Same Babe : Vražji bend
Label: Pivec
Erscheinungsdatum: 19.01.2019
Produktion: Same Babe & Hrvoje Nikšič
Albumlänge: 50.14 min
Genre: Alternative Rock / Chanson / Kabarett / Parodie
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Same Babe legen uns ständig »denselben Köder« aus. Mit unbegrenzbarem Verfallsdatum. Es ist nämlich schwer, auf dem winzigen slowenischen Fleckchen Erde eine derart mitreißende Parodie zu finden, was die Musikwelt betrifft. Keineswegs stehen sie allein da, doch mit ihrer Durchschlagskraft und Wucht, vollgepackt mit grenzenlosem anstößigem Possenreißen und beißendem Sarkasmus, stehlen sie der Konkurrenz ziemlich schnell die Show. Da wären NLP, Duhovi, Nula Kelvina, Melanholiki (in der neueren Ära), dann Olfamoštvo und natürlich Brecelj, und N3L… N3L? Wir kommen der Sache schon näher…. Jeder auf seine Art. Die Mentalität des kleinen slowenischen Menschleins, verpackt in eine beißende aufklärerische Predigt. Einen authentischeren, funkensprühenden und durch und durch tragikomischen Abdruck bei der Reflexion der allgemeinen slowenischen Seele für das Jahr 2019 auf diesem Planeten findest du schlicht nicht. Wenn du all die himmlischen Lobeshymnen der Musikkritiker liest, die sich für die Werke von Same Babe begeistern, dann ist dieses (stellenweise schon ziemlich übertriebene) Superlative-Streuen am Ende gar keine Überraschung.
Der gesamte bekenntnisreiche „Zirkus“, den das teuflisch betitelte Album mitbringt, antwortet auf sublime Weise auf die verborgene Verbindung der Gruppe mit dem Teufel. Das künstlerische Wachstum der inhaltlichen Durchschlagskraft ist darauf bis ins Mark spürbar. Nun, das Album »Vražji bend« ist also durchaus eine willkommene Ausdrucksabweichung vom Vorgänger »Dobri možje«, der 2014 erschien. Vor allem haben die Jungs auf dem neuen Album die Reichweite ihrer Genrevermischung erweitert und ihren musikalischen Gestus bzw. seinen (ohnehin schon gut definierten) Charakter von Folk-Kabarett-Chansonnier-Parodistik bis hin in die Weiten des greifbaren Meißelns rockiger Phrasen ausgedehnt, was beim Hören ein kühn herausforderndes und reizvolles Album ergibt. Das Gespür und der Instinkt für die Einbettung jazziger Konturen in ein solches musikalisches Rezept fehlt keineswegs, und auch auf dem neuen Album haftet diesem musikalischen Körper durchgehend eine spürbar alternative Haltung an. Gleichzeitig nimmt auch die Dosis Schocktheater zu, mit der Same Babe mit ihrer bildreichen Ausdrucksdramaturgie den Hörer sprichwörtlich im Handumdrehen infizieren und ihn hypnotisiert durch ihr musikalisches Visionärtum führen. Das neue Album bringt auch dank der „charmant eingebetteten“ Momente rockiger Verzerrung mehr Fluss und sogar leichteres Hören mit sich, als es der in seinen Arrangements etwas steifere, vorhersehbarere Vorgänger in dieser Hinsicht geboten hatte. Deutlich mehr Liebe zum Einstöpseln in die Steckdose ist in dieser Hinsicht ein ausgesprochen willkommener Schachzug. Das Album wirkt noch beißender, „erschütternd“. An Kompromisslosigkeit mangelt es ihm nicht, und stellenweise weckt es auch einen Punkcharakter. Same Babe wirken als musikalisch-poetisches Konzept in ihrem Eklektizismus des parodistischen Zirkuswesens schwer greifbar – geschweige denn beherrschbar.
Wie erschafft man ein maximal „aufgeladenes“ Album? Fragt die Slowenen. Wir sind dafür die wahren Genies. Auf diesem Terrain gibt es kein Problem, bizarre Ausdrucksextreme zu erreichen. „Aufgeladen“ im Sinne echter Balance der tragenden Bausteine, die in packender Ausdrucksattraktivität resultiert und in der die Poesie in der Expression ihres Botschaftswertes ihre maximale Reichweite erreicht. Auf dem Album »Vražji bend« reizen Same Babe weiterhin mit ihrem ungezügelten Sinn für witzigen Umgang, wobei sie eine solide Kulisse hochintellektueller Pose aus durchdringendem Ausdruckseifer errichten, die durch die Gaunerhaftigkeit eines vorgespielten Pokerblatts aus Assen des siegreichen Eklektizismus den Hörer unaufhörlich begeistert, grenzenlos unterhält und mit saftiger Spötterei in Beschlag nimmt. Das heißt, er ist gerade richtig bitter, in der Predigt scharf-beißend und dabei grenzenlos sarkastisch. Stellt euch vor, ihr würdet die Bands NLP und Same Babe zu einem nacheinanderfolgenden Hören beider zuletzt veröffentlichter Alben vereinen. Das wäre eine echte Yin-Yang-Kombination. Beide Bands sind düster, zynisch, in der Predigt äußerst beißend – doch jede von ihnen erreicht das gewünschte Ziel auf ihre eigene Art. Wenn der Held in der Geschichte bei NLP am Ende unbedingt brutal zugrunde geht, bleibt in der Geschichte von Same Babe weiterhin der kleine gottesfürchtige Leibeigene, der zerknirscht alle Schläge extremer Erniedrigung brav, gewissenhaft und schweigend erträgt.
Auf dem Album »Vražji bend« weißt du tatsächlich nie, wo Same Babe als Nächstes hinabbiegen werden, und deshalb überrascht es einen auf Schritt und Tritt. Als Ausgangspunkt ihres alternativen Chansonnier-Schaffens haben Same Babe also, beim einfallsreichen Ausstatten von Poesie und Predigt, auch auf die Felder ausgiebigerer Rhythmuswechsel (Latino, Arabesken) zurückgegriffen, sich wohlgemut in die Gefilde von Country, Blues, balkanischer Melodik und mehr gerieben. Das Album wirkt kernig, packt mit seiner Kompaktheit, und es wäre keine Überraschung, wenn dahinter ein ausgefeiltes Konzept stünde. Es wirkt wie eine Geschichte mit ausgearbeitetem Anfang und Ende, in der alle Bausteine sinnvoll in der Anlage der Arrangements definiert sind und sich im kontrastierenden gegenseitigen Dialog durchgehend lebendig wahrnehmen und ergänzen. Die Harmonie zwischen ihnen, angeführt von der gesamten vokalen Interpretation, den Erzählungen und anderen vokalen Scherzen (auch durch mehrstimmige Vokalharmonien) und beim Erreichen spürbarer Ausdruckssaftigkeit, scheint kein Ende nehmen zu wollen.
Das Album eingespielt und arrangiert mit großem Feuer, angetrieben von einem urtümlichen Gespür für das durchdringende Plasma eines grenzenlosen intellektuellen Zynismus, in einem Format, dem man in Slowenien und sogar in der weiten Galaxis kaum Parallelen findet. Mit dem Album Vražji bend haben Same Babe bestätigt, dass sie neben ihrer sonstigen predigerischen Vollkommenheit auch im Bereich des Komponierens und Arrangierens die Reichweite des Visionärtums ihrer musikalischen Wahrnehmung kontinuierlich erweitern. Das beweist die größere Flexibilität im Genremix der ideellen Reife des neuen Albums, woraus folgt, dass die Band auch in Zukunft noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen hat.
Neben frischen Eigenkreationen und einer unterhaltsamen Bearbeitung von Matkos Pleši, pleši dekle bringt auch das neue Album einige Vertonungen von Gedichten anerkannter slowenischer Dichter – Tomaž Šalamun, Ervin Fritz, Janez Menart und Frane Milčinski – Ježek –, außerdem hat sich Viki Baba in zwei Vertonungen an Übersetzungen von Werken des tschechischen Dichters, Schriftstellers und Philosophen Egon Bondy gewagt. All diese reiche Fülle an botschaftlichem Erweckungsgeist, von größerer Aktualität in Zeiten des allgemeinen gesellschaftlich-moralischen Zerfalls, der geistigen und emotionalen Dystrophie sowie der Apathie eines zerfallenden Systems, das zu extremen Absurditäten greift, um sich nach zwei Jahrtausenden berüchtigter Dummheiten noch aufrechtzuerhalten, hätte mit dem Album »Vražji bend« kein würdigeres Postulat empfangen können. »Vražji bend« ist ein Meisterwerk und eines der durchdringendsten Werke, was die Albumveröffentlichungen auf der slowenischen Musikszene in diesem Jahr betrifft. Daran besteht also kein Zweifel.
Autor: Aleš Podbrežnik
Bewertung: 10 / 10
Trackliste:
1. Vražji bend (04:12)
2. Balada o pivskem bratcu (03:07)
3. Smrtek (02:44)
4. Hudobec (02:18)
5. Sistem v glavi (02:47)
6. Lepotičenje (02:29)
7. Pleši pleši dekle (03:23)
8. Pismo za Mary Brown (03:37)
9. Nor (…blues na navaden dan…) (04:34)
10. Videl sem Kitajca (01:31)
11. Komentar strica Fritza (00:20)
12. Žalostna pesem za kontrabas (01:41)
13. Vlak za Koper (02:49)
14. Krinko razkrinkaj (03:49)
15. Mušnice bele (03:02)
Besetzung:
Marko Voljč – Gesang, Trompete, Shaker
Miha Nemanič – Gesang, Mundharmonika, Tamburin, Shaker
Matjaž Ugovšek „Ugo“ – Gesang, Akustik- und E-Gitarren
Uroš Buh – Gesang, Schlagzeug, Bongos, Akustikgitarre
Marko Jelovšek – Gesang, Kontrabass, Akustikgitarre
Viki Baba – Gesang, Akustikgitarre
Mitwirkende:
Maja Predatoria – Gesang (Žalostna pesem za kontrabas)
Ervin Fritz – Rezitation (Komentar strica Fritza)
Rok Hozjan – Kontrabass (Vražji bend).