The Cult – Rituale im Schutz der Mitternachtssonne über Zagreb (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
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The Cult (Vorgruppe TV Eye)
Freitag, 30. 6. 2023
Zagreb / ŠRC Šalata / Kroatien


The Cult! Wirklich. Kult. Die dunklen Schamanen der Achtziger mit ihrer eigenwilligen und eklektischen Mischung aus Post-Punk, Gothic Rock und Hard Rock, zu der es kaum Vergleichbares gibt, veröffentlichten letzten Oktober ihr elftes Studioalbum »Under the Midnight Sun«, das sie auf eine neue Europatournee schickte, bei der sie nach sechs Jahren die kroatische Hauptstadt erneut besuchten. Auch The Cult traten in diesem Jahr ins 40. Jahr ihres Bestehens ein.

Diesmal wärmten die Zagreber TV Eye zur Eröffnung das Gelände auf. Angesichts des Bandnamens sehr wahrscheinliche Iggy-Pop-Hörer. Wenn man es genauer betrachtet: In den Jahren 1977 und 1978 existierte in Birmingham kurzzeitig eine Band gleichen Namens, die sich auflöste, bevor sie ihr erstes Album veröffentlichte. Vier erfahrene Musiker – zumindest nach Statur und Aussehen – gründeten die Band erst 2019; das Debütalbum »Kick It Out« erschien im März dieses Jahres. In einer halben Stunde präsentierten sie sich als eine sehr gut eingespielte und fokussierte Besetzung, bei der alles an seinem Platz sitzt. Auch wenn sie musikalisch in der heutigen Zeit keine Revolution bringen, zelebrieren sie ihre Musik mit vollem Einsatz – eine Mischung aus Rock’n’Roll, (Garage-)Punk-Rock und Post-Punk-Elementen. Und dabei wirken sie überzeugend. TV Eye nutzten ihre halbe Stunde geschickt, um ihre Musik vorzustellen, noch während die meisten Besucher aus allen Richtungen gemächlich aufs Gelände strömten.

The Cult genießen ihren Kultstatus, und das Publikum, das sie zu seinen Lieblingen erkoren hat, bleibt ihnen unglaublich treu und ergeben. Ihr musikalisches Schaffen, vor allem aus den Achtzigern, bleibt makellos reizvoll und anziehend. Ein ewiges Monument des Rock and Roll unserer Galaxie. Interessant zu beobachten, wie das Publikum mit der Band altert. Mit einem beachtlichen Anteil an Fünfzigern, die nach Zagreb kamen, um noch einmal ihre Teenagerjahre zu erleben – also jene Zeit, in der die Band mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Frische und ihrer einzigartigen Energie ihren Weg nach oben bahnte und so zu einem unauslöschlichen Teil der Rock-Landschaft wurde.

Die Band spielte insgesamt eine Stunde und zwanzig Minuten. Wie üblich. Auch diesmal standen Astbury und Duffy auf der Bühne wie unbewegliche Götzen, abgesehen von einigen flüchtigen Gesten kinetischer Energieübertragung (bewegten Nuancen), die Astbury im Laufe der Show einbrachte. Im Laufe der Jahre ist dieses Gefühl, dass sich die Band während der Konzerte kaum um ihr Publikum kümmert, für The Cult zu einer Art erwartetem Standard geworden. Obwohl es diesmal anders war. Astbury bedankte sich am Ende beim Publikum und stellte sogar alle Bandmitglieder vor – die Band ist inzwischen ein Quintett. Und das Publikum war wirklich außergewöhnlich. Ganz einfach. Wenn The Cult mehr als die Hälfte des Repertoires mit Klassikern aus ihren wichtigsten Alben der Achtziger spielen, kann es gar nicht anders sein. Astbury in seiner üblichen – statischen »morrisonesken« Figur, reichlich gehüllt in überdimensionierte Klamotten, mit geflochtenen Zöpfen seines noch immer üppigen und langen Haares, bedeckt von einem Tuch, das er sich so aufgezogen hatte, dass es ihm die Sicht fast versperrte, zerbrach ein paar Tamburine und warf sie unters Publikum, während die Shaker ganz blieben. Wieder einer jener obligatorischen Bestandteile der Konzertrituale der Band – bzw. von Astburys Schamanentum.

Astbury hat das Konzert in der Gesamtabrechnung sehr gut gesungen. Über den Erwartungen. In einigen Passagen wurde er von den Begleitvokalen des Keyboarders Mike Mangan und des Bassisten Charlie Jones unterstützt, was durchaus hilfreich war (vor allem bei den höher liegenden Gesangspartien), aber Astbury entfaltete zeitweise eine dröhnende Klanggewalt, die einen beträchtlichen Teil des Klangbildes ausfüllte. Neben der stets aufgedrehten Gitarre von Billy Duffy, die auch diesmal mit Abstand den meisten Raum im Klangspektrum einnahm, hat Ian sich gegenüber den Auftritten der Band 2014 im Ljubljaner CUK Kino Šiška und 2009 in der kleinen Halle des Zagreber Dom Sportova definitiv rehabilitiert. Ich weiß nicht, wie das Konzert der Band auf der ŠRC Šalata 2017 war, da Rockline dieses Konzert nicht begleitet hat, aber angesichts dieser beiden früher erwähnten Konzerterfahrungen wirkte Astbury diesmal auf der Šalata überraschend lebendig. Aufgedreht. Ihr werdet es nicht glauben, aber er nahm sich sogar einen Moment oder zwei für ein kurzes Geplauder mit dem Publikum. Dabei versäumte er es unter anderem nicht, dem Besitzer des Geländes einen Rüffel zu verpassen – in den sechs Jahren seit dem letzten Auftritt der Band dort hatte er keine Renovierung auf den Weg gebracht.

Die Band ist hervorragend eingespielt. Schlagzeuger John Tempesta blieb mit einigen explosiven Drum-Fill-Rolls während der Show definitiv nicht unbemerkt. Duffy bleibt dem Gretsch Falcon und der schwarzen Gibson Les Paul treu. Während des Konzerts wechselte er gleich mehrere Falcon-Exemplare (der Techniker stimmte die Gitarren während des Auftritts ununterbrochen gewissenhaft und händigte sie ihm nach jeder Nummer wieder aus). Die Basslinien hatten Wumms! Sie hatten ein Fundament, das man spürte. Die Keyboards an der rechten Position waren kaum zu hören – was geradezu erwartet wurde, schon angesichts von Duffys inzwischen sprichwörtlicher Bühnenlautstärke, die andere Elemente des Klangbildes gerne übertönt. Duffy warf an diesem Abend einen einzigen Blick ins Publikum. Den Abschiedsblick. Kaum hatte er zum abschließenden Gruß seine rechte Hand gehoben, eilte er blitzschnell von der Bühne. Nach dem letzten Ton von Love Removal Machine. Während Astbury noch die Bandmitglieder vorstellte, war Duffy bereits nicht mehr auf der Bühne. Dabei bleibt eine weitere Eigenheit bemerkenswert und ziemlich einzigartig für The Cult: Astbury und Duffy schauen sich während des gesamten Konzerts kein einziges Mal an.

Die Band hat ihr Repertoire im Vergleich zu den vergangenen Jahren kaum verändert. Von »Electric« spielte sie gleich sechs Nummern, aus »Sonic Temple« zwei, aus »Love« drei (Fire Woman fiel überraschenderweise aus dem Repertoire heraus), während Spiritwalker als einzige Nummer vom Debüt »Dreamtime« auch weiterhin ein Konzert-Dauerbrenner bleibt (Setlist unten). Diese Klassiker hielten das Publikum, das in erster Linie wegen ihnen zum The Cult-Konzert gekommen war, durchgehend in einem Trance-Zustand. Zeitweise rastete das Publikum buchstäblich aus. In jedem Refrain begleitete es Astbury lautstark in den Strophen. Das Gelände wurde besonders magisch, als die Band es schaffte, die Besucher so sehr anzuheizen, dass sich das Parkett in ein Meer erhobener Hände verwandelte. Vom Mischpult bis zur Bühnenvorderkante. Die Überraschungen der Setlist? Die Aufnahme von The Witch, das als Filmmusik für den Film »Cool World« aus dem Jahr 1992 verwendet wurde. Die beiden einzigen Nummern vom neuesten Werk »Under The Midnight Sky«, nämlich Mirror und Vendetta X, fügten sich mehr als hervorragend ins ältere Material ein.

Nach dem Ende wurde die einzigartige Stimmung, die ein Konzertabend mit The Cult hinterlässt, nur durch einen Zwischenfall getrübt: eine Schlägerei zwischen Sicherheitspersonal und einem Konzertbesucher, bei der ein Wachmann den Kürzeren zog – ein aufgebrachter Fan, der sich nicht vom Gelände vertreiben lassen wollte, schlug ihm eine Flasche auf den Kopf. Wie hat er sie überhaupt aufs Gelände geschmuggelt? Solche Szenen erfüllen einen mit tiefer Beklemmung. Du kommst zum Konzert für die Energie des Rocks, um abzuschalten, dich emotional zu lüften und von den Schwingungen durchschütteln zu lassen – und am Ende schaust du auf Blut auf dem Beton. Schrecklich. Auch im Jahr 2023. 

Kurz und bündig. Wie immer bei The Cult. Ihr Oeuvre der Achtziger bleibt unter den Anhängern so etwas wie ein heiliger Gral absoluter Treue, und das hält die Band durchgehend sicher über Wasser. Auch wenn sie für eine Weile von der Bildfläche verschwindet oder sich in ein ungewöhnliches musikalisches Experiment wagt – ein Kult bleibt eben Kult. Und diesmal zeigte er in Zagreb deutlich mehr Leben (vor allem was die Kommunikation mit dem Publikum angeht), als zu erwarten gewesen wäre.  

Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Rise
2. Sun King
3. King Contrary Man
4. Sweet Soul Sister
5. The Witch
6. Lil‘ Devil
7. Aphrodisiac Jacket
8. Vendetta X
9. Phoenix
10. Wild Flower
11. Mirror
12. Spiritwalker
13. Rain
14. She Sells Sanctuary
—Zugabe—
15. Peace Dog
16. Love Removal Machine


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