The Dead Daisies: Radiance

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Label: SPV/Steamhammer Records
Erscheinungsdatum: 30. 9. 2022
Produktion: Ben Groose
Albumlänge: 36.58 Min.
Genre: Hard Rock
Bewertung: 8.5/10


Es ist unglaublich, mit welcher Wucht The Dead Daisies den Planeten mit erstklassigem Hard Rock klassischer Bauart infizieren – verwurzelt in den Errungenschaften der Rockschule der Siebziger, die man heute eigentlich als archaisch bezeichnen würde und die kaum noch jemand am Leben hält außer dem selbstinitiierten Auflegen der bahnbrechenden Rock-Klassiker jener Dekade. Eine vergleichsweise kurzlebige Band also, die allerdings für eine intensive Rotation von Stars der Rock- und Metal-Szene bekannt ist – was den bisher vorgelegten, durchweg exzellenten Studio-Werken bestens zu Gesicht steht.

Einen neuen Wendepunkt erlebte die Band mit dem Einstieg von Glenn Hughes als Sänger und Bassist in Personalunion. Daraus entstand 2021 das Album »Holy Ground« (Rockline Rezension). Ein Werk, das vom ausgeprägten kompositorischen und darstellerischen Beitrag der legendären Stimme und Erscheinung des Rock in all seinen vokalen Facetten geprägt wird. Hughes ist und bleibt ein Unikat. Wo immer er auftaucht, folgt der Abbau des Bestehenden und die Erweiterung von allem, was danach kommt. Diese Phase haben seiner Zeit Trapeze durchgemacht, dann Deep Purple, sogar Black Sabbath – und auch The Dead Daisies können sich dem nicht entziehen. Das großartige »Holy Ground« ist daher eine ganz eigene Geschichte. Anderthalb Jahre nach seiner Veröffentlichung ist bereits der Nachfolger »Radiance« da. The Dead Daisies haben auf diesem zumindest in unveränderter Besetzung durchgehalten. Stimmt das? Nicht ganz. Schlagzeuger Deen Castronovo – der zu Journey zurückgekehrt ist – wurde zwischen den beiden Alben durch Aldrichs fast schon familiären Kumpel ersetzt, seinen einstigen Whitesnake-Gefährten und vielseitigen Schlagzeug-Großmeister Brian Tichy (u. a. auch Billy Idol, Foreigner). Konstante bleibt hingegen der Bandleader, ihr stiller Ältester, Vater, Mutter, Pate und Kommandant: Rhythmusgitarrist David Lowy – der Mann, der The Dead Daisies mit seinen finanziellen Mitteln bei all diesen umtriebigen Aktivitäten am Laufen hält (u. a. hat die Band im Rahmen der diesjährigen europäischen Sommertournee bereits ordentlich zwei neue Singles vorgestellt, wobei sie als Vorband vor Judas Priest aufgetreten sind – u. a. am 12. 7. 2022 auch in Ljubljana).

»Radiance« ist im Vergleich zum Vorgänger »Holy Ground« etwas komprimierter in dem Sinne, dass es mit noch direkterer Rockattitüde anspricht. Die Laufzeit liegt bei knapp unter 37 Minuten, was mehr als gut ist. Das Material, das es darauf geschafft hat, zündet erwiesenermaßen – von Track zu Track, von Minute zu Minute. Von der anfänglichen Stampede in der bombastischen Eröffnungsphrasierung durch das prägende Face Your Fear bis hin zum Ausklang durch das mystische und melancholische Roll On, in dem The Dead Daisies den Mut hatten, einen Schleier aus Synthesizern einzusetzen.  

Im Vergleich zu »Holy Ground« wirkt »Radiance« musikalischer. Das zeigt sich vor allem in den eingängigen und prägenden Refrains, die noch intensiver packen als die ohnehin schon starken Momente des Vorgängers Holy Ground. The Dead Daisies kommen auf die Kernaussage der Songs noch schneller als auf dem Vorläuferalbum. Eigentlich sofort. Dabei entfaltet die Melodiösität der Refrain-Melodien, die ihre packende Anziehungskraft aufrechterhalten, eine umso intensivere Wirkung (Face Your Fear, Born To Fly, Courageous, …). Daher dieser allgemeine Eindruck, wenn man die beiden Alben gegeneinander abwägt.

Aldrichs Soli bewahren den Primat jener außergewöhnlichen Verbindung aus technisch geschliffenem Hochseilakt und der klassischen Schule der wegweisenden Einflüsse von Jimmy Page, Richie Blackmore und Tony Iommi. Das felsige Schichten massiver Gitarrenfrasen, über die mit aller Wucht erneut der einzigartige und unfassbare, über siebzigjährige Glenn Hughes heult, ist auch auf dem neuen Album in vollem Überfluss vorhanden. Das intensive Eröffnungssegment des Albums mit dem Opener Face Your Fear sowie Hypnotize Yourself wird durch den dritten Track des Albums zusätzlich angeheizt: das reichlich bissige und zugespitzte Shine On – einer der schärfsten und aufgewühltesten Tracks von »Radiance«. Glenn Hughes ist in seiner Expression stellenweise so ausgeprägt, kraftvoll, unerschöpflich – sagen wir ruhig: unaufhaltsam –, dass das neue The Dead Daisies-Album in Momenten wie sein Soloalbum wirkt. Solche Momente beschwört zweifellos der Titeltrack des Albums herauf. Tracks wie das rollende, beinahe sabbathartige Riff Aldrichs im Titeltrack oder besonders Cascade nutzt Glenn geschickt, um seine brillanten vokalen Soul-Improvisationen einzuflechten. Ihr seid nicht überrascht, oder? Das Stück Not Human, das vollständig aus der Feder von Glenn Hughes stammt, überrascht durch die ruckartig herausstechenden Wendungen von Hughes‘ Bassspiel. Neben Glenns neuen „vokalen Freuden“ nehmen diese „massiv verdickten“ Wendungen der Basslinien beinahe die gesamte Aufmerksamkeit innerhalb eines Stückes in Beschlag, das einen funkigen Unterton gewinnt. Glenn bewahrt, ungeachtet von allem Erlebten und Durchgestandenen und seiner Jahre, auch auf »Radiance« den Schwung, das Feuer und die Leidenschaft – an der Grenze zum Fanatismus.  

Die neu gefundene Chemie des Quartetts, erfolgreich etabliert auf »Holy Ground«, überträgt sich also siegreich auf »Radiance«. Das Gespann aus Aldrichs Phrasen und der wunderbaren vokalen Expressivität des Einzigartigen – der vokalen Exzellenz Glenn Hughes‘ – ist schlicht eine Traumkombination; das Bombardement und Durchsieben mit Kanonenschlägen seitens Tichys bringt dabei, zusammen mit Glenn Hughes‘ satt-massivem Bassieren, einen intensiven Kontrast innerhalb der Kompositionen und verleiht ihnen Tiefe, Volumen und klangliche Breite.

So einfach funktioniert das alles unter der Regie von The Dead Daisies. Dabei darf man nicht vergessen, dass Musiker vom Schlage eines Hughes, Aldrich und Tichy nur einmal in zehn Jahren geboren werden. Wenn die Sternenkonstellation am Himmel stimmt und es passiert, dass sich solche Musiker zu einem einheitlichen musikalischen Körper zusammenfinden, entsteht eine ganz eigene Magie des energetischen und ideellen Unikats. Das Album »Radiance«, das mit seinem ursprünglichen Hard-Rock-Format eine neue Geschichte makellosen und tadellosen Drechselns, Dröhnens und Donnerns liefert, bei dem einem die Haare frei zu Berge stehen, ist das Werk von Musikern mit außergewöhnlichen Talenten, Erfahrungen und Kilometern auf dem Buckel – angetrieben von elementarer Leidenschaft am Spielen und Erschaffen. Live und im Studio. Ein Manifest wie eine Träne purer rockiger Aufrichtigkeit. Tiefer und höher als das kann man nicht greifen.  

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Face Your Fear
2. Hypnotize Yourself
3. Shine On
4. Radiance
5. Born To Fly
6. Kiss The Sun
7. Courageous
8. Cascade
9. Not Human
10. Roll On

Besetzung:
Glen Hughes – Gesang, Bassgitarre
Doug Aldrich – Gitarre
David Lowy – Gitarre
Brian Tichy – Schlagzeug


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