Steve Hackett und ein weiterer wunderbarer Abend mit dem Genesis-Album „Foxtrot“ sowie Highlights der Solokarriere! (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
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Steve Hackett
Palmanova / Piazza Grande / Italien
Donnerstag, 13. 7. 2023


Steve Hackett ist, wenn wir über Rockmusik im Jahr 2023 sprechen, so etwas wie ein Phänomen. Der Mann, der in diesem Jahr seinen 73. Geburtstag gefeiert hat, wirkt im Vergleich zu seinen Generationsgenossen, als wäre er mindestens doppelt so jung. Er bleibt inspiriert, was die Kreativität beim Erschaffen neuer eigener Musik betrifft, und absolviert dazu unaufhörlich Konzerttourneen. Wenn man seinen eigenständigen musikalischen Werdegang betrachtet und all jene kühnen künstlerischen Manöver, die er noch als Zwanzigjähriger in den Siebzigern als Pionier in das zeitlose Bild der unvergänglichen Progressive-Rock-Giganten Genesis eingebaut hat, ist diese seine zurückhaltende kreative und konzertante Unerschöpflichkeit eigentlich unglaublich.

Genau am letzten Tag des sommerlichen Teils der neuen Europatournee, als die Konzertserie unter dem Titel „Genesis Revisited – Foxtrot At Fifty + Hackett Highlights“ am 15. 7. 2023 im polnischen Katowice zu Ende ging, kündigte der Mann die Veröffentlichung eines neuen Konzertdokuments an, das einen der Konzertmomente aus dem Rahmen der Konzerte unter demselben Titel festhalten wird. Diese hatte Hackett gewissenhaft seit dem vergangenen Herbst absolviert. Und diese Tournee ist noch nicht vollständig beendet. Es folgt noch ein Herbstteil. Jenseits des Atlantiks. „Foxtrot At Fifty + Hackett Highlights: Live In Brighton“ erscheint also beim Label Insideout Music am 15. 9. 2023!

Es ist kein Geheimnis mehr, dass Hackett es einfach liebt, im mediterranen Teil Europas aufzutreten. Italien ist in dieser Hinsicht fast schon sein zweiter Wohnsitz. So machte der stattliche Musikkünstler erneut in der Nähe der westslowenischen Grenze Halt. Diesmal sogar ziemlich konkret nah dran. In Palmanova. Beim vorletzten Auftritt der Sommerkoncertserie. Auf einem wunderschönen Veranstaltungsgelände im Herzen der Stadt selbst, dem weitläufigen Hauptplatz, nahmen bis zu 2500 Besucher Platz, als pünktlich um 21:00 Uhr der legendäre Gitarrist zusammen mit seinem Begleitteam die Bühne betrat. Letzteres hält sich seit 2019 in unveränderter Besetzung an seiner Seite. Das sind die Herren: Roger King (Keyboards), Rob Townsend (Bläser, Keyboards), Nad Sylvan (Gesang), Craig Blundell (Schlagzeug) und Jonas Reingold (Bassgitarre).

Man spürte, dass dieser Teil der Tournee langsam seinem Ende entgegenging. Der Luxus der Scheinwerferbeleuchtung war in dieser Hinsicht sichtlich reduziert, und die Band spielt auf dieser Tournee etwas kürzere Konzerte, als wir es gewohnt waren im letzten Herbst, als wir Hackett und seine Crew am 18. 11. 2022 in Padua abgepasst haben. Dass es diesmal etwas eiliger zuging als sonst, lag nicht einmal an Steve selbst, sondern an den schweren Wolken, die sich vor dem Konzert über dem Veranstaltungsort zusammengeballt hatten und unaufhörlich ernsthaft drohten, sich in einem gewaltigen Regenguss zu entladen. Schon bald, nach etwa 20 Minuten des Konzerts, entfernte das Techniker-Team alle Vorhänge von der Bühnenkonstruktion (nicht nur hinten, sondern auch auf der linken und rechten Seite). Ebenso wurden sorgfältig alle Bühnenmittel mit Plastikplanen abgedeckt.

Das Team aber ist bestens eingespielt und läuft auf Hochtouren. Keine Patzer. Okay, Konzerte ohne Patzer gibt es nicht, aber sowohl für Hacketts treue Anhänger als auch für sonstige, nennen wir sie mal Laien, wirkte alles auf der Bühne eigentlich makellos. Hinter den Musikern liegt eine dichte Konzertserie, doch das Zusammenspiel ist ein notwendiger Teil des Handwerks, das einem das tägliche Brot einbringt. Wenn ich noch etwas philosophieren darf: Angesichts der Komplexität der Kompositionen ist dieses Zusammenspiel in Hacketts und seiner Mitstreiter Händen umso beeindruckender. Von dem Moment, in dem Hackett und sein Team das Konzert mit dem Ace Of Wands aus dem „Voyage Of The Acolyte“-Klassiker (1975) eröffneten, bis hin zum Abschluss mit Los Endos, hielt die Band das Publikum mit ihrer einzigartigen Darbietung durchgehend fest im Griff. Im ersten Teil spielte Meister Hackett Stücke aus seiner bunten Solokarriere. Diesen Teil hat er für die neue Tournee etwas gekürzt, sodass Hacketts Siebziger-Klassiker Spectral Mornings und A Tower Struck Down herausfielen; auch die Darbietung des Klassikers Shadow Of The Hierophant wurde um die Hälfte gekürzt (Hackett behielt die Darbietung seiner instrumentalen Hälfte – den zweiten Teil des Stücks), was bedeutet, dass die Gastsängerin und Gitarristin Amanda Lehmann in diesem Teil der Tournee nicht dabei ist. Ebenfalls wurde das Bassgitarren-Solo aus diesem Konzertteil in den obligatorischen Zugaben-Block verschoben. Zum Glück hat Hackett das wunderschöne Every Day im Repertoire behalten, das vor allem dank des außergewöhnlichen Solos – das bis heute als eines der markantesten gilt, wenn man Hacketts Diskografie durchblättert – jedes Mal aufs Neue eine besonders intensive emotionale Erfahrung bereitet. Nach der Darbietung dieses Klassikers äußerte Steve Hackett seine Bedenken wegen der bedrohlichen Wolken und wünschte den Besuchern gleichzeitig, „trocken und heiß“ zu bleiben (»Stay dry and stay hot.«)  Mit der Set-List-Überraschung Camino Royale (Album „Highly Strung“, 1983) erprobte sich die Gruppe unter Steves Führung auch in jazzigen Qualitäten, was auch diesen Konzertteil auf seinen besonderen Platz stellt. Auf das ausgedehnte Instrumentalstück, in dem sich die Bandmitglieder eine Reihe von Improvisationen gönnten, folgte der abschließende theatralische Teil des Klassikers Shadow Of The Hierophant, der aufgrund seiner ausgesprochen düsteren Natur – seine raubgierige Stimmung steigert sich von Runde zu Runde – sofort eine Gänsehaut auslöst. Jonas Reingold verwendet in diesem Stück auch Bass-Pedale.

Diesmal gab es vor der Darbietung des Albums „Foxtrot“ keine Pause. Wie gesagt. Es war eilig wegen der stärker werdenden Windböen, und auch vom Himmel fielen ein paar dicke, prasselnde Regentropfen. Aber zum Glück blieb es dabei. Bei ein paar Tropfen.

Es folgt also die vollständige Darbietung des Genesis-Klassikers „Foxtrot“. In seiner farbenprächtigen Größe. Von Anfang bis Ende. Vom einleitenden Aufstieg auf dem berühmten Mellotron-Sound, als die Band mit Watcher of the Skies in die Darbietung einstieg, bis zum letzten Moment des schlangenartigen Supper’s Ready. Schon im einleitenden Watcher Of The Skies bestieg Nad Sylvan ein zusätzliches Podest (auf der linken Seite platziert, von der Bühne aus gesehen, und im Hintergrund zwischen Hackett und Townsend). Dort wirkte er wie ein Geist, als er mit seiner unglaublichen Mimikry begann, die Vokalcharakteristik von Peter Gabriel auf verblüffend ähnliche Weise zu evozieren. Das muss man einfach erlebt haben, sonst ist es schwer zu glauben. Und Nad ist darin höchstwahrscheinlich einzigartig. Weltweit. Deshalb geht Hackett auch so unbekümmert an die Wiederbelebung von Genesis-Klassikern heran und in den letzten Jahren sogar ganzer Alben, die er mit ihnen in den Siebzigern eingespielt hat – denn mit Nad am Mikrofon befindet er sich stets auf der sicheren Seite. Neben der instrumentalen Tadellosigkeit der Darbietung selbst des berühmten Genesis-Albums muss man Nad in diesem Teil besonders hervorheben und loben. Ohne ihn würden all diese berühmten Genesis-Stücke in Hacketts Neuinterpretation niemals so perfekt ankommen, packen und natürlich verführen. Letzteres gilt generell für das Publikum. Viele konnten kaum still auf ihren Plätzen sitzen, was bedeutet, dass Disziplin in dieser Hinsicht nicht gerade eine Tugend ist, mit der sich die Charakterethik unserer westlichen Nachbarn rühmen kann. Viele sangen laut die Texte mit, ganze Melodien, und klatschten mit den Händen, wenn sie den Rhythmus der Klassiker verfolgten. Wenn man sich vollständig dem makellosen Genuss von dem hingeben wollte, was Hackett und seine Mitstreiter auf der Bühne erschaffen, wirkten all diese Dinge durchaus etwas störend.

Die Darbietung von „Foxtrot“ (zum 50. – nun ja, genauer gesagt schon zum 51. – Jubiläum)? Mit einem Wort: brillant. Die Genesis-Stücke werden nicht nur in allen Details, die den Originalen folgen, grandios interpretiert, sondern das Team erlaubt sich auch einige zusätzliche instrumentale Einlagen, wobei Townsend mehrfach Hacketts Gitarrenlinien harmonisiert und verdoppelt, die Genesis-Musik selbst gewinnt dabei an noch höherer Klangfülle und stimmungsvoller Theatralik, da Townsend überwiegend Sopran- und Altsaxofon einsetzt. Natürlich taucht auf der Bühne auch die Flöte auf (was einst Gabriels obligatorisches Requisit war). Die Höhepunkte waren das einleitende Watcher Of The Skies sowie die abschließende epische Progressive-Rock-Sinfonie in mehreren Teilen Supper’s Ready, wobei auch Hacketts besondere Präzision und Feinfühligkeit beim Spiel der klassischen Gitarre während des sanften und liebkosenden Horizons hervorzuheben ist. Die außergewöhnliche Kompaktheit und Harmonie in der Neuinterpretation des Albums „Foxtrot“ bestätigt einmal mehr den Befund über das hohe Zusammenspiel, das Hackett und sein Team erreichen. Einer der besonderen Höhepunkte ist auch der ausgedehnte instrumentale Ausgang in Supper’s Ready, wo Hacketts Gitarre besonders laut wird (sagen wir klanglich „aufgedreht“), und das Progressive-Epos erhält durch die farbenprächtigen solistischen Drehungen des Gitarrenzauberers in all seinem Drama-Theater einen dreiminütigen Verlängerung, was zusammen auf über 26 Minuten Länge kommt. All das dient einem einzigen Ziel. Dass ein solcher Ansatz bei der Darbietung schlicht verzaubert und auf gewisse Weise sogar hypnotisiert. Und wieder ist Hackett dieses Kunststück gelungen.

Das Publikum brach in Begeisterung aus und der Applaus wollte nicht abreißen. Im Gegenteil. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und kehrten nur mit großer Mühe auf sie zurück. Es folgen die obligatorischen Zugaben. Den Auftakt macht ein weiterer Genesis-Klassiker, Firth Of Fifth, bei dem allein schon das einleitende Motiv auf den Keyboards einen neuen Höhepunkt markiert, ganz zu schweigen von der Komposition selbst, dem Akkordaufbau und der Entwicklung dieses Stücks, wo die Gruppe erneut eine hohe theatralische Stimmung aufbaute. Dann folgt jener weniger aufregende Teil mit den Soli auf Schlagzeug und Bassgitarre, der irgendwie undankbar die gesamte aufgebaute Mystik des unvergänglichen Charakters und Werks von Genesis tötet, die mit Hackett und seinen Mitstreitern an diesem Abend in Palmanova entstanden war. Aber so ist das Repertoire eben. Bis zum abschließenden Los Endos, noch einem Stück aus dem eisernen Genesis-Repertoire, von dem man sich wünscht, dass seine Darbietung niemals endet. Aber leider tat sie es auch diesmal.  

Es fällt schwer, mit Worten zu geizen, wenn man ein Konzert von Steve Hackett erlebt. Und das bleibt eine Tatsache. Auch im Jahr 2023! Der Mann hat inzwischen bereits angedeutet, dass er Material für sein neues Studioalbum vorbereitet. Angesichts der Frische, der unglaublichen Bühnenagilität und des Funkens, den er mit seinem Team auf den Bühnen auch in einer Zeit versprüht, in der er schon längst sein achtes Kreuz auf den Schultern trägt, ist klar, dass Meister Steve Hackett noch lange nicht Abschied von seinem Publikum nimmt. Weder in kreativer-künstlerischer Hinsicht noch in konzertanter. Wie gesagt. Die Worte gehen einem nicht aus, gleichzeitig ist es in einem Meer von ihnen schwer, jene herauszulesen, mit denen man ein so reiches und üppiges Konzerterlebnis knapp und prägnant beschreiben könnte, wie man es bei einem Konzert von Steve Hackett und seinem außergewöhnlichen Bühnenteam erlebt. In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen bleibt nur noch dieser eine Satz: „Unvergesslich und unbezahlbar!“

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik (Nr. 1–49) & Edita Klemen (Nr. 50)

Setlist:
1. Ace of Wands
2. The Devil’s Cathedral
3. Every Day
4. Camino Royale
5. Shadow of the Hierophant (abschließende instrumentale Sektion)
6. Watcher of the Skies
7. Time Table
8. Get ‚em Out by Friday
9. Can-Utility and the Coastliners
10. Horizons
11. Supper’s Ready
—Zugabe—
12. Firth of Fifth
13. Bass solo
14. Drum solo
15. Slogans
16. Los Endos


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