Steve Hackett beim Foxtrot zum Fünfzigsten! (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
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Veranstaltungsort: Padua / Gran Teatro Geox / Italien
Datum: Freitag, 18. 11. 2022


Steve Hackett gilt heute sehr wahrscheinlich als der letzte seiner Art. Der ehemalige Genesis-Gitarrist hat mit seiner Sicht auf das Gitarrenspiel und einer ungeahnten Innovationskraft eine der markantesten künstlerischen Spuren in der Definition des Progressive-Rock-Genres hinterlassen. Er gilt als einer der scharfsinnigsten und kreativsten Musikerkünstler jener Generation, die den Progressive Rock vor mehr als fünfzig Jahren auf die Beine gestellt hat. Er ist nämlich der Einzige, der unter seinen Generationsgenossen durchgehend aktiv auf Tour ist, Alben aufnimmt und frisches Eigenmaterial erschafft. Ununterbrochen. Seit seinen Anfängen im Jahr 1968 bis heute, wo er sich langsam dem 73. Lebensjahr nähert. Allein im vergangenen Jahr hat er zwei Alben veröffentlicht. Das erste war „Under A Mediterranean Sky“ (Rockline Rezension), ein rein instrumentales, orchestral-akustisches Werk, das zweite ein reguläres Studioalbum: „Surrender Of Silence“ (Rockline Rezension). Nebenher ist er ständig auf Tour. In diesem Sommer haben wir ihn im italienischen Udine abgepasst. Dort spielte er das komplette „Seconds Out“ live (zum 45. Jahrestag dieses kultigen Genesis-Livealbums), bevor er im Spätherbst dieses Jahres erneut auf die Bühnen des alten europäischen Kontinents zurückkehrte — mit einer Konzertserie, bei der er die Feier zum 50. Jahrestag des Genesis-Albums „Foxtrot“ mit den Highlights seiner langen, kreativ üppigen und vielschichtigen Musikkarriere verband.

Einer der wesentlichen Faktoren, die Hackett aufrecht halten, ist — neben vollständiger kreativer Freiheit und einem schwer fassbaren musikalischen Visionärtum — seine klassische Ausbildung, die er so geschickt durch verschiedene Musikgenres zu einem eigenartigen und einzigartigen musikalischen Konglomerat verwebt. Allem steht der unverkennbare, auf Anhieb wiedererkennbare Charakter seines Spiels vor — mit dem Glanz eines Pioniers. Hackett hat Standards im Tapping und Sweep Picking gesetzt und gilt u. a. für Brian May, Alex Lifeson und natürlich denjenigen als großes Vorbild, der den Show-Exzess mit einer Flut von Melodien in der Popularisierung des Gitarrenheldentums durch die Achtziger auf die Spitze trieb — den verstorbenen Eddie Van Halen. Bei all dem Gesagten käme einem an Generationsgenossen vielleicht noch ein Robert Fripp gleich, der jedoch seit über zwanzig Jahren kein neues King Crimson-Material mehr aufnehmen will. Die anderen haben aufgehört. Entweder wegen jahrelanger kreativer Impotenz (Peter Gabriel, Phil Collins, Steve Howe, …) oder wegen nachlassender gesundheitlicher Konstitution. Niemand macht ihnen einen Vorwurf daraus. Hackett aber ist die Ausnahme. Neben seinem außergewöhnlichen Studioelan ist seine Bühnenpräsenz und Agilität für einen 72-Jährigen nach wie vor schlicht verblüffend.

Meister Hackett ist in den Paduaner Veranstaltungsort Gran Teatro Geox, wo wir ihn einst, genauer gesagt am 25. 9. 2015, bereits bewundern durften, erneut mit seiner bestens eingespielten Truppe angereist. Diese besteht aus dem herausragenden Musikalent schwedisch-amerikanischer Herkunft Nad Sylvan — einem Sänger, der als ideale Schnittmenge von Collins und Gabriel gilt — sowie den langjährigen Weggefährten Rob Townsend, dem Multibläser, und Keyboarder Roger King, ergänzt durch die beiden jüngeren, vor vier Jahren integrierten Mitglieder: Bassist Jonas Reingold (Kaipa, The Flower Kings, Karmakanic) und Schlagzeuger Craig Blundell (Pendragon, Steven Wilson, Lonely Robot).

Der Veranstaltungsort war restlos ausverkauft. Hier und da stand mal ein Stuhl leer, ansonsten füllten rund 2.500 Köpfe an „aufgeheizten“ italienischen Progressive-Rock-Fans den Saal — so weit das Auge reichte. Hackett kam diesmal mit seiner Truppe etwas zu spät. Er betrat die Bühne um halb zehn abends (Beginn war für 21:15 Uhr angekündigt). Im ersten Teil spielte die Band Klassiker aus Hacketts Solokarriere. Der kraftvolle Einstieg mit Ace Of Wands, einer Klassik vom Album „Voyage of the Acolyte“ (1975), mit der Meister Hackett Konzerte in seiner Karriere stets gern eröffnet hat, riss das Publikum sofort mit. Dem Album „Surrender Of Silence“ widmete er mit The Devil’s Cathedral lediglich einen Song. Auf die Versuchung des Teufels folgte die „Geburt der Morgenröte“ in einer weiteren Klassik — Spectral Mornings, bei der Reingold eine kombinierte Zwölfsaiter-Gitarre und Bassgitarre in die Hand nahm. Das Publikum beteiligte sich besonders lebhaft bei Every Day, das im zweiten Teil von einem phänomenalen mystischen Instrumental abgelöst wird — mit einem der markantesten und wiedererkennbarsten Solos in Hacketts gesamter Karriere. Danach zwei Überraschungen: eine weitere „Voyage of the Acolyte“-Klassik, A Tower Struck Down, und eine insgesamt interessante Auswahl — Camino Royale vom Album „Highly Strung“ (1983), das unter Kennern und Hackett-Fans keinen besonders hohen Stellenwert genießt.

Die Band lieferte Spitzeneinspieltheit ab. Es ist ein Genuss, die Ruhe der Mitglieder bei der Ausführung komplex angelegter Stücke zu beobachten. Meister Hackett entgeht nichts. Kein Fitzelchen — und seine Crew schlägt bei der Realisierung der eigenen Kompositionen unglaubliche Brücken zwischen klassischer Anlage und ausgeprägten Genre-Abweichungen, bis hin zu einem deutlichen Flirt mit Elementen des Jazz. Die Band schloss den ersten Teil mit Shadow Of The Hierophant — allerdings ohne die (gelegentliche Gastsängerin und Gitarristin) Amanda Lehmann, die die Gruppe im Sommer dieses Jahres auf den Bühnen begleitet hatte, was eine absolut instrumentale Ausführung bedeutete. Dunkel und mystisch, wie immer. Mit motivischen Repetitionen, die von Runde zu Runde immer intensiver gespielt wurden. Bis zu einem fantastischen Crescendo, bei dem sich alle Haare am Körper aufstellen. Eine Versuchung ohnegleichen. Wenn jemand weiß, wie man Mystik in Musik beschwört, dann sind es britische Musiker an der Spitze mit Hacketts Generation.

Der erste Teil war im Nu vorbei. Hackett kündigte eine 15-minütige Pause an. Der zweite Teil des Auftritts brachte das, wofür die Mehrheit an diesem Abend in den Gran Teatro Geox gekommen war. Mitte des Sommers 2019 hatte Hackett mit seiner Truppe auf einer Europatournee das komplette „Selling England By The Pound“ (1973) gespielt — eines dieser Konzerte haben wir Mitte Juli 2019 in Pordenone erwischt —, und nun war es Zeit für die Konzertaufführung eines weiteren großen Klassikers aus den Pioniersjahren des Progressive Rock: das vierte Genesis-Album „Foxtrot“ (1972).

Der Saal verdunkelt sich. Stille. Plötzlich flutet ein riesiger Mellotron-Klang den gesamten Saal. Genauer gesagt: er überschwemmt ihn. Watcher of the Skies. Essenziell. Unverzichtbar. Einzigartig. Hackett ist mit seiner Konzerttätigkeit in den letzten Jahren der einzige Musiker, der die klassischen Tage der ruhmreichen Vergangenheit von Genesis seinem Publikum so nah bringen kann — zum Greifen nah. Auf Fingerbreite. Auf Millimeter. Dabei ist es faszinierend, dass Genesis das Album „Foxtrot“ etwa schrieben, als die Jungs gerade mal 22 Jahre jung waren. Und damit ein riesiges Stück Rockgeschichte. Für die heutige Zeit ist das schlicht unvorstellbar. Erst recht, wenn man obendrein noch den kosmischen Epos Supper’s Ready betrachtet.

Hackett und seine Crew sind unfehlbar. An das Genesis-Material gehen sie im Grunde sehr elementar heran. So wie Genesis es 1972 taten. Reingold verdoppelt Hackett mehrfach mit der Akustikgitarre, so wie Rutherford das seinerzeit tat. In diesen Teilen verwendet die Gruppe keine Bassgitarre. Nad Sylvan hat wieder das gewisse Tüpfelchen auf dem i gesetzt, ohne das das Ganze keine richtige Ausdruckstiefe und letztlich keinen richtigen Sinn hätte. Mehrfach erschien er auf der Bühne wie ein Geist, rechts von Hackett oder auf dem Podest hinter ihm. Sylvan ist zweifellos auch wichtig durch die Prise Glam-Theater, die er in all dieser grenzenlosen klanglichen und kreativen musikalischen Bildgewalt einbringt. Mit seiner vokalen Ausstrahlung, die in der Farbe Elemente des Gesangs von Collins und Gabriel vereint, sind die Genesis-Songs makellos zum Leben erwacht. Hackett hat seine Konzertrepertoires mit Genesis-Musik tatsächlich erst ab etwa 2013 intensiviert, als Sylvan zur Crew stieß. So wichtig ist es, einen Sänger zu haben, der Gabriel oder Collins nahekommt. Im Fall von Sylvan können wir sogar von einer Kombination beider sprechen, was generell eine außergewöhnliche Seltenheit ist.

Wie immer sind zahlreiche Motive sorgfältig harmonisiert, und die Gruppe schafft so ein außergewöhnlich verdichtetes Klangbild bei ihren Auftritten. Hacketts Gitarre ist sowieso auf Anhieb unverkennbar; dazu kommt Rob Townsend mit allen erdenklichen Blasinstrumenten, der diesmal besonders auf das Flötenspiel fokussiert war — was im Original Gabriels Part ist. Einige Teile der Originale sind nach Belieben verlängert. In sie sind Jazz-Feinheiten integriert, vor allem aber erreicht die Neuinterpretation des Klassikers „Foxtrot“ ihren erwarteten Höhepunkt beim symphonischen Epos Supper’s Ready, das in den Händen von Hackett und Crew konkret verlängert wird — vor allem im Ausgang, wo Hackett ein wild aufgedrehtes Solo entfacht und die Ereignisse bis zum absoluten Gipfelpunkt treibt, wobei der Epos um weitere drei Minuten anwächst.

Das Konzert von Steve Hackett bleibt mit gut zwei vollen Stunden absolute Hypnose. Auch im Jahr 2022. Nichts mehr, nichts weniger. Pflichtprogramm für Fans seiner Person und seines Werks sowie für Liebhaber des klassischen Genesis-Sounds. Das Musikmaterial des klassischen Genesis wird das Konzertrepertoire so schnell nicht verlassen, denn die Integration der Genesis-Klassiker beschert Hackett schlicht volle Säle. Er ist sich aber bewusst, dass das ohne Sylvan sehr wahrscheinlich nicht möglich wäre. Oder die ganze Sache nicht so verdammt nah am Original funktionieren würde, wie sie es mit Sylvan in der Besetzung tut — was wiederum Hacketts Perfektionismus nicht befriedigen würde.

Als die zwei satten Konzertstunden um waren, belohnte das italienische Publikum seinen Helden und seine Crew erneut mit donnernden Ovationen, die einfach nicht enden wollten. Hackett ist in Italien zu Hause, und sehr wahrscheinlich würde auch der Musiker selbst ohne Weiteres bestätigen, dass es zu seinen liebsten Auftrittszielen gehört. Und hier spielt er regelmäßig. Hoffen wir, dass das so bleibt, denn der Mann macht keine Pause. Auf der Bühne zeigte er einmal mehr alles (und mehr), wofür er bekannt ist — und ist dabei noch immer sehr vital, funkelnd, unterhaltsam und vermittelt im Kontakt mit dem Publikum jenes bei Musikern (seines Kalibers) selten anzutreffende Gefühl tiefer Dankbarkeit, Erfüllung und auf irgendeine Weise großer Bescheidenheit. Hackett bleibt ein Genie seiner Art. Ein unerschöpflicher musikalischer Schöpfer, Innovator und Pionier, der regelmäßig für exzellente Bühnenauftritte sorgt. Falls du Hackett live noch nicht erlebt hast, wäre es eine ziemliche Sünde, dir nicht auch den Besuch eines seiner Konzerte zu gönnen. Hackett tritt nämlich auf jeder Tournee noch immer regelmäßig auf — und das verhältnismäßig nah an der westlichen slowenischen Grenze zu Italien. Auch wenn die Zeit in der großen Sanduhr immer weniger wird, bleibt es noch immer eine außergewöhnliche Chance, deine Konzerterfahrungen zu vervollständigen und zu bereichern.

Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Ace of Wands
2. The Devil’s Cathedral
3. Spectral Mornings
4. Every Day
5. A Tower Struck Down
6. Solo bas kitara
7. Camino Royale
8. Shadow of the Hierophant
—premor 15 min.—
9. Watcher of the Skies
10. Time Table
11. Get ‚em Out by Friday
12. Can-Utility and the Coastliners
13. Horizons
14. Supper’s Ready
—dodatek—
15. Firth of Fifth
16. Solo bobni
17. Los Endos / Slogans / Los Endos


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