Steve Vai: Inviolate

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Label: Favored Nations / Mascot Label Group
Erscheinungsdatum: 28. 1. 2022
Produktion: Steve Vai
Albumlänge: 46.41 min
Genre: Art Rock/Progressive Metal/Guitar Rock
Bewertung: 9.0/10


Viele Jahre sind vergangen seit jenen Zeiten, als der „kleine Gitarrenlehrling“ Steve Vai seinem großen Mentor Frank Zappa Notenblätter abschrieb und aufzeichnete – wir sprechen hier von einigen der rhythmisch komplexesten Werke des unsterblichen Zappa. Heute ist Vai selbst ein großer Musiker, der definitiv in seiner eigenen Welt lebt, was bedeutet, dass er auf gewisse Weise ein einzigartiges musikalisches Genre geformt und begründet hat, das bei jedem neuen Studioalbum wieder zum Leben erwacht. Da ist das zehnte: »Inviolate« – ein neues Kapitel im musikalischen Opus der charakteristischen VAI-sierung oder VAI-sprache. Wie man’s nennen will. Doch auch die Natur der Kompositionen des neuen Albums hält am dreiährigen „Lehrlingsverhältnis“ bei Frank Zappa fest. Dem kann Vai schlicht nicht entkommen – und sollte es auch nicht. Wir wollen es zumindest nicht.

Auch wenn wir uns bei Steve Vai irgendwie schon daran gewöhnt haben, was uns erwartet, tragen seine Studioarbeiten stets ein Element der Überraschung in sich, eine Art „Schocktherapie“. Schon allein deshalb, weil dieser Mensch den Kern der Musik um eine Meile anders wahrnimmt als der durchschnittliche Erdenbürger. Dieses Vaiische „Verrücktsein“ erklärt vielleicht auch, warum er und Zappa so gut miteinander auskamen. Man weiß nie, was einen erwartet und mit welchem Sack neuer ideenreicher Bildgewalt Vai einen „weghauen“, bezaubern und berauschen kann, wenn er einen in seine ganz eigene musikalische Galaxie entführt.

Mit »Inviolate« kehrt Steve Vai in das Licht zurück, in dem wir ihn am liebsten sehen. Das Album »Modern Primitive« war definitiv eine Art „Bestie“ für sich – mit aktualisierten alten Archivmotiven und Entwürfen, die seit Mitte der Achtziger auf ihre Überarbeitung gewartet hatten, und einer Menge Studiogäste. Es war unter anderem auch ein teilweise vokales Album. Mit »Inviolate« bekommt man nun neun völlig neue Stücke, fast halb so viel Spielzeit, dafür aber ein brillantes, allumfassendes Instrumentalwerk, in dem man stundenlang schwelgen kann. Vai verlangt eine „dicke Haut“, wenn man sich ans Hören seiner Musik wagt. Das ist unbestreitbar. War immer so. Anders geht’s nicht. Darauf muss man vorbereitet sein. Diesmal hat er aber einige außerordentlich eindringliche und prägende Phrasen auf dem Album platziert, die inmitten der Salven und Salven des lebenshungrigen Dancefloor-Charmes seiner „atemlosen“ Improvisationen – dem bekannten Vaischen Gitarrenspaß – die experimentelle und erforschende Seite von Vais musikalischem Artismus hervorragend ausbalancieren.

Jedes Stück wird von einer anderen Gitarre angetrieben – beziehungsweise von einem komplett anderen Gitarren-Gear. Schon allein deshalb sind zwischen den Tracks spürbare charakterliche Unterschiede zu erkennen. Little Pretty ist beispielsweise einer der seltenen Momente, in denen Vai zum halbakustischen Gretsch greift und seine Reihe von Ibanez-Gitarren kurzzeitig aus der Hand legt. Angesichts der Struktur des Stücks und des Ziels, das er erreichen wollte, wird ziemlich klar, warum er diesen Sound wollte. Aber natürlich kann der Mann seiner Affinität zu Kitsch, Glanz oder sagen wir lieber „Vai-Glam“ nicht widerstehen. Vai macht das auf seine Art. Wie wir ihn kennen. Diesmal dreht sich alles um seine neue kosmische Drei-Hals-Gitarre (der untere der drei ist übrigens ein viersträngiger Fretless-Bass). Er hat den Leuten bei Ibanez Japan einfach bestellt, er wolle eine Gitarre, die nicht konventionell ist. Wenn man sich das Albumcover anschaut, wird klar, dass die Japaner bei diesem „bescheidenen“ Wunsch von Vai brutal übertrieben haben. Sie haben eine Hydra erschaffen (Gitarrenmodell: The Hydra). Bis zum letzten kitschigen Detail. Es ist irre, was Vai mit dieser Gitarre im Opener Teeth of the Hydra anstellt (siehe Video) – einem der beeindruckendsten Riffs seiner Karriere. Wie er die Gitarre nutzt, dieses scheinbar extrem „klobige Mehrhalsinstrument“, das unter anderem auch an zwei Verstärker angeschlossen ist.

Im Laufe der Jahre kommt Vai immer näher an die Erkenntnis, dass die organische Natur des Klangs eines der Fundamente ist, die die maximale Annäherung an die Kreation dessen definieren, was im assoziativen Kortex entsteht und was er auf das Aufnahmeband bringen will. Das, was die Ohren im Kopf hören. Die Produktion des neuen Albums ist ausgesprochen warm und lebendig. Auch in Momenten, die an die Zeiten von »Passion And Warfare« erinnern – wie das leichtere, aber äußerst lebhafte Avalancha –, behält das Album eine außerordentlich natürliche Klanglichkeit. Besonders heraus sticht auf dem Album auch der Track Greenish Blues. Es ist einer der seltenen Ausflüge von Vai in die Weiten des Blues, und der Titel trägt (wahrscheinlich) eine Anspielung auf Peter Green in sich. Die „VAI-sierung“ innerhalb dieses Stücks bringt eine Portion für den Blues überflüssiger Töne – aber so muss es eben sein, sonst können wir nicht von einer „VAI-sierung“ des Blues sprechen. Der liebenswert allumfassende „Grimassenschneiderei“ von Vais Blues-Improvisation ist aufgrund ihrer „Schockartigkeit“, der der Hörer nicht entkommen kann, gleichzeitig einer der reizvollsten Momente des gesamten Albums »Inviolate«. Ein besonders amüsanter Moment des Albums ist auch der Track Knappstack, einer der ersten, mit dem Vai das neue Album ankündigte. Er bezieht sich auf die Zeit, als er den rechten Arm (Schulterveletzung) in einer Schiene trug und sich in den guten Händen von Dr. Knapp befand. Dieses Jazz-Rock-Fusion-Stück ist vollständig mit der linken Hand eingespielt. Na ja, fast. Der Abschlussklang ist Vais Schlag mit dem verbundenen rechten Arm auf die Gitarre – die einzige Handlung im Stück, die nicht mit der linken Hand ausgeführt wird.

In dieser äußerst ansprechenden und aufregenden neuen Studioerzählung stechen innerhalb der weiten Improvisationslandschaften Momente stärkerer Konzentration auf Jazz-Rock-Fusion-Elemente hervor, wie im bereits erwähnten Little Pretty. Das kürzere Candle Power hingegen, vollständig im „Clean Sound“ gespielt, sorgt mit raffinierten Übergängen in motivische Strukturen für eine herrliche Entlastung. Apollo In Center wie auch Zeuss In Chains setzen das tiefere Eintauchen in die Weiten der Jazz-Rock-Fusion fort und erreichen in beiden Stücken einen der Höhepunkte von Vais neuer Platte.

Die Kompositionen verändern ihren Charakter bei jedem Schritt – so viele Wandel der Klanglandschaften restauriert Vais unerschöpfliches Genie. Das Album ist buchstäblich damit übersät. In diesem üppigen klanglichen Reichtum und den ungezügelten „Streichen“ des improvisatorischen Unikats lässt es dem Hörer nicht einen Augenblick Zeit zum Durchatmen. Genau das ist eine der größten Stärken von Vais Musik überhaupt – und es verleiht auch den neuen Kompositionen jenes wohlbekannte Element der Luzidität, das Vais musikalisches Opus begleitet.

»Inviolate« ist in jeder Hinsicht ein ungezügeltes musikalisches Meisterwerk. Ein neues Kapitel von Vais experimentell wunderbarer „Verrücktheit“. Es strahlt außerordentliche Reife aus. Die Exzesse der „Verrücktheit“, die Vais früheres musikalisches Schaffen begleiteten, sind diesmal brillant mit musikalischen Motiven ausbalanciert, und das Album ist auch produktionstechnisch außerordentlich lebendig, organisch und warm – Vai wirkt damit auf gewisse Weise „geerdet“, verglichen mit früheren Studioarbeiten. Wie auch immer: Steve Vai bleibt mit »Inviolate« weiterhin ein musikalischer Seiltänzer im hochintelligenten Theater des musikalischen Ausdrucks, der in seiner einzigartigen Welt lebt. Unter den Gitarristen, die regelmäßig Soloalben veröffentlichen, ist er schlicht der Mann, dem man kaum ein größeres Unikat zuschreiben könnte. Einfach gesagt – ein brillantes Album.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Teeth Of The Hydra
2. Zeus In Chains
3. Little Pretty
4. Candle Power
5. Apollo In Color
6. Avalancha
7. Greenish Blues
8. Knappsack
9. Sandman Cloud Mist

Musiker:
Steve Vai – Gitarre, Keyboards, Programmierung, Bassgitarre auf den Tracks Nr. 1., 2. und 4.

Philip Bynoe – Bassgitarre auf Track Nr. 7. und 9.
Bryan Beller – Bassgitarre auf Track Nr. 3.
Henrik Linder – Bassgitarre auf Track Nr. 5.
Billy Sheehan – Bassgitarre auf Track Nr. 6.
Terry Bozzio – Schlagzeug auf Track Nr. 4.
Vinnie Colaiuta – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 5. und 9.
Jeremy Colsson – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 2., 3., 6. und 7.
David Rosenthal – Keyboards auf Track Nr. 5
Bob Carpenter – Orgel auf Track Nr. 7. und 9.
Dave Weiner – Rhythmusgitarre auf Track Nr. 9.


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