The Winery Dogs – gewaltige Eruption eines gigantischen Trios in Laibach (2023)
Auftretende: Omega Sun / The Winery Dogs
Ort: Laibach / CUK Kino Šiška / Slowenien
Datum: Sonntag, 29. 10. 2023
The Winery Dogs wieder in Slowenien! Der zweite Besuch des Trios aus drei musikalischen Super-Conans – nach jenem Juli-Auftritt beim Festival Pivo in Cvetje in Laško im Jahr 2014 hatte schon seit der Bestätigung des erneuten Auftritts in unserem Land außergewöhnliches Interesse geweckt. Er zog buchstäblich das gesamte musikalische Slowenien an, das auf Rock und Metal steht. Ein generationsübergreifendes Treffen zahlreicher Musiker aus verschiedenen slowenischen Bands – und darüber hinaus. Unter den Besuchern waren auch Gesichter zu entdecken, die heute auf der internationalen Musikszene ein Begriff sind – darunter an diesem Abend Tilen Hudrap und Dino Jelusick. Das Konzert zog allerdings auch Fans an, die weit oben im Norden Europas zuhause sind – so etwa ein Besucher aus Norwegen. Der hatte am Tag zuvor bereits beim The Winery Dogs-Konzert in Budapest abgefeiert und platzte nach der Laibacher Vorstellung ohne Umschweife raus, das Laibacher Konzert sei auf einem deutlich höheren Niveau abgeliefert worden – doch diese Begeisterung wollen wir uns für die zweite Hälfte dieser Konzertrezension aufheben. Jede Menge österreichische, kroatische und italienische Kennzeichen an den Autos, die u. a. an diesem Abend in Laibachs Šiška angerollt waren. Das Konzert war nämlich komplett ausverkauft.
Es ist acht Uhr abends. Omega Sun aus Koper betreten die Bühne. Die ungemein überzeugenden slowenischen Doom- und Stoner-Metaller von der Küste, die in diesem Jahr ihr zweites Studioalbum „Roadkill“ veröffentlicht haben, schöpften die ihnen zur Verfügung stehende halbe Stunde bis zum letzten Tropfen aus. Sie präsentierten Stücke des neuen Albums, darunter die eröffnende The One und die abschließende Early Morning, und überzeugten auf der ganzen Linie. Das Trio beschwor vor einer Kulisse aus dichtem Nebel, durch den sich nur mühsam einige Scheinwerferstrahlen kämpften, einen kernigen Fokus und eine Hingabe an die musikalische Vision, für die beide Studioalben stehen. Man spürt, dass die Band seit zehn Jahren auf der Bühne steht und eine echte Bühnensouveränität entwickelt hat – das Trio wirkte sehr selbstsicher und in der Darbietung messerscharf. Der Sound, durch den sich dunkel-knirschende Riff-Walzen schoben, getragen von Drum-Detonationen, voluminösen Basslinien und einem vernichtenden Gesang, überzeugte und packte auf der ganzen Linie. Dabei liegt Omega Sun ziemlich weit entfernt vom Musikgeschmack der Mehrheit, die an diesem Abend wegen Portnoy, Sheehan und Kotzen gekommen war – und doch konnte ihnen nach dem Auftritt niemand den Primat der darstellerischen Überzeugungskraft streitig machen. Ein grandioser Eröffnungsmanöver, der so manchen auf dem falschen Fuß erwischte und ihm gleichzeitig eine Reihe musikalischer Neuentdeckungen bescherte. Omega Sun sind definitiv eine jener slowenischen Bands im Bereich des vernichtend rollenden Schwermetalls, mit dem klaren Potenzial, an die Türen breiterer internationaler Bekanntheit zu klopfen. Nach dem Konzert gab es reichlich Anerkennung von den Besuchern, die die Halle zu diesem Zeitpunkt schon gut gefüllt hatten. Gerade in Sachen Musikpromotion war dieser Auftritt für Omega Sun vielleicht sogar wichtiger, als er auf den ersten Blick wirkt.
The Winery Dogs betreten die Bühne fünf Minuten nach neun Uhr abends. Das Publikum, vor allem in der Mitte und in den ersten Reihen, verfällt sofort in ein kleines Delirium, als Portnoy, Sheehan und Kotzen ihre Positionen einnehmen. Ja. Alles, was die drei Alben – allen voran das im Februar dieses Jahres erschienene „III“ (RockLine Rezension) – liefern, ist lebendig geworden! Es folgen 90 Minuten einer Fusion aus ungeahnten Eruptionen von Progressive-Rock-, Hard-Rock-, Jazz-Rock- und Blues-Finessen, die nur die einzigartige Chemie dieses heiligen musikalischen Trios liefern kann. Im Nu ist wieder klar: The Winery Dogs sind live noch besser als auf den Studioplatten. Kann es überhaupt noch besser werden? Eigentlich nicht.
Richie Kotzen, den wir viele Male in der Solovariante (mit seiner Begleitband) erlebt haben, zeigt in Kombination mit Portnoy und Sheehan ein ziemlich anderes Frontmann-Gesicht, als es vielleicht jemand gewohnt ist, der ihn noch nicht mit The Winery Dogs gesehen hat. So viel Lebensfreude, so viele Lächeln, die er mit dem Publikum teilt, und diese offene Ermunterung – was zwar die Pose jedes guten Frontmanns verlangt – ist überraschend im Vergleich zu jenem leicht scheuen, bisweilen auch mürrischen Richie aus seinen Solokonzerten. Hier sind Sheehan und Portnoy, die nicht nur intergalaktische musikalische Goliaths im technisch-darstellerischen Sinne sind, sondern auch hochroutinierte Entertainer. Der schlanke und drahtige Siebzigjährige – ja, du liest richtig, was Billy betrifft (er trägt am rechten Arm nicht umsonst das Tattoo „Relentless“ – unerbittlich) – entwaffnet erneut mit einer Demonstration unglaublicher Agilität in der Bespielung der linken Bühnenhälfte (sowohl in der Länge als auch in der Tiefe). Auch Kotzen bewegt sich mehrfach in die Mitte, wo sein faszinierendes Solospiel noch stärker in den Fokus des Konzerterlebnisses rückt. Und nicht zuletzt: der große Mike Portnoy, der gerade mal zwei Tage vor dem Laibacher Besuch der The Winery Dogs wieder zu den Progressive-Metal-Titanen der Galaxie Dream Theater gestoßen war. Mit nur wenig mehr als dem grundlegenden Schlagzeug-Setup – mehr braucht er bei The Winery Dogs nämlich nicht – verblüfft er erneut. Sheehan und Portnoy übernehmen beim Konzert auch die Background-Vocals. Dass Portnoy Spaß am Singen hat, ist seit Jahren kein Geheimnis mehr. Daher hängt sein Mikrofon an einer langen, hakenförmigen, beweglichen Stange (sagen wir lieber: Ständer). Interessant ist dabei, beim Konzertauftritt den Schlagzeug-Techniker von Portnoy zu beobachten, der in liegender Position auf einer Matte rechts von Mikes Sitz das ganze Konzert über wachsam diesen beweglichen Ständer mit dem Mikrofon dreht. Sobald Portnoy einsetzt und die Begleitstimme übernimmt, steht das Mikrofon bereits vor seiner Nase – ansonsten steht es hinter seinem Rücken. Stellt euch die Katastrophe vor, wenn der Techniker während des Konzerts die Konzentration verlieren und vergessen würde, den Ständer mit dem Mikrofon im richtigen Moment in die richtige Lage zu drehen!
The Winery Dogs haben drei Alben draußen. Drei phänomenale Werke, geprägt von einer einzigartigen expressiven Chemie. Diese Chemie funktioniert vollblütig auf den kreativen Achsen zwischen drei unglaublich besonderen, ausdrucksstarken, hochkarismatischen und einzigartigen Musikern. Niemand kommt ihnen nahe. Vereint zu einem einzigen musikalischen Körper auf der gemeinsamen Bühne liefern sie eine atemraubende Show ab, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Groove und Drive sind außergewöhnlich – verbunden mit einer Bühnenpräsenz von unglaublicher Schwingungsfreude, Funkensprühen und Witz. All diese gelebte Intensität – hinter der selbstverständlich eine außergewöhnliche Kilometerleistung und Routine stecken – versetzt das Publikum während des Konzerts in eine ganz eigene Welt. Sie saugt dich sofort in sich auf, und du wünschst dir, dass sie niemals endet. Im Gegenteil. Sie soll weitergehen. So lange wie möglich. Und genau solche Konzerte fühlen sich hinterher an, als wären sie im Handumdrehen vorbeigegangen. Die Show ist außergewöhnlich und lässt dir als Besucher keinen einzigen Moment, in dem Zuhörer-Nachlässigkeit entschuldbar wäre.
Kotzen hat brillant gesungen. Unglaublich, was Richie mit seiner Stimme im Laufe der Jahre erreicht hat. Er ist außergewöhnlich. In allen Lagen. Und das Trio als Ganzes hält sich prächtig in Form. Die Bühnenform ist großartig. Billy würde man nie und nimmer siebzig Jahre zuschreiben. Sein Solo ist einer der Höhepunkte der gesamten The Winery Dogs-Show. Normalerweise sind Solo-Einlagen Zeiträuber. Aber nicht im Fall von Billys Solo – und auch nicht bei Mikes kürzerem Schlagzeug-Solo.
Anderthalb Stunden himmlische Gewitterkanonade dieses außergewöhnlichen Trios hörten einfach nicht auf zu begeistern. Doch nach einer Stunde begeisternden extraterrestrischen „Bombardements“ verschwanden sie plötzlich in den Kulissen. Es blieb nur noch die Zugabe. Zwei Songs. Das bluesige Regret und das glühend hochoktanige Abschlussstück Elevate (beide vom gleichnamigen Studiodebüt). Ende.
Die Band ließ ihre große Begeisterung über die außergewöhnlichen Reaktionen des Publikums in der proppenvollen und ausverkauften Halle des CUK Kino Šiška offen erkennen. Die Mitglieder verteilten direkt nach dem Konzert ein paar herzliche und ausdrucksstarke Grüße an die Menge in den ersten Reihen, und Billy trat ans Mikrofon und verabschiedete sich mit einem besonders treffenden Abschiedsgruß: „Ljubljana! Hvala vam!“ Man möchte ihn am liebsten gleich für einen der unseren halten und ihm einen slowenischen Pass ausstellen.
Die Frage ist, wann und wie viel Zeit das Trio – vor allem nach Portnoys Rückkehr zu seinen angestammten Dream Theater – in Zukunft noch finden wird und wann The Winery Dogs, wenn überhaupt, auf eine neue Tour gehen werden. Für Billy wissen wir, dass er bald nach Laibach zurückkehren wird, wo er am 4. 4. 2024 genau im CUK Kino Šiška auf der Abschiedstournee von Mr. Big auftreten wird. Unterm Strich. Das Erlebnis mit The Winery Dogs bleibt also der Inbegriff musikalischer Träume, die (zur) Realität (werden). Hoffen wir nur, dass dieses Zusammentreffen mit The Winery Dogs in Laibach nicht das letzte war.
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik (plus Edita Klemen: 34, 35, 36)
The Winery Dogs Setlist:
1. Gaslight
2. Xanadu
3. Captain Love
4. Hot Streak
5. Desire
6. Mad World
7. Stars
8. Damaged
9. Drum Solo
10. The Other Side
11. Bass Solo
12. The Red Wine
13. I’m No Angel
14. Oblivion
—Zugabe—
15. Regret
16. Elevate



































