U.D.O.: Live in Bulgaria 2020 – Pandemic Survival Show (2CD/Blu-ray)
Label: AFM Records
Erscheinungsdatum: 26. 3. 2021
Laufzeit: 148.15 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 9.5/10
Der legendäre Udo Dirkschneider, der Mann, der Accept – die erste Band in der Geschichte des deutschen Heavy Metal – mitgegründet hat und dessen unnachahmlich durchdringender und charismatischer Gesang jedem bekannt ist, dem klassischer Old-School-Metal etwas bedeutet, hat mit seinem U.D.O.-Team am 18. 9. 2020 im bulgarischen Plovdiv 2.500 ausgeflippte Fans in Brand gesetzt – und das mitten in einem Jahr, das in der Welt des Metal und der Musik generell für immer als das »stillste« in die Geschichte eingehen wird.
U.D.O. kehren also mit ihrem neuen und insgesamt fünften Livealbum ihrer Karriere zurück. Das Jahr 2020 war hartnäckig und voller harter Prüfungen, doch an jenem Septembertag gelang es der Band trotz strenger Pandemiemaßnahmen, einen Konzertauftritt im antiken römischen Amphitheater mitten im bulgarischen Plovdiv durchzuziehen. Den ersten und einzigen in jenem Jahr.
Die Band hatte zwar im Juli des vergangenen Jahres ein neues Studioalbum mit dem Titel »We Are One« veröffentlicht, das aber in gewissem Sinne genauso sehr ein Album des Musikkorps der Bundeswehr ist wie ein U.D.O.-Album – mehr Details in der RockLine Rezension. Für »Live in Bulgaria 2020 – Pandemic Survival Show« orientierte sich die Band konsequent am letzten reinblütigen U.D.O.-Album, nämlich »Steelfactory«, das im Spätsommer 2018 erschien (RockLine Rezension). Sie behielt das Bühnenbild bei und packte mehrere Songs des aktuellen Albums ins Repertoire. Die Band hatte dieses Album ausgiebig und konkret rund um die Welt präsentiert; zum Glück erschien es früh genug, dass sie noch einige ordentliche Touren und Auftritte auf Sommerfestivals absolvieren konnte – für den Herbst dieses Jahres sowie bereits für Anfang 2022 hat sie noch ein Paket an Konzerten zur Albumunterstützung gebucht. Wie auch immer: Wer die Band vor allem durch die Konzertperiode 2019 verfolgt hat, weiß in etwa, wie die Setlist aussah. Keine Accept-Songs. Nur U.D.O. Das dürfte U.D.O.-Puristen vielleicht etwas gestört haben, denn in ihrer Sammlung gibt es noch kein Livealbum von U.D.O., das ausschließlich aus U.D.O.-Repertoire besteht. Nun, die »Steelfactory 2018/2019«-Tour war dafür eigentlich die ideale Gelegenheit.
Für das Konzert in Plovdiv hat der ikonische Sänger mit seinem Team das Repertoire dann aber so aufgefrischt, dass er Accept-Klassiker zurückgebracht hat. So überrascht schon sehr früh auf der Setlist der exzellente »Metal Heart«-Klassiker Midnight Mover, in die Mitte des Repertoires eingefügt ist Princess of a Dawn – wie in den nicht so fernen Dirkschneider-Zeiten. Vor allem aber ist der Abschlussteil des Konzerts stark verändert, der seinen Höhepunkt durch die Darbietung der Accept-Klassiker Fast as a Shark, Metal Heart (in der die geistreiche Integration von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll fasziniert) und natürlich dem unvermeidlichen Accept-Klassiker aller Klassiker, nämlich Balls To the Wall, erreicht. Dieses Konzert dauert aber nicht (nur) zwei Stunden, sondern misst satte zwei Stunden und zwanzig Minuten. Auch das ist etwas Besonderes.
U.D.O. haben nach dem Ende aller Dirkschneider-Konzerte die Besetzung noch einmal aufgefrischt. In die Band integriert wurden der slowenische Brillant am Bass Tilen Hudrap (der im Repertoire einen Soloblock hat) und der deutsche Gitarrist Fabian Dammers. So hat Udo Dirkschneider gemeinsam mit Schlagzeuger und Sohn Sven sowie dem außergewöhnlichen russischen Gitarristen Andrey Smirnov eine Truppe zusammengestellt, die den legendären Sänger durch die rund zweistündigen Shows der neuen U.D.O.-Ära durchgehend auf Höhenflügen hält. Der Mann wirkt auf der Bühne verjüngt, erneuert, strahlt Leidenschaft aus und – vor allem – eine für sein Alter unglaubliche stimmliche Kraft. Bedenke: Er hat Anfang April dieses Jahres stolze 69 Jahre vollendet, und dabei hält sein Gesang eine unglaubliche Kondition und Frische. Und mit so einer Truppe, wie er sie in diesem Moment hat, wird Udo in den nächsten zehn Jahren noch nicht ans Aufhören denken. Er singt phänomenal. Wenn du den Details von U.D.O. Songs wie Vendetta, Timebomb oder dem neuen Hungry And Angry lauschst und dabei bedenkst, dass die Accept-Klassiker jene authentische Kontur bekommen, die Hoffmanns Accept heute ohne Udos einzigartigen und unverwechselbaren Gesangsansatz definitiv schmerzlich fehlt – dann ist es schlicht überwältigend, wie der Gesang von Udo Dirkschneider durch seine biblische Musikkarriere hindurch unberührt geblieben ist. Ganz zu schweigen von der bravourösen Performance der jungen Vorkämpfer, die die Vokallegende des Metal begleiten. Der Ensembleeffekt wirkt, als wäre der Jüngste Tag angebrochen. Der letzte Tag der Menschheit. Kurz vor der Apokalypse. Dazu kommt noch der Effekt des glühenden bulgarischen Publikums, der dem Ganzen noch zusätzlichen Charme verleiht.
»Live in Bulgaria 2020 – Pandemic Survival Show« ist Pflichtprogramm für alle U.D.O.-Fans. Vor allem für all jene, die die Band bei einem der Konzerte zur Unterstützung des Albums »Steelfactory« erwischt haben. Ganz zu schweigen von all den Glücklichen, die an jenem Septembertag 2020 ihren Platz in der einzigartigen Umgebung des antiken römischen Amphitheaters eingenommen haben. Hier haben bereits einige weltbekannte Bands gespielt, die ihre Auftritte später mit der Veröffentlichung von Livealben gekrönt haben. Von Asia über Sons of Apollo bis hin zu Devin Townsend. Verfügbar ist auch der Auftritt von Marillion, den die Band auf ihrer Website als »Bootleg« verkauft. Ein einzigartiges Ambiente also, das nicht weniger einzigartige Vorstellungen hervorbringt – was auch für dieses U.D.O.-Konzert gilt und was die Band klug genutzt hat. Sie hat das neue Konzertdokument aufgenommen und veröffentlicht. Wie gesagt. Udo Dirkschneider und seine Truppe faszinieren erneut in ihrer Einzigartigkeit und einer brillanten, unglaublich stimmigen Performance, die von einem Geflecht aus gewaltiger Erfahrung, abgesessenen Kilometern, überlegenem gegenseitigem Gespür und einer bis ins letzte Detail perfekt geschliffenen und einstudierten Bühnenperformance getragen wird. Kurzum: An Superlativen mangelt es einmal mehr nicht, wenn »Live in Bulgaria 2020 – Pandemic Survival Show« den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde durch das Erbe der eingefleischten Urschule des deutschen Heavy Metal führt und ihn durch den hochoktanigen Angriff einzigartiger und ursprünglicher Heavy-Metal-Magie ständig aufrecht auf den Zehenspitzen emotionaler Spannung und Leidenschaft hält.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
CD1
01 Tongue Reaper (04:35)
02 Make The Move (04:33)
03 Midnight Mover (04:32)
04 Wrong Side Of Midnight (04:28)
05 Metal Machine (04:53)
06 Independence Day (07:22)
07 Rose In The Desert (06:16)
08 Vendetta (04:46)
09 Rising High (04:04)
10 Prologue: The Great Unknown (02:23)
11 In The Darkness (04:57)
12 I Give As Good As I Get (04:59)
13 Princess Of The Dawn (11:28)
CD2
01 Timebomb (05:13)
02 Drum Solo (04:10)
03 Bass Solo (03:41)
04 Hungry And Angry (04:21)
05 One Heart One Soul (06:22)
06 Man And Machine (06:48)
07 Animal House (04:46)
08 They Want War (05:22)
09 Metal Heart (11:01)
10 Fast As Shark (05:26)
11 Balls To The Wall (10:41)
12 Outro (Stillness Of Time) (01:09)
Besetzung:
Udo Dirkschneider – Gesang
Andrey Smirnov – Gitarre
Fabian „Dee“ Dammers – Gitarre
Tilen Hudrap – Bassgitarre
Sven Dirkschneider – Schlagzeug
