Rage: Afterlifelines
Label: SPV/Steamhammer Records
Erscheinungsdatum: 29. 3. 2024
Produktion: Rage & Peavy Wagner
Albumlänge: 94 Min.
Genre: Heavy Metal / Power Metal
Wertung: 9.0/10
Rage gehören zu den echten Veteranen des europäischen Metals. In gewissem Sinne haben sie bereits einen fossilen Stammbaum vorzuweisen. Die Karriere begann vor 40 Jahren unter dem Namen Avenger, und 1985 erschien das Debütalbum „Prayers Of Steel“. Danach wechselten sie zu Rage und veröffentlichten weitere 24 Studioalben. Mit dem neuesten, „Afterlifelines“, sind es damit insgesamt 26. Afterlifelines umfasst eigentlich zwei Alben: das erste heißt „Afterlife“, das zweite „Lifelines“.
Rage haben sich weiterentwickelt. Die ganze Zeit. Durch alle vier Jahrzehnte ihres Schaffens. Deshalb lassen sich in der Geschichte der Band mehrere Ären unterscheiden, die sich in ihrer musikalischen Ausrichtung deutlich voneinander unterscheiden. Dazu haben Besetzungswechsel beigetragen, vor allem auf der Gitarrenposition, auf der anderen Seite aber auch die ewige Vorliebe von Bandchef Peter ‚Peavy‘ Wagner dafür, Elemente der klassischen Musik mit Rage-Heavy-Metal zu fusionieren. Echte Fans und Kenner der Band werden daher ganz genau sagen können, welche Ära ihnen die persönlich liebsten Alben beschert hat. Auch beim 26. Studioalbum blieb ein Besetzungswechsel nicht aus – verglichen mit dem mehr als ausgezeichneten Vorgänger „Resurrection Day“ (2021, Rockline Rezension). Rage sind nämlich für das neue Album vom Quartett wieder zum Trio geschrumpft. Gitarrist Stefan Weber hat die Band verlassen, und Peavy behielt Gitarrist Jean Bormann sowie den Schlagzeuger griechischer Herkunft Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos an seiner Seite, der Rage bereits 2015 beigetreten war (vor seinem Einstieg war Lucky viele Jahre lang Schlagzeug-Techniker beim legendären Chris Efthimiadis, der zwischen 1987 und 1999 mit Rage zusammenarbeitete)!
‚Peavy‘ ist also das unverzichtbare Glied, das immer da sein muss. Er ist der ewige Rage-Vocalist (und Bassist). Da sein Gesang auf Anhieb wiedererkennbar ist, handelt es sich um ein essenzielles Element, das schlechthin unverwechselbare Markenzeichen, das bei Rage einfach sein muss. Und „Afterlifelines“ ist ein Album, das auf gewisse Weise rückblickend ist, wenn man die Substanz früherer Rage-Alben betrachtet.
Die erste LP heißt „Afterlife“, auf der Rage in ihrer bekannten – ‚primordialen‘, das heißt sehr direkt angreifenden musikalischen Haltung spielen, die für dieses Trio bestens bekannt ist. Am nächsten steht sie dem Vorgänger „Resurrection Day“, verbirgt aber keineswegs sinnvolle Assoziationen zu älteren Alben, auch wenn man mit den Jahreszahlen bis hin zum kultischen „Perfect Man“ (1988) zurückgeht. Die zweite LP heißt „Lifelines“, auf der Rage erneut ihre ausdrucksstarke Heavy-Metal-Haltung mit orchestralen Elementen kombinieren. Die beiden Alben sind daher spürbar verschieden. Das ist weder „Speak Of The Dead“ (2006) noch „Thirteen“ (1998) – „Afterlifelines“ ist in der Gesamtbilanz ganz eindeutig eine eigene Art von Ungetüm.
Wenn wir bei der ersten LP, also „Afterlife“, verweilen: Rage servieren darauf eine rabiate Faust voller schnell rotierender Heavy-Metal-Schrapnelle, angeführt vom unzerstörbaren ‚Peavy‘ mit seinem unglaublich gut erhaltenen Gesang. Dieser ist mit seiner aggressiven Haltung (leicht kehligen Charakters), durchgängig absolut souveräner Ausführung, vollgepackt mit Emotionen und Leidenschaften, die dem Werk eine wichtig düstere, böswillige und okkulte Note verleihen, der Hauptschöpfer des musikalischen Charakters der Band – elementar, und gleichzeitig absolut einzigartig! Trotz des neuen Vorrats exzellenter Gitarrenphrasen, die sofort mitreißen, und der überragenden Schlagzeugvorstellung von Lucky, ist es ohne den theatralischen ‚Peavy‘ und seine zurückhaltende Vitalität schlicht undenkbar, sich diese oder jene Rage vorzustellen.
Die Produktion ist erstklassig! Lebendig! Kontrastreich gefüllt. Voluminöse und scheppernde Basslinien, Lucky’s kanonenhafte Schlagzeugkanaden und das verfeinerte Gespür des hervorragenden Jean Bormann für plasma-musikalisch ansteckende Gitarrenharmonien, vielfältige Ornamente, aufgeschäumte Soloeinlagen – und was am wichtigsten ist: Phrasen, die sofort packen und Rage von Kopf bis Fuß sind. Rage, wie wir sie am liebsten mögen. In dieser Hinsicht sind Rage auf dem neuen Werk spürbar musikalischer als auf dem keineswegs schwächeren Vorgänger Resurrection Day. Auch Peavy geht in den Refrainmelodien mehrfach deutlich pompöser und packender zu Werke, was bedeutet, dass diese Songs auch auf Konzerttourneen hervorragend funktionieren werden. Rage bleiben also angenehm aufgekratzt, beißen unerbittlich, treiben mit ihrer bestialischen Haltung das Rad der musikalischen Ausrichtung mitunter auch Richtung ‚Thrash‘, liefern dabei aber durchgängig eine schöne Portion musikalischer Ansteckungskraft.
Die zweite LP „Lifelines“ verneint dabei (keine Sorge) die aufgekratzte Ausdrucksstärke der Band keineswegs. In die Arrangements flechten sich Streicher und Klavier ein, doch die Songs Cold Desire, Root Of Our Evil, Curse The Night, One World und It’s All Too Much bremsen das Drängen und Rasen der Band nicht, obwohl die Klanglandschaft dieser Stücke um Streicher-Orchestrierungen bereichert ist. Aber auch auf diesem Teil des Albums bleiben Rage als Trio weiterhin im Vordergrund. Wir befinden uns beim dritten Drittel des neuen Werks, genauer gesagt auf der Hälfte der zweiten LP. Es ist erstaunlich zu erkennen, wie Rage in so kurzer Zeit so viele Ideen aufgehäuft haben, die sie zu konkret ausgearbeiteten und geschliffenen Kompositionen entwickelt haben. Denen lässt sich kaum etwas nehmen oder hinzufügen. Es handelt sich um ein reinrassiges Rage-Opus, das in seiner Aufgekratztheit (Ausführungsbegeisterung), seiner außerordentlich gelungenen ideellen Abwechslungsreichtum, seiner exzellenten düsteren und hochdurchlässigen Dynamik der Ereignisentwicklung sowie dem geschickten Drahtseilakt zwischen stechend robuster Angriffslust und verinnerlichtem Sinn für plasma-hochansteckende Musikalität überzeugt.
Das große Finale dieses Albums und sein kompositorischer Höhepunkt ist natürlich die epische Suite (wer die Doppel-LP besitzt, das ist die gesamte Seite D). Die Songs Dying To Live (als eine der drei Singles des Albums veröffentlicht), The Flood, Lifelines, Interlude und In The End ‚gehen ineinander über‘, sind miteinander verbunden und funktionieren tatsächlich wie eine über 20 Minuten lange Komposition (Mini-Epik-Suite). Gleichzeitig kommen in den Arrangements dieser über 20-minütigen Schlange voller Stimmungsumschwünge die orchestralen Arrangements auf der einen Seite, aber auch akustische Elemente immer stärker in den Vordergrund, und ‚Peavy‘ liefert auch einen etwas weicheren vokalen Charakter – wobei hinzuzufügen ist, dass sich Melancholie und Beklemmung diesem Ansatz keineswegs beugen. Grandiose, auch bewegende Atmosphäre! Ein Manöver, das für diese Band nicht neu und unbekannt ist, aber diesmal wieder etwas anders serviert, aufgefrischt, noch unerprobt!
„Afterlifelines“ ist eine ausgezeichnete neue Errungenschaft dieser Legendenband. Fans aller Tricks und Qualitäten dieser Band werden es sofort als ihr eigenes annehmen. Es ist geschliffen, inspiriert, jongliert geschickt mit einigen wohlbekannten Elementen, die die Band auf ihrem Weg mehrfach erprobt hat, und verpackt sie gleichzeitig gekonnt ’neu‘ – spricht dabei sowohl leicht retrospektiv und nostalgisch an, liefert aber zugleich eine außerordentliche Dosis frischer Inspiration, mit der „Afterlifelines“ bestätigt, dass der legendäre Peter ‚Peavy‘ Wagner noch lange nicht sein letztes Wort gesprochen hat und dass sich in diesem Künstlerkopf noch so manche interessante Idee verbirgt, die er auch im reifen Schaffensstadium der Band verwirklichen will. Und das ist sehr gut so. „Afterlifelines“ ist ein Album, das ‚unglaublich‘ dicht mit musikalischer Information – mit Substanz – vollgepackt ist. Trotz der bewährten Formel, die Charakter und Werk von Rage definiert, handelt es sich um ein Werk von weit mehr als 94 Minuten, das konkret etwas zum Nagen liefert. Ein Monument, das man nach und nach entdecken muss. Mit mehreren Durchläufen. Mit jedem packt es mehr und mehr. So soll es auch bleiben!
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
„Afterlife“ – CD1:
1. In The Beginning
2. End Of Illusions
3. Under A Black Crown
4. Afterlife
5. Dead Man’s Eyes
6. Mortal
7. Toxic Waves
8. Waterwar
9. Justice Will be Mine
10. Shadow World
11. Life Among The Ruins
„Lifelines“ – CD2:
1. Cold Desire
2. Root Of Our Evil
3. Curse The Night
4. One World
5. It’s All Too Much
6. Dying To Live
7. The Flood
8. Lifelines
9. Interlude
10. In The End
Besetzung:
Peter ‚Peavy‘ Wagner – Gesang, Bassgitarre
Jean Bormann – Gitarre
Vassilios ‚Lucky‘ Maniatopoulos – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Lingua Mortis Orchestra:
Marco Grasshoff – Klavier, zusätzliche Orchestrierungen
Aland Kalaf – Violine
Sebastian Weibels – Violine
