Tommy Emmanuel und ein unvergesslicher Fingerstyle-Tornado in Opatija (2024)
Tommy Emmanuel (besonderer Gast: Frano Živković)
Mittwoch, 7. 8. 2024, von 21.00 bis 22.30 Uhr
Opatija / Ljetna pozornica / Kroatien
Tommy Emmanuel gilt als ein ganz besonderes Juwel im musikalischen Universum der Galaxis. Diesen Status kann ihm niemand nehmen – so einzigartig ist er. Ein Fingerpicker ohne Gleichen in der Fingerstyle-Technik, der auf seine ganz eigene Art Genreelemente aus Country, Blues, klassischer Musik, Jazz und natürlich ansteckenden Melodien der Rock- und Pop-Rhetorik miteinander verbindet. Der australische Ragtime-Botschafter ist für seine außergewöhnliche Kombination aus Tempo und Präzision bekannt – kein einziger Ton klingt oberflächlich gespielt (dank seiner ausgefeilten Technik), seine Improvisationen sind witzig und geistreich, und sein Talent zur Adaption bekannter Originale ist geradezu durchtrieben: Er kleidet sie so geschickt um, dass man sie manchmal kaum wiedererkennt.
Die Begegnung mit ihm in der Ljubjaner Cvetličarna am 11. 3. 2007 ist ein unvergessliches Erlebnis geblieben – der Besuch in Opatija war diesmal schlicht und einfach Pflicht. Und dann war da noch der Freitag. Jenseits der ewigen Suche nach einem vernünftigen Parkplatz, der (zumindest im Traum) etwas näher gelegen wäre als das gut einen Kilometer entfernte Parkhaus mitten in Opatija (Richtung Lovran), waren die Mühen schnell vergessen, als wir gut 20 Minuten vor neun die Ljetna pozornica betraten – in diesem Jahr bereits zum dritten Mal (Mitte Juli beim Konzert von Epica, Ende Juli beim Konzert von The Cult). Ohne zusätzliche Turbulenzen, die das Gelände in Aufruhr versetzten, ging es allerdings nicht ab. Ein Regenschauer. Fünfzehn Minuten lang. Kurz vor neun. Unglaublich. Der Film vom Konzertabbruch in Kärnten, als das Toto-Konzert durch eine Gewitterapokalypse ins Wasser fiel, ist noch sehr präsent. Diesmal dauerte der Regen aber nur gut fünfzehn Minuten, und die Leute verteilten sich dann doch ruhig auf ihre Plätze. Diese waren praktisch ausverkauft. Rund 1500 Stühle, vielleicht etwas mehr. Hervorragender Zuspruch.
Drei Gitarren und ein „Sideboard“ mit Schlagzeugzubehör badeten in schüchternem Scheinwerferlicht, als der berühmte Gitarrengroßmeister die Bühne betrat. Er stürzte sich sofort in seinen typisch stürmischen Einstieg und webte gleich zu Beginn eine geniale Mischung aus Country, Blues, Rock’n’Roll und Surf, die erwartungsgemäß den Boden für Burlesken im Stil von Charlie Chaplin bereitete. Mit dem berühmten Ragtime-Werfer Chet Atkins, der sich dabei vom Himmel aus fröhlich amüsierte. Im Eröffnungsteil mit den Stücken Doc’s Guitar und Black Mountain Rag (beide vom Album „Accomplice Two“, 2023). Das Publikum ist auf den Zehenspitzen!
Emmanuel ist auch sonst ein cleverer Entertainer – und das nicht nur in musikalisch-expressiver Hinsicht. Der Typ verströmt bei Konzerten eine ausgelassene Wärme und Heiterkeit. Das bringt schon die bloße Erscheinung des gutmütigen Kerlchens mit sich, das nicht mit wohlgelaunten Lächeln geizt, wenn er mit dem Publikum kommuniziert, und der zwischen den Stücken gerne die eine oder andere schelmische Anekdote zum Besten gibt. Einer der vielen humorvollen Momente war die Adaption des Blues-Standards Deep Water Blues (das Stück reicht satte 100 Jahre zurück – ins Jahr 1924, als es von zwei Autoren geschrieben wurde: Eddie Green und Lucile Marie Handy). In diesem Doc Watson gewidmeten Stück, der 1964 die erste Adaption des Songs aufnahm, musste Emmanuel auch die Gesangsrolle übernehmen. Diese sprühende Adaption stammt aus Emmanuels Studiowerk „Accomplice One“ (2018).
In diesem Jahr feiert Tommys Album „Endless Road“ seinen 20. Jahrestag. Das Album wurde deshalb erstmals auch auf Vinyl wiederveröffentlicht. Tommy liegt dieses Album sehr am Herzen, weshalb er ihm beim Konzert einige Aufmerksamkeit widmete und daraus sein eigenes Tall Fiddler spielte (für dieses Stück erhielt er den australischen CMAA-Preis in der Kategorie „Instrumental des Jahres 2005″), danach sein weiteres Eigenstück Angelina (seiner zweiten Tochter gewidmet), die phänomenale Adaption von Nat King Coles Mona Lisa sowie das Hauptthema des Filmklassikers „Der Zauberer von Oz“ (Somewhere Over the Rainbow). Von diesem Album wählte Tommy auch eine der seltenen Vokalperformances des Abends, als er sich I Still Can’t Say Goodbye vornahm (dem Andenken an seinen Vater gewidmet). Diese blitzschnellen Stimmungswechsel zwischen schelmisch-stürmischen Manövern und zerbrechlicher Zartheit sensiblen Spiels füllen einen mit der Intensität eines außergewöhnlichen Geflechts aus Leidenschaft und Emotionen, die Emmanuel nicht nur aus seinem Spiel, sondern auch aus dem Publikum herausholt. Die Reaktionen des Publikums waren außergewöhnlich.
Seinen ganz eigenen Zauber zu diesem einzigartigen Musikabend steuerte auch die Aufführung des experimentellen Stücks Mombasa bei, das man auf Emmanuels neuestem Album „Accomplice Two“ (2023) findet. Ja. Nicht nur die Melodie, die sich auf die Überlieferungen afrikanischer Folkmusik stützt, sondern auch die Nutzung des gesamten Gitarrenkörpers als Perkussionsinstrument. Ein atemraubendes, über zehn Minuten langes, schlangenartiges Rondo bildreicher Tricks und Stimmungsumbrüche. Ein Mann, eine Gitarre, eine Bühne! Und? Ein – vollständig entfachtes Publikum.
Ein ganz besonderer Moment des Abends kam in der zweiten Hälfte, als sich der 19-jährige Frano Živković zu Emmanuel auf die Bühne gesellte. Er ist ein kroatisches Wunderkind, das bereits mit acht Jahren (am 29. 4. 2013) in der Zagreber Halle Vatroslav Lisinski auf Einladung von Emmanuel gemeinsam mit ihm gespielt hat. Der junge Rečaner hat sich seither vor allem in Kroatien den Ruf als absolutes Unikat erarbeitet – er nahm Emmanuel als zentrales Vorbild, begann dessen Werke zu spielen und eigene Musik zu schreiben. Im Fingerstyle-Stil natürlich. In Zagreb trafen sie sich letzten November wieder, Ende Juli dieses Jahres spielten sie gemeinsam in Nashville. Emmanuel schenkte Frano eine seiner Gitarren. Als Frano die Bühne betrat, trug er genau diese Gitarre. Nach einer kurzen Kalibrierung machten sich Emmanuel und er an eine Adaption von Claude Bollings Originalstück Borsalino, gefolgt von einer phänomenalen Adaption von Mason Williams‘ Original Classical Gas (das Stück gilt als Standard bei Emmanuels Konzerten), und den Höhepunkt dieser Begegnung brachte das dritte Stück – Franos eigenes Welcome To The Party, wobei Emmanuel eine seitliche Position auf der Bühne einnahm und die Mitte Živković überließ. Eine geniale Bereicherung des Konzertabends.
Unbedingt erwähnen muss man auch das grandiose Beatles-Klassiker-Medley gegen Ende des Abends! Es eröffnete mit I Feel Fine und führte über Please, Please Me, While My Guitar Gently Weeps und Day Tripper zu Lady Madonna. Eine brillante Würze und Bereicherung des Konzertrepertoires.
Emmanuel mangelt es nicht an Dynamit in den Fingern, und das lässt über die Jahre nicht nach. Der Mann spielt auf höchstem Niveau und liefert ein erstklassiges Konzerterlebnis. Es ist schwer, in Worte zu fassen und die schiere Fülle an Informationen, die in einem anderthalbstündigen Auftritt dieses gitarristischen Zaubervirtualosen um einen herumschwirren und sich in den Raum und ins Publikum ausbreiten, auch nur annähernd (sagen wir zumindest: objektiv) zu erfassen. Ein Mann, eine Bühne, eine Gitarre – und nicht zuletzt ein Mythos und eine Legende! In all ihrer wunderbaren Entfaltung!
Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik, Edita Klemen & Jakob Klemen


































