The Vicious Head Society: Extinction Level Event

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Label: Hostile Media
Erscheinungsdatum: 28. 5. 2021
Produktion: Graham Keane
Albumlänge: 60.58 min
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 10/10


The Vicious Head Society ist das Kind eines irischen Musikgenies – in erster Linie eines erstklassigen Gitarrenvirtuosen, Komponisten, Arrangeurs und Produzenten sowie D.I.Y.-Zauberers: Graham Keane. Dass mit dem Mann nicht zu spaßen ist, bewies schon das Debüt »Abject Tomorrow«, denn Graham hat mit seinem Talent und seinen Ideen niemand Geringeren als Derek Sherinian (Sons of Apollo, ex-Dream Theater) zur Mitarbeit bewogen, auf dem Album war u.a. auch  Wilmer Waarbroek von Computer Mind dabei, ebenso wie das frisch entdeckte Keyboard-Talent Nauhel Ramos. Doch damit ist die Einleitung noch nicht zu Ende. Denn schon auf dem Debüt spielte niemand anderes als der slowenische Schlagzeug-As und Könner Klemen Markelj eine wichtige Rolle – er steuerte das Schlagzeug für zwei Songs bei.

Nach mehr als vier Jahren kehrt Graham Keane mit dem Nachfolger »Extinction Level Event« zurück, auf dem die Truppe der mitwirkenden Musiker etwas kleiner ausgefallen ist als beim Debüt. Auch auf dem neuen Album übernimmt Keane neben der Gitarre wieder Bass und Keyboards. Trotzdem hat er sich für diese beiden Instrumente auch auf dem neuen Album „Helfer“ ins Boot geholt. Der Virtuose hat so etwas wie einen instrumentalen Kern im Dreieck Gitarre – Keyboards – Schlagzeug aufgebaut. Was er nicht selbst übernehmen konnte, übernahm an seiner Stelle Keyboarder Nahuel Ramos. Keane hat eine exzellente Auswahl getroffen. Für das neue Album hat er Markelj und Ramos (für die Keyboard-Soli) an seiner Seite behalten und ihnen das Spielen über das gesamte Album anvertraut. Zusätzliche Bassgitarren steuerten zwei Musiker bei: Pat Byrne und Matheus Manente. Wenn man sich aber auch für Gesangsstücke entscheidet, braucht man auch da echte Vielseitigkeit. Keane hat daher zwei Sänger eingebunden. Andy Ennis (Overoth) steuerte die Growls bei, Nathan Maxx den Klargesang. Man muss also noch einmal betonen, dass Keane ein außergewöhnlicher Musiker ist, der das Komponieren bei all seiner unglaublichen technischen Perfektion äußerst vielschichtig und abenteuerlustig angeht. Er probiert gerne verschiedene Ideen aus und vereint sie in umfangreichen und komplex angelegten musikalischen Konglomeraten. Ebenso zeigt das Album ein Niveau höchsten Perfektionismus und das Schleifen aller Details. Klanglich wie arrangementtechnisch. Da kann kein durchschnittlicher Musiker mithalten. Deshalb braucht man wirklich eine Spitzenmannschaft. Und Keane hat sie gefunden.

Die Musik dauert mehr als eine Stunde und glänzt mit außerordentlicher Vollendung. In das Komponieren, Arrangieren und nicht zuletzt in den produktionstechnischen Feinschliff des Klangs wurde enorm viel Arbeit gesteckt. Hervorzuheben ist, dass hinter der Musik ein apokalyptisches Konzept steht. Im Mittelpunkt steht ein Individuum, das aus seiner eigenen Perspektive und durch seine Erlebnisse den Zerfall des Systems und des Lebens, wie wir es kannten, beschreibt. Die Konzeptwahl selbst bringt nichts Neues, passt aber wie bestellt. Zur richtigen Zeit. Denn wir stehen am Rand des Zusammenbruchs der Ordnung, wie wir sie kannten, und eine neue Welt wird geboren. Dabei spart die Lyrik nicht an Schärfe angesichts der vollständigen Verwüstung und Devastierung des Planeten, die der Mensch durch seine Eitelkeit und seinen Wahnsinn verursacht hat. Das Album trägt eine äußerst kraftvolle Botschaft und ist ein Weckruf, geradezu ein Aufrüttler.  

Die Songs auf dem Album sind extrem komplex aufgebaut, ordentlich aufgefächert, fallen aber nie ins avantgardistische Spinnertum ab. Durch das gesamte Album zieht sich ein spürbarer roter Faden aus unglaublichem Engagement, Hingabe und außerordentlichem Enthusiasmus, der das Material durch den gesamten Entstehungsprozess begleitet hat. Das Album trägt den erwünschten Effekt unvorhersehbarer Entwicklungen und überrascht und beschäftigt den Hörer auf Schritt und Tritt. Der einleitende Titeltrack ist ein knapp zehnminütiges Instrumental, das sofort eine düstere apokalyptische Atmosphäre erschafft und sich gleichzeitig als progressives symphonisches Epos entfaltet, in dem sich immer neue Leitmotive unaufhörlich aneinanderreihen. Es ist der am weitesten aufgefächerte Song des Albums, der gleich zu Beginn die außergewöhnlichen Qualitäten und die akrobatischen Fertigkeiten der Instrumentalisten zur Schau stellt.

Das Album enthält auch einen äußerst ansprechenden und allgegenwärtigen Hauch epischer Bombastik, untermauert von einer dramatischen und düster-theatralischen Atmosphäre, dazu eine Menge neo-klassischer Arrangementelemente, die hervorragend mit einer hochvibrantenden apokalyptischen Stimmung ausbalanciert sind.

Die Harmonisierung der Leitmotive kann einen gelegentlich (nicht zwingend) von der Stimmung her an die niederländischen Ayreon erinnern, wie sich das z.B. in den Songs On A Silver Thread, dem äußerst melancholischen Throes of Despair oder/und Absolution nachvollziehen lässt. Ebenso ist der Vergleich mit Ayreon treffend, wenn es um die Keyboard-Ausstattung der Songs geht (Arrangement). Keane hat die Arrangements stellenweise auch mit zusätzlichen Soundloops und Programmierungen unterstützt, wie das in The Signal nachvollziehbar ist, der einen ausgesprochen eingängigen Refrain besitzt. Ein besonderes Highlight des Albums ist der Song Judgement. Die neo-klassischen Arrangementelemente werden in der Mitte von einer längeren Passage mit arabischem Einschub und arabischer Rhythmik (Perkussion) durchbrochen, die einen finalen Zusammenstoß zwischen dem niedergehenden westlichen Imperium und dem verarmten, aber äußerst zornigen Osten ankündigt. YP 138 ist ein besonders apokalyptisch klingendes Instrumental, das mit einer Gitarrenphrase eröffnet, die den Phrasen von Karl Groom (Threshold) verwandt ist, und dessen Entwicklung auch das Element von Bösartigkeit und Verderben gewinnt. Vor allem dank der Integration ausgewählter Motive und des Keyboard-Klangs. Die Keyboards halten sich dabei auch mehrfach an den gedrungeneren Orgelklang, doch sonst überrascht Keane mit dem einfallsreichen Einsatz verschiedenster Klänge und Paletten, mit denen er die Klangbilder der Songs ausstattet. Es versteht sich von selbst, dass Keane und Ramos sich mehrfach in der Schaffung von Harmonien und natürlich im Kreuzfeuer supersonischer Duelle auf der Achse Gitarre – Keyboards begegnen. Über das gesamte Album hinweg.

Die Klanglandschaft des Albums ist meisterhaft ausgenutzt und ausgefüllt. Wie gesagt. Das Album begleitet auf Schritt und Tritt eine düstere und trübe Atmosphäre sowie melancholisches Sehnen. Die Arrangements sind erstklassig auf die musikalischen Passagen abgestimmt, die sofort ins Ohr gehen, und der Gang zwischen dem Komplexen, technisch Anspruchsvollen und dem Musikalischen ist schlicht faszinierend in der Erreichung eines stimmigen Gleichgewichts. Was das Arrangieren betrifft, hat Keane hier die Reifeprüfung mit der höchstmöglichen Note abgelegt.

Das Album hätte nie ein so effektiv packendes Format ohne die fantastische Leistung von Klemen Markelj, der auf diesem Album tatsächlich auf einmal in 61 Minuten gezeigt und vorgeführt hat, was für ein Meister seines Fachs er ist. Mit The Vicious Head Society ist er endlich in die Gesellschaft so geübter und talentierter Musiker gekommen, die ein gleichwertiges Niveau musikalischer Perfektion erreichen, dass seine Schlagzeugtalente im vollen Glanz aufleuchten können. Unglaublich, wie viel gedankliche Flexibilität, Witz und Einfallsreichtum beim Platzieren von Übergangseinlagen sowie faszinierenden Umbrüchen in der Rhythmik selbst und in den rhythmischen Schlüsseln Klemen Markelj auf diesem Album vollbringt. Schwer, einzelne Highlights herauszugreifen, aber vielleicht die repräsentativste Darbietung ausgeprägter Flexibilität und Vielschichtigkeit des Schlagzeugspiels findet sich im mitteltempigen Absolution, wo besonders fasziniert, wie Klemen geschickt den Raum mit einer Reihe verschiedenartiger Einlagen, Ornamente und bildreicher Übergangseskapaden füllt, die nicht nur diesem Song, sondern dem gesamten Album einen besonderen Stempel und Charakter verleihen. Markelj ist neben den klanglichen Abenteuern der Gitarre und der Keyboards einer der Haupt- und Grundpfeiler dieses grenzenlos begeisternden Progressive-Metal-Albums. Sein Beitrag auf diesem Album ist auch ein neuer Triumph für die slowenische Musikszene selbst. Denn es ist bekannt, wie schwer es slowenische Musiker haben, sich auf der internationalen Bühne durchzusetzen. Neben Tiln Hudrap (U.D.O.) ist Klemen Markelj erst der zweite solche einsame Reiter aus Slowenien, dem es gelungen ist, das zu verwirklichen. Markelj ist stets zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Nichts entgeht ihm. Sei es, wenn Fingerspitzengefühl gefragt ist, oder wenn man sich vollblütig entfalten und losschlagen muss. Wir reden von einem sehr anspruchsvollen Album, das von den Musikern ausgeprägte Flexibilität und Breite im Erfassen der Visionarität verlangt, hinter der Graham Keane steht. Für viele, die Markelj noch nicht kennen (ich ziele dabei vor allem auf Hörer aus dem Ausland), wird unser Schlagzeuger auf diesem Album eine ganz besondere Entdeckung sein. Hoffen wir, dass ihm der Beitrag zu »Extinction Level Event« hilft, sich einen Namen zu machen.

»Extinction Level Event« ist eine hervorragende Progressive-Metal-Platte. Das ist ein Werk, bei dem kein Rezensionsessay der objektiven Bewertung der Substanz des Albums gerecht wird. Keane hat mit dem neuen Album die Ausdrucksreichweite des Debüts noch weiter ausgebaut. Der Kern des musikalischen Schaffens des Musikers liegt nämlich darin, dass es ihm schon mit dem Debüt gelang, eine eigenständige musikalische Ausdrucksrichtung zu finden, und dass die energetische Vibration, die Atmosphären, die Arrangements und vor allem die Reichweite des instrumental-vokalen Ausdrucks mit dem neuen Album auf ein neues Qualitätsniveau gesprungen sind. Mit einem ausgeprägten künstlerischen Reifesprung. Das Album ist ein wahres musikalisches Leckerbissen, das stets geschickt die besten artistischen Wendungen der Verbindung progressiv-technischer Komplexität mit musikalischer Definitheit (Kompaktheit) dosiert. Die Musik darauf ist ein gewachsenes Unikat, dem man kaum Vergleiche findet. Es ist ein Werk, das dem Hörer bei jedem Hören immer wieder etwas Neues enthüllen und ihn mit einem neuen Hörerlebnis konfrontieren wird. Als solches wird das Album auch die anspruchsvollsten Musikgourmets vollauf beschäftigen. The Vicious Head Society agieren auf diesem Album beinahe wie eine echte Band – eine Gruppe, und nicht nur das Projekt eines einzelnen Menschen. Ausdrucksreichweite und Format sind außergewöhnlich und durchweg hochbegeisternde Abenteuer, die in Zukunft sicherlich noch eine Menge brillanter musikalischer Eskapaden liefern werden.

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
1. Extinction Level Event
2. Solipsism
3. The Signal
4. Judgement
5. Throes of Despair
6. YP138
7. On a Silver Thread
8. Absolution
9. Hymn of Creation

Besetzung:
Graham Keane – Gitarre, Keyboards, Bassgitarre

Mitwirkende Musiker:
Andy Ennis – Growl-Gesang
Nathan Maxx – Gesang (Klargesang)
Nahuel Ramos – Keyboards (Soli)
Shelley Weiss – Violine auf Track Nr. 4
Pat Byrne – Bassgitarre
Matheus Manente – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 3 und 7
Klemen Markelj – Schlagzeug

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