Teramaze: I Wonder
Label: Wells Music
Erscheinungsdatum: 9. 10. 2020
Produktion: Dean Wells
Länge: 69.11 min
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 8.5/10
Teramaze sind australische moderne Progressiv-Rocker, die ihr erstes Album noch Mitte der Neunziger veröffentlicht haben. Lass mich gleich vorab den Weg zu den wesentlichen Infos über das musikalische Erscheinungsbild der Band abkürzen — das hilft all jenen, die die Gruppe vielleicht noch nicht kennen. Die Jungs gehen den Progressive Metal auf moderne Art an. Das heißt: Im Vordergrund steht musikalische Zugänglichkeit, ohne übertriebene Exzesse technisch-komplexer Muskelei. Erst kommt die Melodie, erst kommt die Atmosphäre. Als grobe Orientierung — auch wenn es zwischen den Genannten erhebliche künstlerische Unterschiede gibt — werden Teramaze eher dem Geschmack derer entsprechen, die dem Sound und Stil von Bands wie The Dear Hunter, Caligula’s Horse oder Voyager folgen, als dem von Dream Theater, mit denen Teramaze kaum oder gar nichts gemein haben, außer der Genrebezeichnung, an die sich zwingend das Adjektiv „modern“ heftet. Dieses Adjektiv ist vor allem generationell bedingt, obwohl Bandchef und Gitarrist Dean Wells, der auf dem neuen Album auch die Leadgesangs-Aufgaben übernommen hat, bereits ein erfahrener alter Hase ist.
Die Band setzt den Kurs fort, ihre Musik bzw. ihren Stil immer weiter in Richtung maximaler Eingängigkeit zu optimieren, und flirtet dabei schamlos auch mit den Tricks der Pop-Rhetorik. Auf dieses Konto gehen auch auf »I Wonder« die weiteren fleißigen Beschneidungen der kantigen Gitarrenphrasierungen, die für die frühere Schaffensphase der Band charakteristisch waren und von denen sich Teramaze mit dem vierten Album »Esoteric Symbolism« (2014) allmählich zu entfernen begannen.
Im Vergleich zum Vorgänger »Are We Soldiers« (2019) hat Wells erkannt, dass die Band, die zu jener Zeit mit dem erneut hinzugestoßenen Sänger Brett Rerekura zum Sextett angewachsen war, auch im klassischen Quartett-Format bestens funktioniert. So schrumpfte die Besetzung von sechs auf vier Musiker, und Wells übernahm vollständig den Leadgesang. Und das vorbildlich. Für einen Musiker, der in erster Linie Gitarrist ist: mehr als vorbildlich.
Die Atmosphäre des Albums ist überwiegend melancholisch, und gleichzeitig schaffen es Teramaze, den Hörer in manchen Momenten geradezu traumhaft zu verzaubern und ihn „zerebral“ von der realen Welt abzuheben. Die Produktion ist exzellent, klingt modern, mit der richtigen Balance der Klangelemente und dem richtigen Verhältnis im Dialog zwischen Gitarren und Keyboards mit überwiegend synthetisierten Klangpastellfarben. Der saubere, melodische Gesangsansatz entwickelt genug Dominanz, um sich damit Glaubwürdigkeit und allgemeine Gefälligkeit zu sichern. Dean ist zwar kein Ausnahmevokalist, den man an einer Hand abzählen kann, aber für die Ausdrucksreichweite des Albums „I Wonder“ liefert er vokal genug Überzeugungskraft, die diesem Album hohe Gefälligkeit und Glaubwürdigkeit garantiert.
Das Album ist etwas zu lang in dem Sinne, dass Teramaze damit den Hörer stellenweise musikalisch leicht überfordern oder ruhigere Passagen zu sehr in die Länge ziehen. Bemerkenswert ist auch, dass das fast neunminütige Deep State Of Awake keine makellose Spannung garantiert, sondern stellenweise zu sehr ausufert — woran auch der kreischende Gastgesang von Jason Wisdom von der amerikanischen Band Death Therapy nichts ändert. Ausgerechnet die Suche nach musikalischer Kompaktheit führt dazu, dass die Band die gesamte inhaltliche Geschichte des neuen Albums deutlich früher erzählt, als es die Gesamtspielzeit vermuten lässt. Dennoch spürt man, dass Teramaze mit der Zeit zu sehr, sehr guten Komponisten und Arrangeuren gereift sind, was natürlich vor allem für Bandchef Dean Wells gilt. Das belegen die packenden Melodien im hervorragenden Opener Ocean Floor oder im folgenden Only Daylight, oder die Entwicklung der Gesangsmelodien im stufenweise aufgewühlten Here To Watch You — was dafür sorgt, dass das Album seine Inspiration beibehält und mit cleverer Eingängigkeit progressive-metal-typische Komplexität mit weicherem melodischen Pop-Element verbindet. Ja. Breakdowns fehlen nicht und sind eine mehr als willkommene Auflockerung einzelner Passagen, aber auf »I Wonder« sind sie konzise balanciert und im Songformat nur als zusätzliches Gewürz platziert. Wells begibt sich auch mehrfach auf Ausflüge zu höherem Atmosphären-Ertrag, wie etwa das abschließende Solo des Openers Ocean Floor, wo er Exzessen der Virtuosität vollständig ausweicht und diese durch sorgfältig platzierte lange, klagende Töne mit starkem Sustain-Effekt ersetzt.
Das Album wirkt aufgrund seiner gelegentlichen, beinahe übertriebenen Musikalität stellenweise vorhersehbar (Sleeping Man, Run), was nicht bedeutet, dass es zufällig in der Arrangements schwächelt. Es spricht in diesen Momenten einfach weniger interessant an, und deshalb ist seine Entwicklung dort berechenbarer. Aber das Album erwacht im abschließenden Teil zu neuem Leben, wenn die famosen Idle Hands/The Devil’s Workshop, This Is Not A Drill und vor allem der abschließende, titelgebende Song des Albums aufeinanderfolgen, der kompositorisch gesehen sogar das gelungenste Werk des Albums ist — die richtige Wahl der Band für dessen Schlussteil. Kompositorisch sind der Eröffnungsteil und der Schlussteil des Albums die reizvollsten Abschnitte. Gerade in diesen Songs hat die Band auf glücklichste Weise die Versöhnung zwischen technischer Komplexität und ruhigem Blick auf Pop-Musikalität erreicht und damit ihre ganze Qualität und nicht zuletzt künstlerische Eigenständigkeit bestätigt, mit der sie einen erneuten Transformationseingriff in ihr musikalisches Visionärtum erfolgreich bestanden hat.
»I Wonder« ist ein sehr gutes Album. Ein reif gelungener und mutiger Schritt, den die Band auf dem Weg ihrer Evolution gesetzt hat. Angesichts der weiteren Transition in Richtung musikalischer Wohlklangs ist zu erwarten, dass die Entwicklung der Band mit »I Wonder« noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Vergleich zum Vorgänger »Are We Soldiers« haben Teramaze mit dem neuen Album nichts eingebüßt. Die erneute Transformation zum Quartett haben sie mühelos überstanden und ein mindestens gleichwertiges Studiowerk abgeliefert. Es handelt sich um ein exzellentes, hochgradig hörbares Progressive-Metal-Produkt, das neben aller musikalischen Zugänglichkeit eine starke und kühne Komplexitätskomponente trägt. Diese garantiert kühne Stimmungswechsel durch das ganze Album und damit anhaltende Hörattraktivität auch für anspruchsvollere Musikgenießer.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Ocean Floor (6:17)
2. Only Daylight (7:32)
3. Lake 401 (3:37)
4. A Deep State Of Awake (8:44)
5. Here To Watch You (6:44)
6. Sleeping Man (5:00)
7. Idle Hands/The Devil’s Workshop (9:16)
8. RUN (5:32)
9. This Is Not A Drill (8:40)
10. I Wonder (7:48)
Besetzung:
Dean Wells – Gesang, Gitarre, Keyboards
Chris Zoupa – Gitarre
Andrew Cameron – Bassgitarre
Nick Ross – Schlagzeug
Gastsänger:
Jason Wisdom (Death Therapy) – Track Nr. 4
