Skyeye: New Horizons
Veröffentlicht: 19. 7. 2024 bei Reaper Entertainment
Produktion: ?
Länge: 57:02
Genre: Heavy/Power/Maiden Metal
„Polenta auf Maiden-Art“
Ich bin Skyeye hier und da schon früher begegnet, hab den einen oder anderen Song gehört, es hat mir gefallen, was ich da zu hören bekam — und dann hab ich sie wieder vergessen, bis ich beim nächsten Mal die gleiche Übung wiederholte. Hochwertiger Heavy, der in meinen Gehörgängen aber keine tieferen Spuren hinterlassen hat.
Ich hab mir vorgenommen, dass sich das mit dem neuen Album New Horizons, das diesen Sommer erschienen ist, ändern soll.
Als würden Iron Maiden Power Metal spielen. So ließe es sich am einfachsten beschreiben. Ganz stimmt das aber nicht. Denn Frontsänger Jan (auch Frontmann von Iron Median) hat sich ein bisschen von Dickinsons vokaler Ausdrucksweise losgelöst, auch wenn seine natürliche Stimmfarbe dem gefeierten Trooper durchaus nahekommt. Und auch die Band spielt eigentlich keinen reinen Power Metal, sondern eine Mischung aus irgendwas wie siebzehn Metal-(Sub-)Genres. Auf dem Album hört man frühen Thrash (vor allem in der Thrash-Polka des Schlagzeugers, die er regelmäßig einsetzt), Speed, klassischen Heavy, Euro- und US-Power, einen Hauch Progressive, klassische Judas Priest, gaaanz viel Iron Maiden, hin und wieder schleicht sich ein Schuss Groove rein — und die Liste ließe sich fortsetzen. Mangelnde Originalität kann man Band und Album also wirklich nicht vorwerfen.
Was man ihnen hingegen attestieren kann, ist ein gehöriges Maß an Authentizität, Metal-Attitüde und kompositorischem Können. Die Songs sind größtenteils im mittleren bis schnellen Tempo gehalten, hier und da wippt man bei einem Double-Bass-Schlag mit, Melodien und Metal-Botschaft sind reichlich vorhanden. Die Texte sind solide (von einer leicht cringe-würdigen Hommage an Diu in The Voice from the Silver Mountain abgesehen) — und wirklich loben muss ich Jans englische Aussprache: kein Spurenzeichen des typischen slawischen Akzents, der slowenischen Sängern sonst gern passiert. Überhaupt ist Jan der Star des Albums; in Überzeugungskraft, Ausdrucksstärke und Einsatz erinnert er mich leicht an Eric Adams (Manowar) in seinen besten Zeiten. Er bleibt in den mittleren Lagen, die typischen Power-Höhen greift er kaum an — außer bei »We are on our way, to (B)rave new Babylooooooooooon« aus dem Titeltrack. Beeindruckend!
Die Band slalomt so durch das gesamte Album, das von einer fantastischen, klassischen Metal-Produktion geprägt wird — kein Hauch von der verzuckerten, überkomprimierten Politur, die wir aus den letzten gut zwanzig Jahren kennen. Das Schlagzeug knallt, die Gitarren sägen, der Bass knurrt — so wie es sein soll. Die Soli sind geschmackvoll und melodisch, nie zu lang, das rhythmische Fundament so abwechslungsreich, wie es in diesem Stil eben möglich ist.
Was mir auf diesem Album fehlt, ist der eine echte Metal-Hit. Ein Song oder zwei, die dich zwingen, zum Album als Ganzes zurückzukehren, oder bei denen du im Auto denkst: Scheiße, den muss ich jetzt sofort nochmal auflegen! Die drei Videosingles (New Horizons, Nightfall im Stile von Gamma Ray und Railroad of Dreams) kommen dem noch am nächsten, sie sind gut gewählt, um das Album zu präsentieren — aber sie sind nun mal kein Hearts on Fire oder I Want Out, wenn ihr wisst, was ich meine.
Eingangs hab ich die Verbindung und Ähnlichkeit zu Iron Maiden erwähnt, und der Eindruck ist, dass die Band mit aller Kraft versucht, die dünne Linie zwischen allzu offensichtlicher Verehrung und Nachahmung nicht zu überschreiten — was ihnen hervorragend gelingt. Wie gesagt, Maiden lugen um jede Ecke, aber immer nur als Hauch oder als stahlharter Hieb hier und da. Bis zum letzten Track 1917, wo alle Bremsen versagen. Das historische Epos über die Isonzo-Front im Schlachthaus des Ersten Weltkriegs beginnt mit typisch Harrisscher Rhythmik und Melodik (Dance of Death und No More Lies kommen einem in den Sinn) und setzt sich im Stil aller Maiden-Epen mit ähnlichen Themen fort. Tatsache ist: der Song ist ausgezeichnet — was sag ich, überragend —, aber Eddies Geist ist wirklich zu präsent. Erwähnen muss ich noch den schönen, außerordentlich gefühlvollen Textübergang von »I wash my hands in Soča river« im ersten Teil zu »I wash my sins in Soča river« im Schlussabschnitt. Das Rezitieren von »Soči« auf Slowenisch vertieft die Tragik des Stückes und der beschriebenen Ereignisse noch einmal.
Das Fazit: Das ist ein gutes Heavy-Album, das den Level der slowenischen Metal-Szene auf gefährliche Weise anhebt. Die Jungs sind ernst, professionell und haben alle Zutaten für eine erstklassige internationale Karriere. Die Tatsache, dass die Band seit nunmehr 10 Jahren — also von Anfang an — in (fast) unveränderter Besetzung zusammenspielt, bestätigt das zweifellos.
Highlights: Nightfall, New Horizons, The Descenders, 1917, Forgotten Nation
Wertung: 8/10 (einen halben Punkt Abzug für den Maiden-Faktor)
Autor: Igorac
Trackliste:
1. The Descenders 04:37
2. Fight! 04:21
3. Far Beyond 04:46
4. Railroad of Dreams 03:57
5. Saraswati 08:01
6. New Horizons 05:42
7. The Voice from the Silver Mountain 05:05
8. Forgotten Nation 04:44
9. Nightfall 04:49
10. The Emerald River 01:18
11. 1917 09:42
Musiker:
Jan Leščanec – Gesang
Primož Lovšin – Bass
Jurij Nograšek – Schlagzeug
Mare Kavčnik – Gitarren
Urban Železnik – Gitarren
Cover: Aleksandar Živanov
