Sons Of Apollo: MMXX
Label: InsideOut Music
Erscheinungsdatum: 17.01.2020
Produktion: Del Fuvio Brothers (Derek Sherinian & Mike Portnoy)
Albumlänge: 58.41 min
Genre: Progressive Metal
Wertung: 9.0 / 10
Sons Of Apollo sind eine Supergroup, die über das grenzenlose Feld des Progressive Metal kreuzt, besetzt mit supergroßen virtuosen Herkules-Figuren: Mike Portnoy (Schlagzeug), Derek Sherinian (Keyboards), Ron »Bumblefoot« Thal (Gitarre), Billy Sheehan (Bass) – und als Stimme einer der angesehensten und unverwechselbarsten Vokalisten, besonders im AOR- und Melodic-Rock-Genre: Jeff Scott Soto. Vor zwei Jahren hat diese Crew ihr Studiodebüt rausgehauen. Es folgte eine Tour, auf der Sons Of Apollo als Einheit definitiv gewachsen sind.
Die Band hat sogar ein Konzertdokument aus dem bulgarischen Plovdiv veröffentlicht – etwas verfrüht vielleicht, aber die Gelegenheit war da; der Mangel an eigenem Repertoire wurde im Setlist durch die Darbietung einiger Lieblinge des Progressive Rock und Metal aufgefüllt. Die Band entschied sich, angesichts der außerordentlich erfolgreichen Konzerte und der allgemeinen Begeisterung, die das starke Debüt begleitete, weiterzumachen. Portnoy und Sherinian trafen sich also im Studio und begannen mit dem Schreiben von neuem Material. Sehr früh stieg auch Ron »Bumblefoot« Thal in den Prozess ein – die Songs entstanden in gerade einmal drei Wochen, während das gesamte Album in zwei Monaten eingespielt wurde, wobei jedes Mitglied des Quintetts zuhause in seinem eigenen Studio aufnahm.
Wirklich unglaublich – aber so läuft’s eben, wenn man es mit solchen Musikern zu tun hat. Ganz einfach. Sie sind zu erfahren und zu routiniert, um künstlerischen Murks zu produzieren. Eines ist klar: Was diese Crew drauf hat, ist etwas Besonderes und Einzigartiges, und es funktioniert. In jeder Hinsicht. Das Ding wird Dream Theater-Fans gefallen, ist aber deutlich, deutlich anders. Vor allem werden alle zufrieden sein, die wissen, dass die Entwicklung von Dream Theater schon längst stagniert ist – die Frische und Andersartigkeit, die sie so vermissen, liefern mittlerweile Sons Of Apollo. Vor allem ist die Produktion deutlich fetter, drückender und lebendiger. Sie hat einen außerordentlichen Groove. Angesichts von Portnoys Schlagzeugstil ist klar, dass einige Riffs gebrochen und rhythmisch mit Tricks ausgestattet sein werden, die an Portnoys alte Zeiten erinnern – aber Thal ist bei Weitem kein Petrucci, so wie Sheehan kein Myung ist und Sherinian, zum Glück, kein Rudess.
Die Musik geht fast eine Stunde, wirkt aber keinen Moment trocken oder langweilig. Das Album läuft wie im Flug durch und hält den Hörer in ständiger Spannung. Goodbye Divinity, das Eröffnungsstück, ist nachvollziehbar als Knaller-Leadsingle und Albumöffner gewählt. Die schrittweise Steigerung der Atmosphäre zu einem Refrein-Crescendo ist genau das, was dieser Song großartig verinnerlicht – und deshalb gebührt ihm dieser Platz als albumöffnender Katalysator zu Recht (der Track trug den Arbeitstitel Blood Orchid und basiert auf einem Sherinian-Solo, das dieser bei Konzerten der Gruppe einsetzte). Wither To Black stammt von Ron Thal – da es die Band an eine Kreuzung aus Rush und Soundgarden erinnerte, trug es zunächst den Arbeitstitel Rushgarden. Asphyxiation ist wieder eine Sherinian-Komposition und gilt als einer der dunkelsten und am stärksten auf Metal getrimmten Tracks des Albums. Die Ballade Desolate July entstand als Widmung an den verstorbenen Bassisten David Z, der mit Jeff in dessen Band S.O.T.O. sowie bei Trans Siberian Orchestra spielte und vor allem als Mitglied von Adrenaline Mob bekannt war. Bekanntlich kam er bei einem Nightliner-Unfall ums Leben, als sich Adrenaline Mob gerade auf Tour befanden. King Of Delusion trägt eine perfekt düstere und theatralische neoklassische Einleitung, bevor es in die finsteren Tiefen glühenden Riffings eintaucht, das auf brillant gebrochenen rhythmischen Texturen von Portnoy basiert.
Die Produktion ist ausgezeichnet, modern, knallig. Sherinian hat sich erneut als außergewöhnlicher Komponist ausgezeichnet – und das mit unglaublicher Treffsicherheit, wie er auch auf diesem Album wieder beweist. Die unglaublich gelungene Verbindung aus einer Gitarre voller lawinenartiger und massiv aufgepumpter Riffs und den Keyboards – als ständiger Dialog brillanter Kontemplation zwischen Thal und Sherinian über das gesamte Album hinweg – verleiht dem Album eine besondere Atmosphäre, einen besonderen Drive, ein besonderes Theater, eine besondere Haltung. Das Album spricht dabei durchgehend in ausgesprochen dunklen Tönen. »MMXX« wirkt entspannter als sein Vorgänger, der noch den Boden für die Landung des neuen musikalischen Gefährts ertasten musste. Auf »MMXX« sind Sons Of Apollo mit voller kreativer Kraft und aufführerischer Verve wirklich abgehoben! Sie haben das perfekte Gleichgewicht gefunden, und das Album begeistert in jedem Moment seiner Spielzeit durch die unaufhörliche Versöhnung von technischer Komplexität und melodischer Eingängigkeit! Sherinian erkundet auf dem Album ein deutlich breiteres Spektrum an Klangfarben auf den Keyboards, die Arrangements sind deutlich konziser zusammengestellt, die Band stürzt sich nicht in unüberschaubare Noten-Ozeane, was die Kompaktheit der Kompositionen untergraben würde. Die solistischen Ausflüge voller bravouröser und atemraubender Eskapaden platziert sie sehr geschickt an den richtigen Stellen im Song, sodass die Kompaktheit der Kompositionen nicht gefährdet wird.
Sons Of Apollo liefern natürlich Momente, in denen sie vor entfalteter Kraft und ultrasonischer Demonstration schier bersten – kontern und bremsen diese Passagen auf der anderen Seite aber außerordentlich gut mit musikalischen Übergängen oder Tempowechseln, die das Toben beruhigen. So wogt die Atmosphäre durchgehend dynamisch. Das besondere Highlight des Albums ist wohl der Abschluss New World Today, der ambitionierteste, progressivste Track, bei dem die Band trotz lockerer Struktur, die ständig viel Raum für solistische Zaubereien lässt, motivisch dennoch durchgehend prägnant und kompakt bleibt. Inklusive Jeffs Gesangsperformance.
Wenn du das neue Album mit seinem Vorgänger vergleichst, ist eines klar: Sons Of Apollo sind als Band gewachsen. Die Songs wirken deutlich detaillierter, definierter und trotz aller progressiven Weitläufigkeit auch kompakter. Ob das der kreative Zenit der Progmetal-Apollos ist oder nicht, wird die Zeit zeigen – das neue Album übertrifft und überholt seinen Vorgänger jedenfalls in künstlerischer Hinsicht. Es strahlt außerordentliche Reife aus. Dass es in so kurzer Zeit entstanden ist, ist kaum zu glauben – aber wie gesagt: Hinter den Kompositionen steckt eine Crew von fünf brillanten Musikern mit einem enormen Erfahrungsschatz, die kreativ in Bestform sind. Und wenn solch eine Energie in eine perfekt funktionierende Chemie fließt, muss sie sich frei entfalten. Und Sons Of Apollo wissen das sehr genau.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
01. Goodbye Divinity (7:16)
02. Wither To Black (4:48)
03. Asphyxiation (5:09)
04. Desolate July (6:11)
05. King Of Delusion (8:49)
06. Fall To Ascend (5:07)
07. Resurrection Day (5:51)
08. New World Today (16:38)
Besetzung:
Jeff Scott Soto – Gesang
Ron „Bumblefoot“ Thal – Gitarre, Hintergrundgesang
Derek Sherinian – Keyboards, Hintergrundgesang
Billy Sheehan – Bass, Hintergrundgesang
Mike Portnoy – Schlagzeug, Hintergrundgesang
