The Cult marschieren mit donnernder Vorstellung entschlossen in die Kvarnerbucht ein (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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The Cult (Vorband: Jonathan Hulten)
Freitag, 26. 7. 2024
Opatija / Ljetna pozornica / Kroatien


The Cult sind, kaum ein Jahr nachdem sie ihr nach wie vor aktuelles letztes Studioalbum »Under The Midnight Sun« in Europa promotet hatten, erneut auf eine Tournee durch den alten Kontinent aufgebrochen. Dieses Jahr werden nämlich 40 Jahre ihres Schaffens gefeiert. Zumindest was das Wirken unter dem Namen The Cult betrifft. Angefangen haben sie nämlich schon 1983 unter dem Namen Death Cult, ein Jahr später verkürzten sie dann den Namen. Sie genießen ihren Kultstatus. Wie es der Name gebietet. Da das Jahr 2024 für die Band ein Jubiläumsjahr ist, haben The Cult ihre Tournee mit der passenden Zahl »8424« benannt.

Nach dem sehr schönen Erlebnis mit dieser Band im vergangenen Jahr, als wir sie in Zagreb besuchten (ŠRC Šalata, RockLine Konzertrezension), haben sich The Cult erneut entschieden, unser südliches Nachbarland zu besuchen, diesmal jedoch mit dem Unterschied, dass sie sich bei ihrer Ankunft am Meer niederließen. Genauer gesagt in Opatija! Die dortige Ljetna pozornica ist jedes Jahr ein ‚heißer‘ Ort für Konzertveranstaltungen, die sich von Juli bis August erstrecken. Angesichts der Tatsache, dass die Band Ende Juni letzten Jahres Zagreb besucht hatte, hätte man meinen können, dass The Cult diesmal nicht so viel Interesse auf sich ziehen würden wie ein Jahr zuvor. Weit gefehlt. Das treue Publikum bewies erneut seine große Loyalität gegenüber der Band, und auf dem Gelände waren etwa 3.500 Besucher zu zählen. Natürlich mit einem gehörigen Anteil an Fans, die aus Slowenien und Italien in den Kvarner geeilt waren. Dazu beigetragen hat sicher auch das gewählte Repertoire, das The Cult anlässlich ihres Jubiläums zusammengestellt hatten. Des 40-jährigen Jubiläums! Des 40-jährigen Jubiläums der Veröffentlichung des Debüts »Dreamtime«. Das brachte einige Leckerbissen mit sich, wobei mehr als die Hälfte des Repertoires aus Material der ersten vier Alben bestand. Das war der Schwerpunkt des Konzerts. Gleichzeitig auch der Fokus aller Besucher, die gekommen waren, um den Sound dieser einzigartigen Rock-Düstergesellen zu genießen. Die Zeiten, in denen sich die Band mit ihrer Ambition, Frische und einzigartigen Energie nach oben kämpfte und damit zu einem unauslöschlichen Teil der Rocklandschaft wurde, sind in Opatija also wieder zum Leben erwacht.

Nun, gegen halb neun abends wärmte der düstere, enigmatische schwedische Musiker Jonathan Hultén das Publikum auf. Der Singer-Songwriter, der dem Folk-Rock-Predigtstil verschrieben ist, unterhielt die Anwesenden etwa eine halbe Stunde lang. Mit einer Folk-Gitarre bestückt, umgeben von Blumen, einem riesigen Kopfkorb und einem rosa Thron, auf dem er während seiner eigenen Darbietungen saß. Zweifellos ein Künstler, der thematisch so gar nicht zum Wesen und Werk der Hauptstars des Abends passte, der aber mit seiner sehnsuchtsvollen vokalen Melancholie an die eine oder andere Seele anklopfen musste, die zu jener Zeit großteils noch auf dem Gelände eintraf.

The Cult, die um halb zehn die Bühne betraten, spielten eine Show von einer Stunde und gut zwanzig Minuten. Im Rahmen ihrer üblichen Konzertpraxis. Diesmal war Keyboarder Mike Mangan jedoch nicht auf der Bühne. Die Band trat als Quartett auf. Malerisch in dunkle Kleidung gehüllt – der eine und einzige schamanische Zauberer des Rock’n’Roll Ian Astbury (Gesang, Percussion), die unvermeidliche andere Hälfte der Band und sein ‚dunkler‘ Blutsbruder Billy Duffy (Gitarre), dazu das hervorragende Rhythmusgespann John Tempesta (Schlagzeug, Percussion) und Charlie Jones (Bass). Vier dunkle Silhouetten, viel Nebel, eine Kombination aus rotem, weißem und blauem Licht, mit sehr wenig oder so gut wie keiner Gesichtsbeleuchtung. Das übliche Ritual. Jeder an seinem Ende der Bühne. Wobei Astbury ein paarmal zu Duffy schritt, dabei aber stets Abstand hielt. Ian (obligatorisch mit Tuch bedeckt) krönte die Show diesmal jedoch wirklich mit einer hervorragenden vokalen Interpretation. Auch in Zagreb war er letztes Jahr sehr gut, doch Ians diesmaliger Vokaleinsatz übertraf die Zagreber Vorstellung aus dem vergangenen Jahr definitiv. Von Anfang bis Ende. Stark, autoritativ in jedem Moment der Show, einschließlich des großen Finales mit der Klassikerin She Sells Sanctuary. Für Ian, den wir schon in schlechter Stimmform erlebt haben – oder genauer gesagt in schlechter vokaler Laune –, könnte man diesmal glatt die Bezeichnung ‚gewaltig‘ verwenden.

Auch Duffy hatte eine ordentliche Portion Kommunikation parat, als er das Publikum auf seiner linken Bühnenseite anfeuerte.  Am Ende des dritten Stücks – es war Wild Flower (Album »Electric«, 1987) – vollführte Duffy mit der rechten Hand seinen ‚berühmten Propeller‘ (wenn er nicht gar von Pete Townshend stammt), was das Cover des ikonischen Albums »Sonic Temple« symbolisiert. Diese kleinen Tricks der sprichwörtlich statischen Band (was Bühnenauftritte betrifft) erwiesen sich während des Konzerts als äußerst nützlich, da sie die aufgeheizte Menge effektiv anheizten, die das Aneinanderreihen von Klassiker auf Klassiker genoss. Was die Auswahl der Leckerbissen betrifft, muss man neben den absolut unverzichtbaren Klassikern des eisernen Repertoires (Rain, Sweet Soul Sister, Fire Woman, Love Removal Machine, She Sells Sanctuary) die erste (obligatorische) Zugabe hervorheben – das ist Brother Wolf, Sister Moon, das die Band seit Jahren nicht mehr auf der Bühne gespielt hatte. Besonders überraschend war aber Resurrection Joe vom Debüt »Dreamtime« (1984), das die Band seit 1986 nicht mehr live gespielt hatte. Öl ins Feuer goss auch die Wiederkehr der lang vermissten »Sonic Temple«-Klassikerin Edie (Ciao Baby). Das Balladenstück spielten auf der Bühne nur Ian und Billy zusammen. In akustischer Manier.

Auch diesmal warf Ian einige Tamburine ins Publikum, obwohl das spezifische Gelände es erforderte, dass er das Instrument weiter als gewöhnlich bis in die erste Reihe schleudern musste (zwischen Bühne und erster Reihe befinden sich nämlich etwa 7 Meter völlig leerer Raum, was der einzige Minuspunkt der Ljetna pozornica ist). Auch wenn die Band manchmal den Eindruck erweckt, als kümmere sie sich nicht sonderlich ums Publikum, ist das nicht so. Astbury entgeht nichts, auch wenn er auf der Bühne wirkt, als könnte ihn kaum etwas berühren – dem ist nicht so (wir wissen, wie er schlechte Laune rauslassen kann, wenn ihn die schlechte Laune packt, was wir beispielsweise 2009 in Zagreb erlebt haben). In Opatija jedoch strahlte die Band sehr gute Laune aus. Astbury bedankte sich beim Publikum am Ende der bombastisch gespielten Show, die obendrein von einem hervorragenden Sound begleitet wurde, und stellte alle Bandmitglieder vor.

Die Band ist hervorragend eingespielt. Schlagzeuger John Tempesta blieb mit einigen explosiven schlagzeugerischen Übergangsrolls während der Show definitiv nicht unbemerkt. Duffy bleibt dem Gretsch Falcon und der schwarzen Gibson Les Paul treu. Im Laufe des Konzerts wechselte er gleich mehrere Falcon-Exemplare (der Techniker stimmte die Gitarren während des Auftritts ununterbrochen fleißig und gab sie ihm nach jeder einzelnen Nummer zur erneuten Verwendung zurück). Die Basslinien hatten Wumms! Sie hatten ein ‚Fundament‘, das man spürte. Und Ian? Wie gesagt, das Hauptelement des Auftritts von The Cult in Opatija, sodass diese Konzertdarbietung in jeder Hinsicht wirklich eruptiv ausgefallen ist!

Kurz und gut. Die wunderbaren The Cult. Ohne Tricks. Einfach direkt. Mit Schmiss und Energie, bei der Opatija diesmal aus allen Nähten platzte, bleibt das in den Achtzigern veröffentlichte Werk der Band der ‚heilige Gral‘ ihrer Anhänger. Und so wird es bleiben. Das Publikum verfiel mehrmals in eine Art Trance. Einen hypnotischen Zustand. Der ‚Drive‘ der Band funktionierte diesmal tadellos, und Astbury ist so oder so ein außergewöhnlicher Magnet. Bei der gezeigten Form beim diesmaligen Konzert in Opatija will man The Cult so schnell wie möglich wiedersehen! Das Rondo der Reise durch den Karrierequerschnitt der Band hat also die Herzen des Publikums erfüllt und gestillt. Die wollten sich noch lange nach dem Abschiedswinken der Band, als sie in die Kulissen marschierte, partout nicht von der Bühne trennen. Am besten sind also die Events, bei denen man nichts erwartet, oder die Erwartungen gering sind. Und The Cult haben diese ‚Bescheidenheit‘ diesmal höher getragen, deutlich höher! Schade nur, dass das Album »Ceremony«, mit dem die Band bittere Erinnerungen verbindet, im Repertoire weiterhin unangetastet bleibt.   

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

The Cult – Setlist:
1. In the Clouds
2. Rise
3. Wild Flower
4. Star
5. Mirror
6. The Witch
7. The Phoenix
8. Resurrection Joe
9. Edie (Ciao Baby)
10. Sweet Soul Sister
11. Lucifer
12. Fire Woman
13. Rain
14. Spiritwalker
15. Love Removal Machine
—Zugabe—
16. Brother Wolf, Sister Moon
17. She Sells Sanctuary


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