Samo Šalamon & Friends: Almost Alone Vol. 1

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Label: Samo Records
Erscheinungsdatum: 26. 10. 2020
Produktion: Samo Šalamon
Albumlänge: 64.24 min
Genre: Contemporary Jazz
Bewertung: 9.5/10


Samo Šalamon ist ein musikalisches Phänomen. Nicht nur wenn wir über die allgemeine Reichweite der slowenischen Musikszene sprechen. Ob damals, ob heute. Samo Šalamon ist ein Phänomen im weltweiten Rahmen des zeitgenössischen Jazz.  Außerhalb Sloweniens ist sein Name in den Kreisen der Jazz-Gourmets außerordentlich geschätzt und begehrt. Es ist schwer, einen slowenischen Musiker zu finden, der in seinem Alter so viele Alben veröffentlicht und dabei stets an mehreren Projekten gleichzeitig mitgewirkt hätte – hauptsächlich mit ausländischen Musikern, aber auch mit einheimischen (Brest). Da wir Slowenen das, was wir haben, erst dann zu schätzen beginnen, wenn wir eine Bestätigung aus dem Ausland erhalten, wird es auch in Zukunft so bleiben, dass Samo leider nie Videos drehen wird, mit denen slowenische TV-Sender ihre Bürger zur Weihnachts- und Silvesterzeit überhäufen würden. Eines aber gilt. Samo ist, einfach gesagt, ein brillanter Geist. Spektrale Aufnahmefähigkeit, Versöhnlichkeit, beständige konstruktive Offenheit gegenüber dem Anderssein – oder genauer gesagt, die beständige Suche nach Versöhnlichkeit mit der Sprache des Andersseins – sind Eigenschaften, die ein Spiegelbild außerordentlicher künstlerischer Intelligenz sind, die dieser Musiker reif bis zu diesem Punkt entwickelt hat und die er weiterhin evolutionär ungehemmt in seinen musikalischen Projekten und Taten verkörpert.

Samo veröffentlicht jährlich auch mehrere Alben. Schade, dass sich Samo und Frank Zappa in dieser Hinsicht nie begegnen konnten. »Almost Alone Vol. 1« ist nämlich schon Šalamons drittes Album in diesem Jahr. Anfang Februar hat er nämlich zusammen mit Igor Matkovič und Kristijan Krajnčan bereits zwei Studioalben veröffentlicht: »Common Flow« (RockLine Rezension) und »Rare EBB« (RockLine Rezension). Mit dem Zwang der neuen Realität, der wir seit Mitte März dieses Jahres beiwohnen (hoffen wir, dass das »gestern« vorübergeht), hat auch Samo, wie alle Musiker der Welt, am eigenen Leib gespürt, wie unangenehm es ist, wenn man seine Musik nicht auf der Bühne spielen kann und generell nicht physisch mit anderen Musikern zusammenarbeiten kann. Die Bedingungen des Distanzierens haben die Dinge also auf den Kopf gestellt – und Samo hat dabei nicht tatenlos zugeschaut. Er suchte nach neuen und anderen Formen der Verbindung mit Musikern für neue konzeptuelle Projekte.

So kam Samo auf ein neues Projekt und lud nicht weniger als 35 Gitarristen aus 35 Ländern ein. Samo ist natürlich der Sechsunddreißigste (aus dem sechsunddreißigsten Land, das aber nicht Äquatorialguinea ist). Einige dieser Musiker kannte er bereits aus früheren Zusammenarbeiten – der bekannteste Name des Albums Almost Alone Vol 1 unter ihnen ist der österreichische Jazz-Gitarrist Alex Machacek –, mit einigen, die er für das Projekt gewann, hatte er davor noch keinerlei Kontakt gehabt. Die ganze Sache ist nicht so einfach. Samo hat nämlich alle 35 Musiker unter die Lupe genommen. Er hörte ihrer Art des Gitarrenspiels zu, vertiefte sich in die musikalische Wahrnehmung der einzelnen Musiker, in den Charakter des individuellen musikalischen Ausdrucks. Dann passte er Teile der bereits vorbereiteten Motivideen an. Das tat er auch mit den Arrangements. Gleichzeitig schuf er zusätzlich völlig neue Motive und Teile von Stücken. Dabei folgte sein innerer Sinn dem Stil des Gitarren-Artismus dieser 35 Musiker. Auf »Almost Alone Vol. 1« werden so die ersten elf Musiker präsentiert, die in Zusammenarbeit mit Samo Šalamon an elf Stücken mitwirken. Nach dem Vorbild von Gitarrenduetten – stell dir vor, jemand, der der Autor eines Stückes ist, lädt dich ein, dich mit einem Solo einzubringen. Auf den ersten Teil werden auch ein zweiter und dritter folgen.

Das ist Jazz! Und Jazz ist eigenartig! Und das ist seine größte Schönheit und Anziehungskraft. Elf Tracks, elf verschiedene Gesichter, definiert natürlich durch elf verschiedene musikalische »Übersetzer«. Unter diesen elf gibt es aber auch einen zwölften – nämlich jenen maximal flexiblen, zeitweise schelmischen und stürmischen, dabei stets »hochverständlichen« und unglaublich funkelnden in seiner einfallsreichen Elastizität. Das ist der »Dirigentenstab« von Samo Šalamon, der wachsam über den Verlauf der Ereignisse dieses Werkes wacht. Das Album bevorzugt einen klaren, halb-akustischen und akustischen Gitarrenklang. Die meisten Tracks bewahren eine außerordentlich ansprechende Zugänglichkeit – ein hohes Maß an Hörbarkeit –, obwohl sie konkret mit atonalen Figuren in den Gitarrenlösungen und Jazz-Improvisationen beladen sind. Das ist sehr wichtig in einer Klanglandschaft, die das Verstecken hinter diversen Effekten und Spezialeffekten von »Studiospäßen« nicht verträgt. Obwohl Samo die Sachen zusammenfügte und es in seinem E-Mail-Postfach stets lebhaft zuging, als mp3-Dateien hin und her reisten, spricht das Album ungemein lebendig, dynamisch, organisch und auf jeden Fall ehrlich dreidimensional an.

Schauen wir uns das Material an. Die Songtitel sind ein sanfter, aber gehaltvoller erster Orientierungspunkt, der einen äußerst nützlichen Vorblick auf die Entwicklung und den Charakter der einzelnen Stücke bietet. Besonders spaßig »explodiert« das Album mit dem Stück »Seven Cats«. In ihm tritt der serbische Gitarrist Dušan Jevtović in den Mittelpunkt, der sich mehrfach bewusst Stimmungsumschwüngen zuwendet, auf eine Art, bei der er keineswegs mit grobem Phrasieren spart. Samo hat stellenweise auch etwas rhythmisches Gerüst hinzugefügt – Schlagzeug, dazu Moog, Mandoline. Die Gitarren spielte er bei Bedarf durch verschiedene Effekte, womit er den gewünschten Charakter der einzelnen Stimmungen kontrastreich vertiefte. Damit erzielte er auch spürbare Charakterabweichungen zwischen den Stücken. Gerade in dieser Hinsicht ist »Seven Cats« besonders interessant – das Stück ist zeitweise auch schaurig, düster, struppig, gänsehautmachend, und hier spiegeln sich besonders die Instinkte, Leidenschaften und unerwarteten Stimmungswendungen, die trotz der konzipierten Leitung beinahe mit der Glut der Spontaneität berühren. Die beiden Gitarristen imitieren in diesem, einem der interessantesten Stücke des Albums, mit dem Geflecht ihrer Soli auch das Miauen von Katzen, das seinen Höhepunkt im finalen Crescendo erreicht.

Nach dem schelmischen und frechen »Miss Sarcasm«, das in einer gewissen entfernten Parallele sogar einen »Fripp’schen« Charakter des atonalen Phrasierens der eklektischen Kollision von Rock und Jazz herauslockt (in ihm gastiert Alex Machacek), dreht das Folgestück »Nightmare« die Atmosphäre des Albums in eine völlig neue Nische. Das ist ein Stück, das cerebral und auch psychedelisch reizt. Besonders gefällt der Kontrastwechsel zwischen der ausgesprochen »stark reverbierten 3D«-Solo-Linie und ihrer vollkommen »cleanen« Fortsetzung. Das erkundende Stück, das von der Sinnlichkeit Samos und des polnischen Gastes Rafal Sarnecki angetrieben wird, schließt theatralisch – mit einem sich wiederholenden Ton, der einen morgendlichen Wecker imitiert. Das ist der dunklere Moment des Albums und sicher ein Stück, das ähnlich wie »Seven Cats« von den anderen Tracks abweicht.  Im weiteren Verlauf spricht das Album entspannter, leichter und in zarteren Klangpastellen an. So ist »Crosswijk« (es handelt sich um ein türkisches Viertel in Amsterdam) – von dort lud Samo den türkischen Jazz-Gitarristen Cenk Erdogan zu einem Solo ein, der ein wunderschönes und malerisches Solo auf der Fretless-Gitarre ablieferte. Diese Ruhe und Gelassenheit, trotz der atonal ausgerichteten Figuren, hält im weiteren Verlauf »Awkwardly Placed« aufrecht, aber auch »Coalition of the Mistaken« – allerdings nur bis zum letzten Drittel, wo den Hörer eine bewusste experimentelle Fragmentierung herausfordert, die sich für einen Moment auch mit dem Abenteuergeist des Free Jazz berührt. »Looking Back« ist die längste Komposition und dennoch außerordentlich hörenswert. In ihr fasziniert das außergewöhnliche Geflecht des Solospiels – brillante Duelle der verwobenen Gitarren von Samo und Gast Jacob Young, die vor allem anspruchsvollere Liebhaber gitarristischer Jazz-Kapriolen belohnen werden. Die beiden Musiker haben mehr als offensichtlich den richtigen Moment erwischt, als die Chemie stimmte und mit einer begeisternden Ausführung des schlangenartigen Slaloms blitzschneller Kontemplation improvisatorischer Eingebungen aufwartete.

Das Stück, das heraussticht und mehr ist – sagen wir es geradeheraus – cool-jazzmäßig angelegt, ist »Monked«. Du hast es erraten. Es ist eine Art Hommage an Thelonious Monk. Das Gespann von Samo Šalamon und dem Schweizer Gitarristen Philipp Schaufelberger ist etwas, das dich in die Zeiten katapultieren wird, als Art Blakey, Duke Ellington, Dave Bruebeck,… den Planeten bevölkerten. Von allen klingt dieses Stück am meisten retro und am traditionsreichsten nach Jazz. Das Album schließt mit dem mystischen und sehnsuchtsvollen Northern Wind, in das sich der griechische Gitarrist Spiros Exaras mit seiner Sanftheit subtil einfügt.

Wenn du voll mit Musikhören beschäftigt sein und von dem Reichtum an Informationen umgeben sein möchtest, die aus dem zeitgenössischen Jazz-Artismus der elf Stücke des Albums »Almost Alone Vol. 1« strömen, bleibt Samo Šalamon ein brillanter Titel für diese Art von Abenteuer. An neuen Lobgesängen mangelt es wieder nicht. Wirklich. Es handelt sich um ein begeisternd zündendes Projekt, das von freiheitsliebender Expressivität überquillt, dabei aber ein hohes Maß an Zugänglichkeit bewahrt. Auch für diejenigen, die Jazz normalerweise nicht verfolgen.

Von Samo und seinen Jazz-Gefährten werden also bereits ungeduldig der zweite und dritte Teil des »Skoraj sam«-Projekts erwartet, die für nächstes Jahr geplant sind. Wenn dieses Album zwischen Mai und September dieses Jahres aufgenommen und dann Ende Oktober veröffentlicht wurde, ist klar, dass beide nächsten Teile bald da sein werden. Samo ist nämlich ein unglaublich gut selbst-organisierter D.I.Y.-Zauberer, was eines der wichtigen Elemente ist, dank derer es ihm gelingt, jedes Jahr so viel neue und vor allem außerordentlich hochwertige Musik zu produzieren.

Interessant ist, dass dieses Album den Free Jazz eigentlich gar nicht kennt. Von experimentellen Abrissen mit anschließender motivischer Fragmentierung gibt es gerade genug, um an den richtigen Stellen das Feuer der künstlerischen Leidenschaft dieses Werkes stets verführerisch zu entfachen. »Almost Alone Vol. 1« ist ein außerordentlich angenehmes Abenteuer, das den Hörer mit jeder Rotation im CD-Player beständig bereichert und belohnt. Dabei liefert es eine Vielzahl verschiedener Gesichter zeitgenössischer Jazz-Expression, in die brillant auch Elemente der klassischen Musik eingewoben sind, in Hauchzügen auch Folk-Musik und Rock.

Über alledem fasziniert Šalamons ungezügeltes künstlerisches Genie, das stets mutig und herausfordernd in die bildhafte Transformation vieler Rollen gestoßen wird. Diese sind die Manifestation des Erreichens einer unglaublich effektiven, versöhnlichen und dynamischen Symbiose mit elf charaktermäßig unterschiedlichen Entitäten. Unglaublich ist die Flexibilität und die hochintelligente musikalische Aufnahmefähigkeit, mit der Samo stets auf der Lauer liegt und mit der er so geschickt jongliert – beim beständigen Lockern, Formen und Anpassen der Arrangement-Manöver. Schon das Temperament der Musiker selbst bringt ursprüngliche Unterschiede in den Ausdruckscharakter der Stücke, von den Unterschieden zwischen den Herangehensweisen der einzelnen Gäste an die Magie des Jazz und der Musik insgesamt ganz zu schweigen. Kurzum: Möge der erste Teil von Šalamons neuer, bildreicher und grenzenlos freiheitsliebender Jazz-Abenteuerreise also beginnen!

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Miss Sarcasm (feat. Alex Machacek) (04:21)
2. Nightmare (feat. Rafal Sarnecki) (07:00)
3. Crooswijk (feat. Cenk Erdogan) (06:06)
4. Awkwardly Placed (feat. Andre Fernandes) (05:12)
5. Coalition of the Mistaken (feat. Kalle Kalima) (05:22)
6. Looking Back (feat. Jacob Young) (09:38)
7. Seagulls in Maine (feat. Albert Vila) (05:56)
8. Seven Cats (feat. Dusan Jevtovic) (05:22)
9. Not Too Late, Not Too Soon (feat. Lorenzo Di Maio) (05:08)
10. Monked (feat. Philipp Schaufelberger) (03:50)
11. Northern Wind (feat. Spiros Exaras) (06:12)

Musiker:
Samo Šalamon – E-Gitarren und Akustikgitarren, Mandoline, Moog
Alex Machacek – E-Gitarren und Akustikgitarren
Rafal Sarnecki – E-Gitarren
Cenk Erdogan – „fretless“ Gitarre
Andre Fernandes – E-Gitarre
Kalle Kalima – E-Gitarren
Jacob Young – E-Gitarre
Albert Vila – E-Gitarre
Dušan Jevtović – E-Gitarre
Lorenzo Di Maio – E-Gitarre
Philipp Schaufelberger – E-Gitarre
Spiros Exaras – E-Gitarre und „slide“ Gitarre


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