Simple Minds: Direction Of The Heart

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Label: BMG
Erscheinungsdatum: 21. 10. 2022
Produktion: Simple Minds, Andy Wright & Gavin Goldberg
Albumlänge: 38.10 min
Genre: Art Rock / Pop / New Wave
Bewertung: 9.0/10


Wie erschafft man ein großartiges Elektro-Rock- und Pop-Album in seltsamen Zeiten, in denen man eigentlich nirgendwo hingehen darf? Oder schlimmer noch — einfach nichts tut? Fragt die Glasgower Simple Minds — eine der am längsten aktiven New-Wave/Synth-Art-Pop-Bands der britischen Inseln. Denn hier ist das neue Album. Ihr achtzehntes insgesamt. »Direction Of The Heart«. In einer Zeit, als die Welt stillstand, befanden sich die heute einzigen originalen Bandmitglieder — Charlie Burchill und Jim Kerr — in ihren jeweiligen Zuhäusern. Nicht in Glasgow. Beide leben seit vielen Jahren auf Sizilien. Da die Regeln des „jüngsten p(l)andemischen Theaters“ maximale Anpassung an eine „bescheidene solitäre Abgeschiedenheit“ verlangten, wurde das gemeinsam achtzehnte Studioalbum jenes Karrierealbum der Band, das mit dem kleinsten Team an mitwirkenden Musikern eingespielt wurde.

Das hat der Qualität des neuen Werks jedoch keinen Abbruch getan. „Direction Of The Heart“ ist nämlich wieder eine außerordentlich schöne Leistung, die qualitativ locker neben den zeitlosen Klassikalben der Band aus den Achtzigern bestehen kann. Eine Leistung, die von der mittlerweile unverwechselbaren Produktion, ansteckender Musikalität und verführerischer Rhythmik nur so übersprudelt. Das Bild der Band hat sich zu einer bemerkenswerten künstlerischen Reife entwickelt, die auch auf dem neuen Album nicht stehen bleibt. Elektronik und Rock reichen sich erneut im Glanz sorgloser und hoch kontemplativer Versöhnlichkeit die Hand — von der ersten bis zur letzten Sekunde. Das Album packt einen sofort mit dem Opener The Vision Thing, dem ersten Single, den die Band bereits Mitte Juni dieses Jahres veröffentlichte; der zweite, First You Jump, saugt den Hörer mit einer erstklassigen Gitarrenlinie über der Einleitungsphrase mit noch größerer stimmungsmäßiger Intensität in seinen Bann. Pompösität und Bombast haben bei Simple Minds schon längst ihr Bürgerrecht erhalten. Ja — »Direction of the Heart« ist die Fortsetzung der Geschichte des Vorgängers »Walk Between Worlds« (2018) und natürlich »Big Music« (2014). Es bringt neun Songs: acht Eigenkompositionen und ein Cover. Acht fein ausgearbeitete und arrangementmäßig vollendete Stücke sowie ein geschickt neu arrangiertes Cover, das man im ersten Moment irrtümlich für eine neunte Eigenkomposition der Band halten könnte.

Mitautoren aller Albumtracks sind Burchill und Kerr; lediglich bei den Singles First You Jump und Solstice Kiss war auch Bassist Ged Grimes als Co-Autor an der Seite der beiden Legenden beteiligt. Burchill musste sich bei den Aufnahmen zum neuen Album diesmal mehr als je zuvor in seiner Karriere auf sich selbst verlassen. Neben der Gitarre mit ihrer typisch geformten Klangkontur und ihrem Stil — die zusammen mit Jim Kerrs einzigartiger vokaler Ausstrahlung eines der Grundmerkmale der musikalischen Eigenart der Band ausmacht — steuerte Burchill diesmal auch den Großteil der Basslinien, Keyboards und das Drum-Programming bei. Die beiden Damen — Schlagzeugerin Cherisse Osei und Backgroundsängerin Sarah Brown — nahmen ihre Parts in London auf, während Simple Minds für die Aufnahmen das praktisch gelegene Hamburger Studio Chameleon wählten, um Johnsons* umständlichen Komplikationen zu Zeiten des „Covid-19-Theaters“ aus dem Weg zu gehen.

Natürlich hat die Band auch auf diesem Album einige alte Ideen aus dem Ärmel gezogen — sogar einige alte Archivaufnahmen. Solstice Kiss stammt noch aus den Aufnahmezeiten des Albums »Big Music«, das hervorragende Human Traffic, auf dem Sparks-Sänger Russell Mael zu Gast ist, sogar aus der Entstehungszeit des Albums »Graffiti Soul« (davor trug es den Archivtitel Human Trafficking). Und mehr noch: Act Of Love ist eine ausgebaute Version eines Originals aus dem verstaubten Archiv, das bis ins Entstehungsjahr 1978 zurückreicht.

Das mysteriöse Planet Zero mit dem typisch düsteren Simple Minds-Ambiente — das daran erinnert, dass wir es hier mit einer Band aus der Post-Punk-Aufbruchszeit Ende der Siebziger zu tun haben, wo Space-Rock-Anleihen in der Produktion nicht fehlen — liefert eine der interessantesten künstlerischen Abweichungen auf dem neuen Album. Die erste Version dieses Stücks stammt aus dem Jahr 2011; an der damaligen Produktion war der legendäre Gong-Gitarrist Steve Hillage beteiligt. Der Song legt eine erstklassige atmosphärische Abweichung als Vorbereitung auf das große Finale hin, das auf dem Album dem Cover The Walls Came Down, einem Hit von The Call aus dem Jahr 1983, gehört. Dieser bringt die meiste Rock-Energie in der Produktion sowie einige der eindringlichen vokalen Diktaturen des stets brillanten Jim Kerr — was sogar gewisse Parallelen zu den Simple Minds-Hits der goldenen Achtziger weckt. Mit der typischen Ästhetik der produktionstechnischen Verführungskraft der Band (die typischen New-Wave-Synthi-Teppiche). Cover-Versionen auf Studioalben einzubeziehen ist für Simple Minds keine Neuheit, doch die diesmalige Auswahl gehört zu den gelungeneren. Vor allem deshalb, weil sie — gerade durch ihre stilistisch-arrangementmäßigen Mittel — das gesamte neue Studiowerk der Band besonders stimmig abrundet.

Alles ist (wieder) an seinem Platz. Die hypnotische Ansteckungskraft. Die Bombastik der „rauschenden“ Synthesizer-Teppiche, die nicht achtzigerhafter klingen könnten — natürlich mit der auf neue Zeiten aktualisierten Produktion der Band. Da sind Burchills typische gitarristische Ornamente und natürlich der ansteckende Vokal-Zauberer Jim Kerr, ohne den es kein Simple Minds-Album geben kann. Das Album ist von Anfang bis Ende im Glanz einer hoch mitreißenden atmosphärischen Eingängigkeit eines echten bombastischen Theaters ausgearbeitet, das einen fest an seiner Seite hält. Garant dafür ist natürlich die außergewöhnliche Musikalität, die von eingängigen Refrainmelodien gekrönt wird. Die Ausrichtung, die vom mehr als ausgezeichneten Vorgänger »Walk Between Worlds« übernommen wurde, bringt also ein neues musikalisches Kapitel in der Geschichte dieser langlebigen und ehrenwerten schottischen New-Wave-Band — die durch ihre neue post-millenniale Renaissance auf ihre eigene Art schon längst unsterblich geworden ist. Noch ein „Detail“: »Direction Of The Heart« wurde bereits vor zwei Jahren aufgenommen und fertiggestellt. Hoffen wir, dass die Band ihren hohen kreativen Schwung auch künftig beibehält. Simple Minds bleiben nämlich auch mit dem neuen Album der Begriff einer leichtfüßigen musikalischen Rhetorik, mit der ihre künstlerische Brillanz auch im Jahr 2022 entschieden abgemessene Schritte höchster Kreativität setzt.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Vision Thing
2. First You Jump
3. Human Traffic
4. Who Killed Truth?
5. Solstice Kiss
6. Act Of Love
7. Natural
8. Planet Zero
9. The Walls Came Down

Besetzung:
Jim Kerr – Gesang
Charlie Burchill – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Drum-Programming
Ged Grimes – Bassgitarre, Keyboards, Programming (Tracks Nr. 2, 5)
Cherisse Osei – Schlagzeug auf Tracks Nr. 1, 7 und 9
Sarah Brown – Backgroundgesang

Gastmusiker:
Russell Mael – Gesang auf Track Nr. 3
Andy Wright – Backgroundgesang
Gavin Goldberg – Backgroundgesang


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