Rick Wakeman: The Red Planet

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Label: R&D Multimedia
Erscheinungsdatum: 19. 6. 2020 (digital) / 28. 8. 2020 (physisches Format)
Produktion: Rick Wakeman
Albumlänge: 55.28 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.5/10


Der legendäre Keyboard-Zauberer Rick Wakeman, der sich als Mitglied von Yes in die Riege der Musikunsterblichen eingeschrieben hat, ist wieder da – mit seinem neuesten Studiowerk namens »The Red Planet«. Diesmal handelt es sich um eines seiner ambitioniertesten Projekte der letzten zwei Jahrzehnte, an dem eine veränderte Version seines Begleitbands The English Rock Ensemble mitwirkte. Besonders heraus stechen dabei Bassist Lee Pomeroy, einer der gefragtesten Bassisten im modernen Prog Rock, sowie Schlagzeuger Ash Soan, der mit zahlreichen kommerziell etablierten Musikern zusammengearbeitet hat und Yes-Fans vor allem durch seine Mitarbeit in den Begleitbands des ehemaligen The Buggles- und Yes-Duos Trevor Horn und Geoff Downes bekannt ist. Gitarrist Dave Colquhoun, ein weiterer angesehener Gelegenheitsmusiker, arbeitete mit Rick bereits auf dem Album »Out of the Blue« aus dem Jahr 2001 zusammen.

»The Red Planet« ist nach »Out There« aus dem Jahr 2003, auf dem Damian Wilson (Arena, ex-Threshold) sang, wieder das ‚richtige‘ Prog-Rock-Album, auf das Ricks Fans fast zwanzig Jahre warten mussten. Im Gegensatz zu »Out There« handelt es sich um ein rein instrumentales Werk mit acht erstklassig arrangierten und gespielten symphonisch-prog-rockigen Kompositionen, an denen sich alle langjährigen Anhänger von Ricks Solokarriere – die viele Höhen und Tiefen hatte – erfreuen werden. Alle jene ‚ungläubigen Thomasse‘, die dachten, der alte Keyboard-Fuchs könne im ‚Herbst seines Lebens‘ nur noch auf dem Flügel klimpern, umgeben von moralischer Unterstützung und dem Applaus seiner Enkel, haben sich diesmal gründlich geirrt.

Ricks Virtuosität ist vollkommen ungebrochen, und obwohl er häufig die solistische Initiative ergreift – was man von ihm auch irgendwie erwartet –, lässt er den drei Begleitmusikern dennoch genug Raum, um gemeinsam eklektische Kompositionen mit Hand und Fuß zu erschaffen, die mit ihren spezifischen atmosphärischen Ausrichtungen eine ausgesprochen hypnotische Wirkung entfalten. Wie bereits der Albumtitel und die Namen der Stücke verraten, sind die Kompositionen dem Mars und einzelnen Regionen auf dem ‚Roten Planeten‘ gewidmet.

Der astronautische Marsch über den Mars beginnt mit dem Stück »Ascareus Mons«, das dem dortigen erloschenen Vulkan gewidmet ist. Dieses enthält eine grandiose Orgeleinleitung, die für eine sakral gefärbte Atmosphäre sorgt. Bald schaltet sich die gesamte Rhythmussektion ein, die das atmosphärische Drama steigert, bis die ganze Band aktiv ist und diese eklektische Komposition meisterhaft zu ihrem Abschluss bringt. »Tharsis Tholus« enthält ungewöhnliche Taktwechsel, komplexe Gitarrenpassagen und außergewöhnlich eklektische Keyboard-Arrangements von einem der größten Meister des Tastenspiels. Besonders spaßig kommen die hohen Töne auf dem Mini-Moog rüber, die längst zu einem der Markenzeichen von Ricks Keyboard-Technik geworden sind.

»Arsia Mons« ist ein anschaulicher Beweis, dass symphonischer Progressive Rock die Wucht und Herausforderung des traditionellen Heavy Metal oder Progressive Metal erreichen kann, ohne dabei eklektische Arrangements und atmosphärische Raffinesse zu opfern. Die Stimmung dieser hervorragenden Komposition wechselt von Minute zu Minute, wobei uns Herr Wakeman auch mehrmals an seine Errungenschaften aus dem Bereich der New-Age-Musik erinnert. Die Keyboard-Arrangements auf »Olympus Mons« werden mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Verspieltheit und Energie gespielt, während die Stimmung sich im weiteren Verlauf vom Düster-Melancholischen ins beinahe Hymnische wandelt. Eine unerwartete, intelligente Wendung in einen Abschnitt, dessen zentrales Motiv außergewöhnliche Nostalgie weckt, bildet den Höhepunkt dieses großartigen Stücks. »The North Plain« öffnet sich mit zerbrechlichen Klavierklängen und obskur klingenden Effekten, die zusammen eine Atmosphäre vollständiger Einsamkeit erzeugen – so wie wir sie uns vorstellen, wenn wir an den ersten Menschen auf dem Mars denken. Bald folgt ein Übergang in einen dramatischen Abschnitt, in dem Meister Wakeman mit seinen vielfältigen Keyboard-Kapriolen begeistert, während aufgepeitschte Gitarrenpassagen ihm fast ebenbürtig Gesellschaft leisten.

»Pavonis Mons« enthält dramatisch verspielte Moog-Passagen, die eine geheimnisvolle Atmosphäre erzeugen, während das spielfreudige Rhythmusgespann mit Unterstützung eklektischer Gitarrenpassagen gleichermaßen begeistert wie der Keyboard-Zauberer persönlich. »South Pole« enthält im Gegensatz zu den meisten Stücken auf »The Red Planet« einen freundlichen und warmen Ambient, wobei diesmal der Schwerpunkt vor allem auf orchestralen Klangflächen und außergewöhnlichen Klaviersoli liegt. Das abschließende epische Meisterwerk »Valles Marineris« stellt das Magnum Opus dieses Albums dar. Es öffnet sich mit den Klängen eines Militärmarsches, was uns daran erinnert, dass der Rote Planet seinen Namen vom römischen Kriegsgott erhalten hat. Mit der Zeit setzen Ricks charakteristische Synthesizer-Passagen mit hohen Tönen ein, die zusammen mit den übrigen Instrumentalisten eine entscheidende Rolle beim Aufbau der majestätischen Atmosphäre spielen.

»The Red Planet« lässt sich neben die bedeutendsten Werke von Wakemans ausgesprochen umfangreichem Solowerk stellen. Trotz der enormen Quantität finden sich darin nicht viele Werke, die den Titel Meisterwerk verdienen würden – wie man es von einem Musikmeister dieses Kalibers vielleicht erwarten würde. »The Red Planet« gehört zweifellos zum engsten Kreis von Ricks besten Alben, neben Klassikern wie »The Six Wives of Henry VIII« (1973), »Journey to the Centre of the Earth« (1974), »The Myths and Legends of King Arthur and the Knights of the Round Table« (1975) und »No Earthly Connection« (1976). Ricks Ankündigung, ein Prog-Rock-Album auf dem Niveau der zuvor genannten Alben schaffen zu wollen, war also nicht aus der Luft gegriffen. »The Red Planet« ist quasi ein makelloses Album, dem man praktisch nichts vorwerfen kann – außer vielleicht, dass bestimmte Kompositionen mit einem passenden Sänger womöglich noch besser ausgefallen wären.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Trackliste:
1. Ascraeus Mons (5:53)
2. Tharsis Tholus (6:17)
3. Arsia Mons (6:10)
4. Olympus Mons (5:20)
5. The North Plain (6:53)
6. Pavonis Mons (7:14)
7. South Pole (7:35)
8. Valles Marineris (10:02)

Besetzung:
Rick Wakeman – Keyboards
Dave Colquhoun – Gitarre
Lee Pomeroy – Bassgitarre
Ash Soan – Schlagzeug


Rick Wakeman – Ascraeus Mons (offizielles Video)
Rick Wakeman – Olympus Mons (offizielles Video)
Rick Wakeman – „The Red Planet“ (Albumcover)
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