Tygers Of Pan Tang: Majors & Minors
Label: Mighty Music
Erscheinungsdatum: 28. 5. 2021
Produktion: Chris Tsangarides, Soren Andersen, Harry Hess, Ben Matthews
Albumlänge: 67.54 min
Genre: heavy metal/N.W.O.B.H.M.
Wertung: 9.0/10
Tygers Of Pan Tang gehören heute zu den Kultbands der legendären N.W.O.B.H.M.-Bewegung an der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern, nach der die Musikwelt nie wieder dieselbe sein sollte. Dank dieser Welle, die zunächst auf britischem Boden schwelte und kurz darauf ein wahres galaktisches Feuer entfachte, begann die weltweite Expansion des Heavy Metal — in all seinen späteren Ausprägungen und Spielarten, die zahlreiche Subgenres hervorgebracht haben und die sich bis heute aktiv weiterentwickeln. Die goldene Ära der Band Anfang der Achtziger dauerte zwar nicht lange, aber lang genug, um Tygers Of Pan Tang zu einem der herausragenden Vertreter dieser Welle zu machen. Einer Welle, der u. a. auch Iron Maiden, Def Leppard und Saxon entstammen.
In einer Zeit, die Rock und Metal — wie auch anderen kreativen Sphären des kulturell-künstlerischen Lebens auf diesem Planeten — nicht gerade hold ist, nehmen Bands und Künstler wenigstens neue Alben auf. Nun, Tygers Of Pan Tang haben ihr letztes, nämlich »Ritual«, im November 2019 aufgenommen und veröffentlicht — also kurz bevor die Welt zum Stillstand kam. Konzerttouren und Promotion: Fehlanzeige. Die Band hat es wie viele andere gemacht: das Merchandise-Angebot ausgebaut, eine Neuauflage von »Ambush« (2012) auf den Weg gebracht und sich gleichzeitig entschlossen, die Krise mit einem besonderen Kompilationsalbum namens »Majors And Minors« zu überbrücken. Vom Titel her könnte man fast denken, es handle sich um eine Karriere-Auswahl der A- und B-Seiten veröffentlichter Singles — doch weit gefehlt. Die Band bietet mit dieser Kompilation eine Auswahl von Songs, die in ihrer jüngsten Schaffensphase entstanden sind, genauer gesagt in den letzten acht Jahren. Das ist nicht bloß eine klassische „Best of“-Kompilation; die Band hat auch an die Wünsche ihrer glühendsten und treuesten Fans gedacht — besonders der Sammler und derer, die vielleicht die letzten Alben verpasst haben. Allerdings war das nicht ganz präzise. Auf dem Album finden sich auch Let It Burn und Hot Blooded, zwei Songs vom Album »Animal Instinct« (2008), die zwischen all den anderen Tracks am altmodischsten klingen. Rock’n’Roll-mäßig, wenn man so will. Am nächsten kommt ihnen in Sachen ›Altmodischkeit‹ noch Plug Me In.
Bekanntlich sind Tygers Of Pan Tang in die Hölle gefahren und lange dort geblieben — aber zurückgekehrt. Seit ihrer Rückkehr beweisen sie, gerade mit den herausragenden letzten drei Studioalben »Ritual« (2019, RockLine Rezension), »Tygers of Pan Tang« (2016, RockLine Rezension) und »Ambush« (2012, RockLine Rezension), dass es ihnen weder an kreativer Energie noch an Enthusiasmus mangelt. Die Band weiß das selbst sehr genau — und weil sie weder in der Vergangenheit leben noch auf ewig nur für ihre ersten drei Alben und den Hit Love Potion Nr. 9 bekannt sein will, hat sie eine Auswahl der repräsentativsten Songs ihrer jüngsten Schaffensphase zusammengestellt, von denen sie überzeugt ist, dass sie bereits jetzt Klassiker sind — Songs, die den neuen kreativen Aufbruch der Band widerspiegeln, seitdem der Florentiner Jacopo ‚Jack‘ Miele die Rolle des Sängers übernommen hat. Diese Songs entstanden zum Teil auf Tourneen und verkörpern mörderische Gitarrenriffs, Durchschlagskraft sowie die Bühnenwucht der energiegeladenen Live-Shows der Band in ihrer neuen Besetzung. Doch dabei bleibt es nicht. Tygers of Pan Tang haben auch für einige Überraschungen gesorgt. Es handelt sich um vier Songs, die bislang auf keinem Album erschienen sind. Nun, Plug Me In erschien im April 2017 als B-Seite der Single Never Give In, und What You Say ist zum Beispiel jener Song, von dem man getrost sagen kann, dass er mit dieser Kompilation überhaupt zum ersten Mal offiziell der Öffentlichkeit zugänglich ist. Dazu kommen noch eine interessante Live-Version des großartigen Keeping Me Alive, aufgenommen 2018, vom Album »Ambush«, sowie eine Orchesterversion des »Ritual«-Songs Spoils Of War, die bislang nur in der limitierten, das heißt der Sonderedition des Albums »Ritual«, erhältlich war.
Ehrlich gesagt stellt sich die Frage, ob dieser Schritt von der Band überhaupt je gegangen worden wäre, hätte die Covid-19-Pandemie die Welt nicht zum Stillstand gebracht. Wenn schon, hätten sich die Tygers Of Pan Tang eher an eine Kompilation frisch gespielter Tracks aus dem eisernen Repertoire gemacht. Noch etwas. Die Band hat seit letztem Jahr einen neuen Gitarristen, der an keinem der oben genannten (vier) Alben mitgewirkt hat. Das ist der italienische Gitarrist Francesco Marras, der zuvor bei Screaming Shadows spielte — weshalb es korrekter ist, als mitwirkenden Musiker dieser Kompilation Mickey Crystal zu nennen. Das ist der frühere Gitarrist der Band. Falls du durch einen seltsamen Zufall diesen Artikel noch immer liest und zu den wenigen gehörst, die sich am 16. 5. 2018 im Hangar Bar in Izola befanden, bist du dem Kerl persönlich begegnet, als er mit Marco Mendoza spielte (RockLine Konzertrezension). Wenn wir also Bilanz ziehen: Diese Kompilation richtet sich in erster Linie an die hartgesottensten Fans der Band, die an die Originalalben nicht herankommen — und, was entscheidend ist, diese Kompilation beweist, dass Tygers of Pan Tang noch immer atmen, brüllen, fauchen und knurren. Mit der wilden Katze ist also nicht zu spaßen!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Only The Brave
2. Destiny
3. She
4. Never Give In
5. Worlds Apart
6. Glad Rags
7. Let It Burn
8. White Lines
9. The Devil You Know
10. Keeping Me Alive
11. Hot Blooded
12. Damn You!
13. Spoils Of War (Orchestral Mix)
14. What You Say
15. Plug Me In
Besetzung:
Jacopo Meille – Gesang
Robb Weir – Gitarre
Mickey Crystal – Gitarre
Gavin Gray – Bassgitarre
Craig Ellis – Schlagzeug
Deano – Gitarre auf den Tracks Nr. 7 und 11
Brian West – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 7 und 11
