Robben Ford: Pure

0 183

Label: earMUSIC
Erscheinungsdatum: 27. 8. 2021
Produktion: Robben Ford & Casey Wasner
Albumlänge: 39.37 Min.
Genre: Jazz / Blues / Jazz-Rock Fusion
Wertung: 9.0/10


Robben Ford ist ein Musiker, der keine Vorstellung braucht. Global betrachtet gehört er zur Liga der handvoll bedeutendsten Gitarristen, die mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Werk einen konkreten Abdruck hinterlassen haben oder noch immer hinterlassen – und das nicht nur in dem, was sie aufnehmen und veröffentlichen, sondern sie haben auch die Entwicklung der Gitarrentechnik selbst maßgeblich beeinflusst. Nun hat auch Robben Ford dieses Jahr ein neues Studioalbum veröffentlicht. Nach 24 Jahren seit dem Album »Tiger Walk« (1997) das erste vollständig instrumentale Album. Es misst in der Länge knapp unter 40 Minuten, doch die musikalische Substanz ist randvoll mit vielfältigen Informationen gepackt, die im Einklang mit den Erwartungen an das, was das neue Album bringen würde, Fords Position auf einem ganz besonderen musikalischen Podest unter den zeitgenössischen Jazzgitarristen der Welt bewahren.

Der größte Magnet und die eigentliche Faszination beim Zuhören von Robben Fords Gitarrenspiel ist seine sinnliche Feinfühligkeit in der Gitarrensprache selbst. Das Suchen und Herausarbeiten vielfältiger Farbnuancen. Zwischen den Nuancen. Ein filigranes, ja perfektionistisches Haarspaltereien beim Aneinanderreihen gestimmter Töne, das einen unglaublichen Ertrag an Farbigkeit und sensibler Vielfalt erzielt. Wenn zwei aufeinanderfolgende Töne nicht mit derselben Intensität und Sensitivität gespielt werden. Das fließt im Charakter der Expression ständig ineinander und verändert sich. Eine Menge Finessen und Details, die ineinander übergehen und sich in der Natur des harmonischen Dialogs von Robbens Gitarrenspiel ergänzen, bleiben auch auf dem Album »Pure« ein unbeschriebenes Blatt Papier, das das Unikat des musikalischen Dossiers dieses faszinierenden Musikers aufbaut. Ford navigiert also auf dem neuen Album wieder meisterhaft zwischen den Inhalten von Jazz, Rock und Blues, wobei er auch einige musikalische Abenteuer liefert, die er in seiner langen Karriere noch nicht erprobt hat. Diesmal ließ er sich nämlich auch von indianischer Musik inspirieren.

Neun Tracks, einschließlich des titelgebenden Preludes sowie des (nicht minder) titelgebenden Instrumentals (gegen Ende des Albums), um das sich die Geschichte des Albums dreht. Ford ist diesmal zum ersten Mal in seiner Karriere so vorgegangen, dass er die meisten Stücke zuerst auf der Gitarre eingespielt hat. Er hat Gerüste vorbereitet. Feste Gerüste. Dann hat er die Musiker angerufen, damit diese jeweils ihren Teil beisteuern. Ford wollte diesmal mehr Kontrolle über die Rhythmik, er wollte Präzision. So hat er weder Bassisten noch Schlagzeugern irgendein eigenwilliges „Mäandern“ erlaubt. Auf klassische Weise, also als Band im Studio, wurden auf dem neuen Album nur drei Songs aufgenommen: Blues For Lonnie Johnson, Go und If You Want Me To. In diesen ist auch der Dialog der Bläser besonders spürbar. Das klangliche Bild der Arrangements dieser Stücke hat Robben Ford mit Bläsern untermauert und den Saxofonisten Bill Evans und Jeff Coffin auch etwas Raum gegeben, um mit ihren solistischen Kapriolen zu glänzen. Die Bläser sind dabei klug dem Gitarrenfrasieren „beigestellt“, oder ergänzen das Frasieren kontrastierend (wechselweise). Wenn der Klang der Gitarrenbegleitung im Frasieren fett und kompakt ist, kann der Einsatz der Bläser (Saxofone) auch in Harmonien gesetzt werden, wodurch die Klanglandschaft noch voller bzw. ausgereizter wird.

Wie bekannt besitzt Ford zuhause eine außergewöhnliche Gitarrensammlung. Diesmal aktivierte er im Studio einige davon, die er bislang bei Aufnahmen selten verwendet hat. Dazu gehört z. B. eine Gibson ES 355 Jahrgang 1964 im Stück Balafon. Auch diesmal hat der Mann in den Stücken mehrere Gitarrenlinien, Parts, Sektionen eingespielt – die Kontraste der Klangtiefe, die er dabei erzielt, sind wieder ungemein verführerisch. Besonders wenn die Rede auf die Manipulation des Reverb-Effekts kommt. Vor allem sind diese kleinen, prägnanten, aber streng durchdachten und dosierten „saftig-köstlichen Tricks“ des funkelnden Minimalismus beim Hinzufügen von Gitarrenornamenten in die motivischen Strukturen – von dem alten Fuchs – willkommene Gäste in Tracks wie den bluesigen Zaubereien White Rock Beer … 8 Cents und dem bereits erwähnten Blues For Lonnie Johnson. Hier überrascht es, wie viel zusätzliche Bewegung in der Sprache des Gitarrenspiels in Stücken möglich ist, die im Grunde im ziemlich vorhersehbaren Format der zwölf Gitarrentakte angelegt sind. Besonders gilt das für den Blues-Walzer Blues For Lonnie Johnson, wo Fords „Verbiegen“ der Töne (er verwendet eine Technik des kombinierten Finger- und Plektrumspiels) besonders intensiv und leidenschaftlich wirkt.

»Pure« ist ein äußerst abwechslungsreiches Werk. Darauf finden wir auch einige besonders erkundende, stellenweise sogar esoterische Tracks, in denen die Unprätentiösität des Gitarristen und sein feines, verinnerlichtes Gespür für die Kreation intensiver Stimmungsübergänge zwischen den Motiven brilliert. Dazu gehört definitiv das Stück Balafon, sowie das musikalisch stärkste Stück des Albums, das leichtfüßige Jazzinstrumental Milam Palmo mit einem entfernten Hauch von Calypso – während der Höhepunkt von Fords diesmaligen expressiven Unternehmungen im Titeltrack konzentriert ist. Dieser ist vom Hören indianischer Musik inspiriert. Darin ist eine Tabla vorhanden, die dem Stück einen „tribalen“ Charakter verleiht, während Ford sein Jazzspiel spielt und nicht versucht, die traditionelle Musik der amerikanischen Ureinwohner zu imitieren – wobei er alle Improvisationen „auf den ersten Schlag“ einspielt (in one take), ohne zusätzliche Overdubs und Basteleien und Verschönerungen. Das Ergebnis ist einmal mehr ganz besonders und eklektisch. Einen besonders verlockenden Jazz-Funk-Moment verzeichnet das Stück Go, während im besonders rätselhaften A Dragon’s Tail eine stattliche Verwendung des Reverbs regiert. Das abschließende If You Want Me To wirkt dem Stil nach, als hätte Ford es in Zusammenarbeit mit einem Clapton Mitte der Achtziger geschrieben, denn es sucht den Kontakt zu den Radiowellen. Nur dass die Vocals durch die Expression des Gitarrenspiels ersetzt wurden.

Robben Ford bringt mit dem neuen Album keine musikalische Revolution. Doch bleibt er damit so vortrefflich wie eh und je. Wie er es immer war. Er bleibt einzigartig und ist als solcher in den Kreisen der musikalisch Verwöhnten und Gourmets der zeitgenössischen Jazz-Feinmechanik nach wie vor heiß begehrt. »Pure« ist ein weiteres Manifest des Perfektionismus seitens eines achtsamen Purismus und aufrichtiger Reflexionen des kontinuierlich inspirierten, gegenüber Stimuli hochgradig flexiblen und empfindsamen Inneren des Musikers, das in den Expressionen der Transformation ideellen Reichtums nicht aufhört zu erfreuen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Pure (Prelude)
2. White Rock Beer…8 Cents
3. Balafon
4. Milam Palmo
5. Go
6. Blues For Lonnie Johnson
7. A Dragon’s Tail
8. Pure
9. If You Want Me To

Besetzung:
Robben Ford – Gitarre, alle Keyboards außer auf Track Nr. 3
Bill Evans – Saxofon auf den Tracks 2, 5 und 6
Jeff Coffin – Saxofon auf den Tracks 2, 5 und 6
Russell Ferrante – Wurlitzer auf Track Nr. 3
Jimmy Malis – Oud auf Track Nr. 9
Steve Mackey – Bassgitarre auf Track Nr. 4
Anton Nesbitt – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 5 und 9
Brian Allen – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 3 und 7, Solopart auf Akustikbass auf Track Nr. 9
Dave Row – Bassgitarre auf den Tracks Nr. 2 und 6
Patrick Ford – Schlagzeug auf Track Nr. 2
Keith Carlock – Schlagzeug auf Track Nr. 3
Casey Wasner – Schlagzeug auf Track Nr. 4
Nate Smith – Schlagzeug auf den Tracks Nr. 5 und 6
Toss Panos – Schlagzeug auf den Tracks 7 und 8
Shannon Forest – Schlagzeug auf Track Nr. 9, Schlagzeug unter dem Gitarrensolopart auf Track Nr. 7
Wes Little – Perkussion auf Track Nr. 4
Satam Rangotra – Tabla auf Track Nr. 9


Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki