Rush: Signals (Neuauflage zum 40. Jahrestag der Veröffentlichung)
Label: Anthem (Originalveröffentlichung) / UMe/Mercury in Anthem Records (Neuauflage)
Erscheinungsdatum: 9. 9. 1982 (Originalveröffentlichung) / 28. 4. 2023 (Neuauflage zum 40. Jahrestag der Veröffentlichung)
Produktion: Rush & Terry Brown
Albumlänge: 43.12 min
Genre: Progressive Rock / Art Rock
Bewertung: 10/10
Das Album »Signals« ist (aus der Perspektive von fast vollen 41 Jahren nach der Veröffentlichung) die logische Fortsetzung von »Moving Pictures« (1981) und eine weitere Auffrischung seines Klangs. Gerade mal ein Jahr nach dem kommerziellen Durchbruchsalbum der Band erhielt der Rush-Sound einen experimentellen Vorhang aus primitiven Synthesizern der Marken Oberheim und Roland. Diese Entscheidung, Keyboards im Klang und im Arrangement so stark in den Vordergrund zu rücken, spaltete die Fangemeinde endgültig in zwei Lager. Trotz der gelungenen Klangwende zu Beginn der Achtziger – auf »Permanent Waves« und »Moving Pictures« hatten Rush im Bereich des Artismus bereits Ausdrucksraum für eine offensichtliche Klangmimikry erkämpft und Elemente modischer New-Wave-Strukturen implementiert – war das neunte Studioalbum der Band für viele Fans im Jahr 1982 schlicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Für Liebhaber des Klangs und der expressiven Horizonte der Band aus den Siebzigern war es schwer zu akzeptieren, dass die Gitarre auf »Signals« in diesem neuen Zustand künstlerischer Transition erneut Raum abtreten musste und im Klangbild der Produktion wieder den Kürzeren zog. Schon auf »Permanent Waves« und »Moving Pictures« hatte man in dieser Hinsicht die Nerven behalten müssen.
Die Achtziger brachten eben eine neue Ära, und auch Rush wollten dabei nicht gleichgültig bleiben. Sie mussten und wollten all ihre Talente einsetzen und das Klangbild der Band evolutionär weiterentwickeln. Die grundlegende Veränderung auf »Signals« kommt von Geddy Lee, der praktisch alle Songs in den Klang der damaligen Synthesizertechnik gehüllt hat. »Signals« trägt als markantes Klangelement die Integration des (heute) altmodisch klingenden Sounds der damaligen Synthesizer-Entwicklung in sich. Das Klangbild erzeugt ausgeprägte Kontraste und bewahrt dabei eine organische Qualität. Die kompakte und voluminöse Basslinie bleibt präsent, und Geddys Gesang verzichtet bereits auf dem dritten Rush-Album in Folge vollständig auf jene Schreimaniküren, die für Rush-Alben der Siebziger so typisch waren.
Genau dieser klar definierte Klang, bei dem die Synthesizerteppiche nahezu gleichberechtigt neben den Gitarrenfiguren stehen, bringt auf »Signals« eine atmosphärische Steigerung gegenüber allen vorherigen Rush-Alben. Eines der schönsten Stücke nicht nur dieses Albums, sondern der gesamten Rush-Diskographie – Subdivisions, mit dem das Album eröffnet wird – ist ein erstklassiger künstlerischer Schachzug der weiteren Klangentwicklung, die »Signals« mit sich bringt. Im üppigen Klangvorhang der Synthesizer hört man die Gitarrenfiguren zwar klar heraus, sie sind in der Produktion aber nachgeordnet. Bereits gleich in der Eröffnung Subdivisions. Selbst vor den Gitarrensoli lenken diese Synthesizer-Einschübe die Aufmerksamkeit auf sich. Die Gitarrensoli werden – interessanterweise – erst in den Auslaufteilen der Songs platziert (The Analog Kid, Chemistry). Geddys klarer und melodischer Gesang, der die frenetischen Schreier der Rush-Alben aus den Siebzigern längst hinter sich gelassen hat, wird erstmals in Begleitung der Synthesizerteppiche optimal eingesetzt und setzt dem beeindruckenden, üppigen Ambiente das i-Tüpfelchen auf. Dieses Ambiente vergrößert sein Gesang sogar noch weiter.
Chemistry – textlich das Herzstück des Albums »Signals« – weitet den künstlerischen Horizont aus. Rush haben darin eine Art Reggae-Finte eingebaut (der Vorrefrain). Dieser Reggae-Trick wird im Song Digital Man noch intensiver. Diese Experimentierfreude des Trios brachte diesmal allerdings auch viel Unmut des Produzenten Terry Brown in die Sessions, der solchen Wünschen der Band nach Erkundung ihres eigenen Klangterritoriums gar nicht wohlgesonnen war. Rush zeigten ihm deshalb die Tür. An diesem Punkt des Schäkerns mit dem Reggae-Genre lässt sich sofort eine künstlerische Verknüpfung zu Vital Signs herstellen, dem Abschluss von »Moving Pictures«. Auch dort greift der Reggae ins Arrangement – Rush haben damit symbolisch angedeutet, wohin sie sich auf dem nächsten Album künstlerisch bewegen würden. »Signals« also. Die klangliche Aufweichung durch eine künstlerische Annäherung an radiofreundlichere Gefilde rundet auf dem Album The Weapon ab, und auch New World Man sowie Digital Man bekräftigen diese Art von Artismus-Raffinesse. Der eigenwillige Sonderling des Albums ist eindeutig Losing It. Die Jungs haben hier dem Sound eine Geige hinzugefügt, die die Momente der Mystik und Melancholie vertieft beziehungsweise sie in einem ganz eigentümlichen Licht erscheinen lässt.
Anfang und Ende des Albums sind seine intensivsten Momente. Das abschließende Countdown vereint den Intellekt des Trios in einem unglaublich gelungenen Gleichgewicht. Die Beiträge aller drei Musiker sind brillant austariert. Im Inneren der anspruchsvollsten Komposition des Albums schaffen sie auf stimmige Weise fließende Atmosphärenwechsel und setzen ihnen dynamische Kontraste entgegen. Auch durch das geschickte Zusammenführen von Leitmotiven, die angesichts des eigenwilligen Artismus der Band immer wieder aufs Neue jenes anziehendste Merkmal der Erkundung der Rush-Musik zum Vorschein bringen: Eklektizismus. In Countdown, das am stärksten die überlieferte Progressive-Haltung der älteren Rush-Alben bewahrt, kehren Rush zu etwas vermisstem gitarristischen Hacken zurück – auch wenn Geddy, Neil und Alex den Geist der Klangressenz der Siebziger-Alben mit »Signals« endgültig zu Grabe getragen haben.
Neil Peart hat einmal mehr die Brillanz seines Geistes unter Beweis gestellt und einige tief persönliche Bekenntnisse in den Texten aufgereiht, die Geddy und Alex bei der Suche nach den passendsten Melodien erneut meisterhaft zum Leben erweckt haben. Subdivisions ist auch 2023 noch aktuell, wenn eigenständiges Denken verfolgt und wiederholt in Kapitel über Verschwörungstheorien eingeordnet wird (Zeile: »Conform, or be cast out!«). Es geht nämlich um die raffinierte Vermittlung einer puren Aufhaltung sowie eines Unbehagens, wenn das System einen zwingt, Dinge zu akzeptieren, von denen man tief im Inneren spürt, dass mit ihnen irgendetwas gewaltig nicht stimmt. The Analog Kid strebt im Text nach dem Wunsch, die ursprüngliche Natur zu spüren und ihre Authentizität und Echtheit zu erleben; in Chemistry sind Leitgedanken die »Signale, mit denen wir gegenseitigen Kontakt suchen«, und Peart berührt hier sogar Felder der menschlichen Physiologie (Ausrufe-Verse: »….Electricity, Biology…«). Zur Botschaft dieses Songs passt am treffendsten auch das Albumcover mit dem Dalmatiner, der einen Hydranten beschnüffelt (höchstwahrscheinlich reichlich mit caninen Signal-Hinterlassenschaften besprenkelt). The Weapon ist eine Antwort auf den Kalten Krieg, New World Man auf die wachsende Verletzlichkeit der Menschheit, die in der Wissenschaft fälschlicherweise Kontrolle und Sicherheit sucht, Losing It erzählt von der Vergänglichkeit des Menschenlebens, in dem Träume unerfüllt bleiben… Kurzum: die Sprache des Aufbegehrens, platziert nach dem vornehmsten raffinierten Prinzip. Fakten, die bereits 1982 aktuell waren, und Themen, zu denen Rush auch später immer wieder zurückgekehrt sind. Themen, die in ihrer Aktualität im Jahr 2023 geradezu zum Himmel schreien.
Genau diese klanglich bunten Collagen und Klangkontraste, die klar durch den dicken melodischen Bass, Geddys charakteristischen Gesang und den üppigen Synthesizerteppich aufgebaut werden, sind die Bausteine, die in ihrer Gemeinschaft auf dem Album »Signals« (in verblüffend harmonischen Kombinationen) ununterbrochen begeistern. Das sind im Grunde drei Grundbausteine, die die Atmosphäre und die künstlerische Reichweite des Albums besonders und einzigartig machen – und damit das Album selbst. Das Element der Überraschung (des Schocks) des Rush-Artismus! Im gelegentlich absichtlichen Bemühen, das Unvereinbare zu vereinen. Rush bewegen sich auf Signals also erneut in den künstlerischen Rahmen einer genialen Dosis witzig-versöhnlichen Experimentierens und bewahren damit eines der wesentlichen Erkennungszeichen ihrer Ausdrucksweise. Und mehr noch: Sie erfüllen es mit einer neuen Errungenschaft progressiv weiter.
Das Album »Signals« brachte bei seiner Veröffentlichung einen der Meilensteine der Bandkarriere hervor. Seine Nachfolger liebäugelten mit weiteren Spielarten der Klangraffinesse und der Ästhetik der damaligen Popmusik – etwas, das viele Fans der Band beim Vergleich des gesamten Diskographie-Opus noch heute am meisten schätzen. Ansätze also, die auf der anderen Seite die Fanbasis der Band entschieden gespalten haben.
»Signals« ist das letzte Rush-Album, von dem man eindeutig behaupten kann, dass es trotz der neuen Klangausrichtungen der Band noch vollständig einen organischen, lebendigen Sound trägt. Jener traditionelle Rock-Klang, der im Studio entsteht. Das weitere klangliche Glätten durch die Achtziger, das die zwischen 1984 und 1987 erschienenen Alben mit sich brachten, hat diesen letzten symbolischen Moment der Nostalgie »als der Rock noch jung war« vollständig in den Schatten gestellt. »Signals« lässt sich damit als eine Art Mittelalbum betrachten. Es gelingt ihm in einem gelungenen Gleichgewicht, den Geist der Rock-Tradition zu bewahren und ihm zugleich die modischen Neuerungen jener Zeit hinzuzufügen, die natürlich die Musikindustrie bevorzugte. New Wave tritt in seine Phase der vollen Blüte ein, Öl ins Feuer gießt die weitere Entwicklung der Synthesizer (Synth-Pop entsteht), elektronische Schlagzeuge kommen auf, und es folgt eine regelrechte Revolution im Wandel der Produktionsansätze in den Studios. Pop stand 1982 kurz davor, seine fruchtbarste künstlerische Periode zu betreten. All das beeinflusste natürlich auch die Klangentwicklung von Rush, die bereits zwei Jahre später einen neuen großen künstlerischen Sprung markierten, als das Album »Grace Under Pressure« (1984) erschien. Aber das ist eine andere Geschichte.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
Seite A.:
1. Subdivisions (5:32)
2. The Analog Kid (4:46)
3. Chemistry (4:56)
4. Digital Man (6:20)
Seite B.:
5. The Weapon (Part II of Fear) (6:22)
6. New World Man (3:41)
7. Losing It (4:51)
8. Countdown (5:49)
Besetzung:
Alex Lifeson – elektrische und akustische Gitarren, Taurus-Basspedal
Geddy Lee – Bassgitarren, Synthesizer (Minimoog, Oberheim, Roland Jupiter-8), Gesang
Neil Peart – Schlagzeug, Perkussion
Gastmusiker:
Ben Mink – Violine auf Track Nr. 7

