzen Keyboard-Einleitung setzt die Rhythmussektion ein, die mit einem anderen Gesangsansatz und einer moderneren Keyboard-Auswahl bereits fast an der Grenze zum Prog-Metal wäre. Hier demonstriert Prestmo mit außerordentlichem Enthusiasmus sein gesamtes Gesangstalent, während sich im Laufe der Zeit eine feierliche und zugleich fast unheilvolle Atmosphäre dieser atmosphärisch äußerst vielschichtigen Komposition herausschält.
»Dwellers of the Deep«, einer der Hauptkandidaten für das beste Progressive-Rock-Album des Jahres 2020, hat den Status von Wobbler als derzeit heißester Prog-Revivalisten-Gruppe weiter zementiert. Warum die Prog-Rock-Musikkritiker diese außerordentlich talentierte Gruppe erst jetzt zu entdecken begannen und sie plötzlich in den Himmel loben, bleibt eines der unlösbaren Rätsel – angesichts der Tatsache, dass sie seit ihrem Debüt »Hinterland« (2005) hervorragende Musik machen. Aber das ist eigentlich gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass Wobbler mit »Dwellers of the Deep« ein weiteres Meisterwerk geschaffen haben. Fast unglaublich, aber wahr: Die wohl aufregendste Prog-Rock-Platte des Jahres 2020 kommt nicht aus Großbritannien, den USA, Schweden, Deutschland oder Italien, sondern aus Norwegen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. By the Banks (13:49)
2. Five Rooms (8:28)
3. Naiad Dreams (4:24)
4. Merry Macabre (19:00)
Besetzung:
Andreas Wettergreen Strømman Prestmo – Gesang, Gitarre, Xylophon, Schlagwerk
Geir Marius Bergom Halleland – Gitarre, Backing-Vocals
Kristian Karl Hultgren – Bassgitarre, Bassklarinette, Bassblockflöte
Lars Fredrik Frøislie – Keyboards, Backing-Vocals
Martin Nordrum Kneppen – Schlagzeug, Schlagwerk, Blockflöte
