Tiger Moth Tales: A Song Of Spring

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Label: White Knight Records
Erscheinungsdatum: 4. 3. 2022
Produktion: Peter Jones
Albumlänge: 56.36 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10


„A Song of Spring“ ist das siebte Studioalbum des englischen Neoprog-„One-Man-Band“ Tiger Moth Tales. Hinter dem Projekt steckt das blinde Musikgenie Peter Jones, der nicht nur ein exzellenter Sänger ist, sondern auch ein beeindruckender Multiinstrumentalist — auf seinen Platten spielt er fast immer alle Instrumente selbst und schreibt den Löwenanteil der Texte.

„A Song of Spring“ ist die Fortsetzung von Jones’/Tiger Moth Tales-Album aus dem Jahr 2017, das den Titel „The Depths of Winter“ trug. Letzteres war von winterlichen Themen und einer etwas melancholischeren, dunkleren Atmosphäre geprägt, als sie für Jones‘ Musik sonst üblich ist, während „A Song of Spring“ eine deutlich optimistischere Frühlingsatmosphäre ausstrahlt — wenngleich einzelne Stücke auch eine melancholisch-ambiante Note tragen.

Der glühende Fan von symphonischem Progressive Rock, der vor einigen Jahren zum Keyboarder der legendären Band Camel wurde und seit Kurzem auch bei Francis Dunnery’s It Bites spielt, hat mit „A Song of Spring“ erneut ein Schmankerl für alle Liebhaber des Old-School-Prog geschaffen — stark beeinflusst von Genesis und Camel, und nebenbei in einzelnen Kompositionen noch etwas mehr Folk, World Music und Jazz-Rock-Fusion eingewoben, Letzteres vor allem durch einen höheren Saxofonanteil. An den Keyboards und beim Schreiben der Texte half Peter bei einzelnen Stücken John Holden, der auch das Cover von „A Song of Spring“ gestaltete. Das Gitarrensolo auf „The Light“ steuerte kein Geringerer als Kult-Gitarrist Andy Latimer von Camel bei.

Das ausgelassene „Spring Fever“ eröffnet das Album mit entspannter Energie und flottem Tempo auf denkbar spielfreudige Weise — die übermütigen Saxofonpassagen sorgen dafür, dass das Ganze nicht zu sehr nach klassischen Genesis klingt. Jones‘ samtiger und zugleich melodramatischer Gesang liefert über einen starken Refrain eine gehörige Portion Melodie. Bevor er in die Welt seines Lieblingsgenres, des Progressive Rock, eintauchte, war Jones auch in der Welt des Pop-Rock aktiv — neben den traditionellen, experimentellen und komplexen Progrock-Qualitäten besitzt er deshalb auch ein außergewöhnliches Gespür für melodische Arrangements und eingängige Refrains.

„Forester“ mit seinen heiteren Flötenarrangements ist von einer pastoral-nostalgischen, bisweilen fast mystischen und mittelalterlichen Atmosphäre durchzogen. Die orchestralen Arrangements sind auf einem außergewöhnlichen Niveau, während das brillante Gitarrensolo umso beeindruckender wirkt, wenn man bedenkt, dass Peter dieses Instrument aufgrund seiner Blindheit auf eine ganz eigene Art und Weise spielt. „Dance Till Death“ ist ein wesentlich düsteres Stück, das dadurch deutlich aus dem ansonsten ambianten Charakter dieses Albums heraussticht. Der Refrain wirkt fast unheimlich, während die instrumentale Untermalung gut in einen Horrorfilm passen würde. Dieses finstere Epos dürfte auch den Genesis-Mitgliedern gefallen, denn es erinnert — abgesehen von den Saxofoneinschüben — an ihre Schaffensperiode zwischen 1976 und 1977.

„Holi“ ist ein vergleichsweise kurzes, aber feines Stück, das dank abwechslungsreicher Percussion und Flöten Einflüsse aus der World Music aufgreift — vor allem aus der arabischen und indischen Welt — und damit wohl auch bei Peter Gabriel, einem von Jones‘ zentralen Gesangsvorbildern, gut ankäme. „The Goddess and the Green Man“ beginnt als recht schlichte Ballade mit Elementen aus Symphoprog und Folk Rock, deren Text aus klassischer keltischer und angelsächsischer Folklore über göttliche Naturschutzpatroninnen und Grüne Männer schöpft. Das artrockige „Mad March Hare“ gehört dank seines heiteren Refrains, epischer Mehrstimmigkeit und jazziger Saxofonpassagen zu den interessantesten Highlights auf „A Song of Spring“. Gleichzeitig ist es eines der wenigen Stücke auf dem Album, das auch humorvolle Momente enthält — davon gab es auf Peters früheren Werken deutlich mehr.

Die melodramatische Epos „Rapa Nui“ erinnert dem Songtitel entsprechend atmosphärisch an eine Fahrt in einem hölzernen Boot durch aufgewühlte Wellen hin zu der bis heute rätselhaften Insel der berühmten Steinköpfe. Davon handelt auch sein Text, der von der Ankunft der ersten Siedler auf der Osterinsel erzählt. Der Höhepunkt dieser außergewöhnlichen Komposition entsteht in der Mitte, wenn der orchestral ausgerichtete Instrumentalteil einsetzt — der könnte glatt als Filmmusik für ein großes Kinospektakel durchgehen. Bei aller Multiinstrumenten-Brillanz ist es Peters exzellenter Gesang, der den Stücken auf dem Album eine Seele verleiht und die meisten von ihnen in echte Meisterwerke verwandelt.

Zu solchen Meisterwerken, die die Höchstnote verdienen, gehört zweifellos das epische und durch und durch positiv aufgeladene Finale „The Light“, auf dem Peters „Chef“ bei Camel, nämlich der bereits erwähnte Andy Latimer, mit seinem unverwechselbaren Gitarrensolo gastiert — bei dem allen Prog-Fans das Wasser im Mund zusammenlaufen wird. Diese brillante Komposition enthält alle Elemente einer echten Tiger Moth Tales-Hymne und wird ohne Frage ein fester Bestandteil von Peters Live-Set werden. Großartig kommt auch der instrumentale Bonustrack „Maytime“ rüber, der von allen Stücken auf dem Album am stärksten in Richtung Jazz-Rock-Fusion tendiert und Peters außergewöhnliches Gespür für rhythmische Lebendigkeit sowie arrangementtechnische Vielfalt mit zahlreichen melodischen Akzenten widerspiegelt.

Wer von einem Musikphänomen wie Peter Jones irgendetwas weniger als ein neues Meisterwerk erwartet hatte, hat sich gründlich geirrt — denn „A Song of Spring“, sein neuestes Werk unter dem Namen Tiger Moth Tales, ist ein echtes Vergnügen für jung und alt unter den Prog-Liebhabern. Dieses mit positiver Energie durchtränkte Album ist der beste Beweis dafür, dass nach noch so katastrophalen Zeiten „der Frühling den Winter stets vertreibt“. „A Song of Spring“ strotzt nur so vor Optimismus, und man kann nur hoffen, dass Peter etwas davon an all jene experimentellen, innovativen und nicht-kommerziellen Musiker weitergibt, die die letzten zwei Jahre der andauernden globalen Krisen kreativ vollständig blockiert oder auf Abwege geführt haben.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Tracklist:
1. Spring Fever (6:52)
2. Forester (7:51)
3. Dance ‚til Death (10:20)
4. Holi (2:46)
5. The Goddess and the Green Man (2:39)
6. Mad March Hare (4:00)
7. Rapa Nui (7:34)
8. Light (15:25)

Musiker:
Peter Jones – Gesang, Keyboards, Drum-Programmierung, Gitarren, Klarinette, Recorder, Ukulele, Percussion

Besonderer Gast:
Andy Latimer (Camel) – Gitarrensolo auf Track Nr. 15

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