Steve Hackett auf magischem Paduaner Abenteuer, auf dem er dem mystischen Wal-Lamm vom Broadway begegnet (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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Steve Hackett
Samstag, 2. 11. 2024 von 21.15 Uhr bis 24.00 Uhr
Padua / Gran Teatro Geox / Italien


Steve Hackett gilt heute als einer der bedeutendsten Gitarristen auf dem Gebiet der Popularisierung des Elektrogitarrenspiels. Allein schon die Einführung dieses Instruments in die Entwicklungsachsen des Rock ’n‘ Roll! An der Wende von den Sechzigern zu den Siebzigern. Dieser unglaublich kreative Musiker war nämlich genau dann dabei, als es ‚geknallt‘ hat. Im evolutionären Sinne des Rock ’n‘ Roll! Nach diesem Knall entstanden nämlich plötzlich Bands wie: Yes, King Crimson, E.L.P., Gentle Giant, Camel, Jethro Tull, Van Der Graaf Generator und? Genesis natürlich. Im Vergleich zu den Genannten (neben Crimson und Yes) bei weitem die wichtigsten bei der Popularisierung des Genres namens Progressive Rock.

Und unser Steve? Ein unglaublich kerniger und jugendlicher 75-Jähriger, ohne den man sich das Bild der Genesis-Alben aus der klassischen Ära – also alles, was Genesis von „Nursery Crime“ (1971) bis „Wind & Wuthering“ (1976) geschaffen hat – schlicht nicht vorstellen kann. Er bewahrt auch im Jahr 2024 all seine Vitalität und Stärke, die eine Konstante geblieben ist, seit jenem schicksalhaften Tag, an dem er die wegweisende Entscheidung traf, Genesis zu verlassen und eine Solokarriere einzuschlagen. Steve hat auf diesem Soloweg eine Reihe phänomenaler Alben veröffentlicht, auf denen er sich künstlerisch in allen erdenklichen Genres ausprobiert und diese miteinander verschmolzen hat. Mit dem Genius eines eigenwüchsigen Artismus. Einzigartig! Dabei blieb er stets seiner ausgesprochen eigenwilligen Gitarrentechnik treu, von der Gitarristen von Eddie Van Halen über Brian May, Alex Lifeson bis hin zu Steve Rothery zugeben, dass Hacketts Spielansatz sie auf nachhaltig inspirierende Weise beeinflusst hat. Ein kerniger Hauch von Neoklassizismus auf der einen Seite, auf der anderen eine stete Neigung zur experimentellen Haltung, die im Artismus unablässig das Unerprobte erprobt – das alles hat auch in diesem Jahr einen hervorragenden neuen Studioalbum »The Circus And The Nightwhale« hervorgebracht (RockLine Rezension), das sich schlichtweg mehr als eine Bühneninterpretation verdient!

Würde Slowenien nicht an Italien grenzen und wären die Italiener als Nation nicht so allgemein dem Erbe des Progressive Rock zugetan, könnten wir von unseren Besuchen bei Steve Hacketts Konzerten nur träumen! So ist er aber dank seiner außerordentlichen Beliebtheit auf dem Boden unseres westlichen Nachbarlandes so gut wie jedes Jahr auch in Italien präsent, wo er eine kürzere Tournee mit einem ausgewählten Terminpaket absolviert – mit mindestens einem Konzert, das entweder auf Friaul-Julisch Venetien, das Veneto oder die Region Padua gravitiert. Also Schauplätze, die für einen Tagesausflug mit dem Auto aus Slowenien bestens geeignet sind.

Und so kam es, dass Steve Hackett erneut einen vertrauten Spielort mit ausgezeichneter Akustik besuchte – das Gran Teatro Geox in Padua, wo wir ihn bereits im September 2015 und im November vor zwei Jahren erwischt haben!  Wie in den letzten Jahren üblich, stellt Steve stets eine Setlist mit einem Repertoire zusammen, das er in zwei Konzertteilen mit Pause dazwischen spielt. Im ersten Teil spielt er Stücke aus seiner Solokarriere, im zweiten strikt Genesis-Stücke. Bei den vergangenen zwei Tourneen hatte er die Genesis-Alben »Selling England By The Pound« und »Foxtrot« gründlich bearbeitet, und es war an der Zeit, sich auf ähnliche Weise dem monumentalen Werk von Genesis zuzuwenden – dem außergewöhnlichen »The Lamb Lies Down On Broadway«, das 1975 erschien. Da das Album ursprünglich ein Doppelalbum ist, die Spielzeit von Hacketts Konzerten aber zwei Stunden und dreißig Minuten nicht überschreitet (einschließlich Zugabe), musste er diesmal aus dem eben genannten Album, dem er die neue Tournee widmete, bei seiner Live-Interpretation nur die Highlights auswählen!

Das Gran Teatro Geox war so gut wie wieder ausverkauft! Im Laufe der Jahre hat sich dieser Spielort den Ruf einer Art Progressive-Rock-Kathedrale erworben, was eine durchaus berechtigte Bezeichnung ist, da wir hier u.a. Künstler wie Alan Parsons Project, Yes, Chicago, Marillion erlebt haben. Kurzum. Musik, gesandt von den Engeln des Himmels. Und wenn du ihr begegnest, ist alles, was du tun musst, dich gemütlich in deinen Stuhl zu lehnen, die Augen zu schließen und die Meisterwerke zu genießen! Und bei Hackett und seinen Konzerten ist es immer so. Anders kann es nicht sein, und anders wird es auch nie sein.

Es ist Viertel nach neun abends, und mit sprichwörtlicher Pünktlichkeit hüllt sich der Saal in Dunkelheit. Als die Leute die Bewegungen vertrauter Silhouetten auf der Bühne wahrnahmen, brach Begeisterung aus. Einhellig und lautstark begrüßten sie Hackett und seine Crew. Das Sextett nimmt seine Positionen ein – eigentlich ein Quintett – Sänger Nad Sylvan trat etwas später auf die Bühne. Da ist er. Der erste Song! People of the Smoke und die Vorstellung des aktuellen Soloalbums »The Circus And The Nightwhale«, bei dem Steve den Gesang übernahm. Stürmische Begeisterung in der ausgewählten, gut dreitausend Köpfe zählenden Menge! Zu Hacketts Linken Jonas Rheingold mit seinem roten Rickenbacker, dahinter der phänomenale und überall gesuchte Schlagzeuger Craig Blundell (u.a. Frost*, Steven Wilson), zu Hacketts Rechten die besonders treuen Weggefährten, Keyboarder Roger King und Rob Townsend, der für alle möglichen Bläser, zusätzliche Keyboards und Perkussion sorgt. Eine Formation also, die seit vielen Jahren unverändert bleibt. Deshalb auch unglaublich eingespielt und geölt. Der Sound von der ersten gespielten Note bis zur letzten – die irgendwo um Mitternacht erklang – makellos. Die Darbietung nicht weniger. Ohne Patzer. Na ja, zumindest in den Augen und Ohren des Laien, der diese bescheidenen Zeilen schreibt.

Die Band hielt zunächst am neuesten Album fest. Auch bei Circo Inferno behielt Hackett den Hauptgesang (Sylvan unterstützte ihn mit Hintergrundgesang), dann aber trat beim dritten Stück – dem rein instrumentalen These Passing Clouds – Hacketts Gitarrenspiel erstmals vollständig in den Vordergrund, begleitet von Rob Townsends verspieltem Sopransaxophon. Hackett behielt in seinem Repertoire Stücke, die er bereits auf der vorigen Tournee gespielt hatte, wobei der erste Teil durchgehend in der Atmosphäre wuchs. Hin zu einem atmosphärischen Höhepunkt, den die fantastische, ultra-düstere „Voyage Of The Acolyte“ (1975)-Klassik Shadow Of The Hierophant brachte, bei der sich der außergewöhnliche Craig Blundell mit endlosen Schlagzeugrasern auf den Toms so richtig austoben konnte! Ihre eigene Geschichte hat stets die Spectral Mornings-Klassik Every Day, mit phänomenalem Gitarrensolo und Motiven in der zweiten Hälfte des Stücks. Schlicht – ein Kapitel für sich bei Hacketts Konzerten. A Tower Struck Down, ein weiterer dramatischer Moment des Albums „Voyage of the Acolyte“, bei dem Townsend die Motive mit Flöteneinlagen und Saxophon unterstützte, dann Camino Royale (Album »Highly Strung«, 1983), das eine ganz besondere Delikatesse und Abweichung darstellte – denn die Crew hatte es bei der Rückkehr ins Konzertrepertoire vor zwei Jahren gegenüber dem Original stark verändert und ins Gran Teatro Geox eine echte Jazz-Rock-Fusion-‚Verwüstung‘ gebracht. Zwischen diesen beiden genannten Nummern gehörten gut zwei Minuten Jonas und seinem Bassgitarren-Solo, wobei er nicht vergaß, das Publikum mit der Integration von Motiven aus der Genesis-Klassik Horizons und Hendrix‘ Voodoo Chile aufzuwärmen. Eine Stunde verging im Handumdrehen durch die riesigen Bögen der theatralischen Shadow Of The Hierophant, die in der Atmosphäre erneut Runde für Runde graduell anwuchs, bis zum gewaltigen Finale!

Fünfzehn Minuten Pause! Im Vergleich zu dem, was folgte, wirkte der erste Konzertteil wie ein wohlwollendes, sagen wir nützliches Aufwärmen. Ein kleiner Turnübungskreis! Die nächste – gut eine Stunde – gehörte den Highlights des Albums »The Lamb Lies Down On Broadway«, und das wahre Fest für alle Liebhaber des klassischen Genesis-Werks begann. In den Mittelpunkt trat nun Nad Sylvan, der sich beim Konzert nicht umzog, wie es für jenes ehemalige Bandmitglied – den ‚Puertoricaner namens Rael‘ (Peter Gabriel) – üblich war, überraschte aber mit einem Outfit, mit dem er problemlos die Frontman-Rolle einer klassischen britischen Heavy-Metal-Band der frühen Achtziger hätte übernehmen können. Nad Sylvan beeindruckte erneut mit einer unglaublichen Gesangsdarbietung. Erneut reichte er damit genau dorthin, wo Gabriel und Collins hinreichen konnten. Mit Klangfarbe und Ansatz trifft er nämlich genau zwischen die beiden. Diesmal konzentrierte er sich natürlich voll auf Gabriel und setzte den Klassikern bei ihrer makellosen Darbietung, eine nach der anderen, das gewisse Tüpfelchen auf das i. Der Begeisterung war kein Ende gesetzt.

Die Crew war in Bestform. Steve Hackett selbst, der eigentlich eher als statische Figur gilt, trat diesmal mehrfach bald zu Rheingold, bald zu Townsend. Er hatte wieder alle Hände voll zu tun. Der Boden übersät mit Pedalen und all diese unglaubliche Kontrolle von ihm – auch mithilfe des Tremolos. Die Formung von Tönen, die esoterisch nachhallten und die Hackett mit feinsinniger Feinmechanik gestaltete und mit Klangeffekten versah, die die Ausdrucksweite seines Spiels intensivierten, magnificierten, … Gelegentlich auch theatralisches Tapping – gerade in dieser Hinsicht gilt Hackett als Pionier. Den Körper des Instruments beherrscht Hackett auf den Punkt, und der Art, wie Steve ans Spiel selbst herangeht, kommt niemand nahe. Er ist ein absolutes, eigenwüchsiges Unikat, obendrein klassisch geschult! Zwei Fliegen mit einer Klappe. Und als solches ein unverzichtbares Element all dessen, was in den Siebzigern unter dem Namen Genesis entstanden ist. Neben Carpet Crwalers und dem Titelstück hörten wir auch Broadway Melody of 1974 und Fly On A Windshield (zuletzt gespielt auf der Tournee 2014), dann Hairless Heart (zuletzt gespielt auf der Tournee 2015), ferner The Chamber of 32 Doors, Lilywhite Lilith, The Lamia und It! Stücke, an die Hackett in seiner Solokarriere nur selten heranging, wenn überhaupt. Unschätzbar. Heute kommst du den klassischen Genesis nur so nah, wenn du zu Hacketts Konzert gehst. Wenn du die Augen schließt, fühlt sich alles tatsächlich so an, als würden die echten Genesis auf der Bühne spielen.

Steve hat mit seinen Musikern das Publikum buchstäblich hypnotisiert. Nach dem Höhepunkt mit dem wunderschönen It fragte er das Publikum: »Ihr kennt doch das ‚Selling England‘-Album?« Das Publikum erwachte aus der Trance mit lautstarken Reaktionen, und die Band fuhr mit Dancing With the Moonlit Knight fort. Die geniale Klassik ließ erahnen, dass das Ende nahe sein könnte! Na ja, darauf folgte noch die komplette Darbietung einer weiteren Klassik jenes Albums – die romantische The Cinema Show (in gewisser Weise eine durchaus logische Wahl, da sich im Schlussteil das einleitende Dancing With The Moonlit Knight-Motiv wiederholt). Das großartige Finale dieser Progressive-Rock-Messe, bei der man schlichtweg nicht fehlen durfte! Während The Cinema Show griff Rheingold zu einer Doppelhalsgitarre und setzte sich auf das Podest von Craigs Schlagzeug. Der obere Hals ist für das Spielen einer zwölfsaitigen Gitarre eingerichtet, der untere für das Spielen der Bassgitarre. So wie es einst Rutherford tat. Die Band verblüffte erneut mit erstklassiger Kalibrierung. Der Sound so klar, dass du eine Nadel auf die Bühne fallen hören würdest, Sylvan ‚Gabrielartig‘ brillant und wieder all dieses Hackett’sche Gitarrengenie der feinsinnigen Handfertigkeit, …. Ahhhh. Bis zum ultimativen Höhepunkt mit Aisle Of Plenty!

Die Ovationen wollen nicht nachlassen. Hackett musste mit seiner Crew ein Weilchen warten, bis sich das temperamentvolle und bewegte Publikum beruhigt hatte. Erst dann wandte er sich ans Publikum und bedankte sich für die gesamte Unterstützung. Die Zugabe eröffnete die Band mit einer weiteren ‚Selling England‘-Klassik – Firth Of Fifth, und die Magie mit einem der schönsten Banks-Motive ist wieder da! Noch ein Stück, das zu schnell vorübergeht, vor allem jenes Finale mit Hacketts esoterischen Linien mit dem Motiv, bei dem du nicht willst, dass es im letzten Ton in Dur ankommt, weil du weißt, dass dann das Stück vorbei ist! Und auf der Bühne bleibt Blundell! Mit einem hervorragenden Schlagzeugsolo (dieses Solo war bei früheren Konzerten normalerweise eingebettet, wenn die Band von Dance On A Volcano in Los Endos überging), bei dem es keinen Grund zum Gähnen gab. Nach einigen Minuten gesellte sich ihm von rechts (auf die Bühne gesehen) als erster Rheingold dazu, etwas später die übrigen. Der Einstieg in Hacketts »Defector«-Klassik Slogans, bei der die Band so richtig ‚lostobte‘ und sich ausließ und einmal mehr ihre unglaublich gute Tagesform bewies. Hackett trat sogar ganz an den Bühnenrand und feuerte das Publikum mit Armgesten zusätzlich an. Das hatte den Raum zwischen der ersten Stuhlreihe und der Bühne vollständig gefüllt – was dort so üblich ist. Spätestens in der Zugabe passiert es, dass das Publikum im Gran Teatro Geox nach vorne strömt, wo es im finalen Teil der Konzerte ausrastet. Die Band entflammte erwartungsgemäß weiter und wechselte zur Genesis-Klassik Los Endos, mit der sie ihre Konzertfreuden so gerne beschließt – Konzertfreuden, die diesmal in Padua ohnegleichen waren. Eine halbstündige Zugabe!

Eine umwerfende und einzigartige Erfahrung! Sie bleibt. Das Fazit ist immer dasselbe. Unbeschreiblich. Jedes Hackett-Konzert vergeht zu schnell. Zweieinhalb Stunden mit einer absoluten Ikone des Progressive Rock. Eine Musiklegende, die die Grundlagen moderner Manieren beziehungsweise der Spieltechnik der Elektrogitarre legte – und ein unglaublicher Komponist und Songwriter. Ein Mann, der selbst in der reifen Ära seiner Kreativität nicht aufhört zu begeistern – nicht nur mit Konzertauftritten, sondern auch mit der Tatsache, dass er ständig für frische Eigenkomposition sorgt, die den Weg auf neue Studioalben findet! In einer Form, die unerschöpflich bleibt. In Begleitung außergewöhnlicher Musiker, die es ihm ermöglichen, dass die Genesis-Klassiker live so perfekt klingen, als würde er sie mit Genesis selbst spielen. Im April und Mai 2025 zieht der Mann in den zentralen und nördlichen Teil des alten europäischen Kontinents – danach hoffen wir, dass es ihn im Sommer wieder in unsere Nähe verschlägt!

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Setlist:
Set 1:
1. People of the Smoke
2. Circo Inferno
3. These Passing Clouds
4. The Devil’s Cathedral
5. Every Day
6. A Tower Struck Down
7. Basic Instincts
8. Camino Royale
9. Shadow of the Hierophant
—15 min. Pause—
Set 2:
10. The Lamb Lies Down on Broadway
11. Fly on a Windshield
12. Broadway Melody of 1974
13. Hairless Heart
14. The Carpet Crawlers
15. The Chamber of 32 Doors
16. Lilywhite Lilith
17. The Lamia
18. it
19. Dancing With the Moonlit Knight
20. The Cinema Show
21. Aisle of Plenty
—Zugabe—
22. Firth of Fifth
23. Drum solo
24. Los Endos / Slogans / Los Endos


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