Proud: Second Act

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Label: AOR Heaven Records
Erscheinungsdatum: 28. 5. 2021
Produktion: Thomas „Plec“ Johansson
Albumlänge: 44.49 min
Genre: Heavy Metal/Melodic Metal
Bewertung: 8.5/10


Proud sind eine schwedische Band mit einer interessanten Geschichte. Die Story beginnt tief in den Achtzigern, als Proud 1982 zunächst unter dem Namen Burn an den Start gingen, kurz darauf zu Masquerada wurden und sich schließlich 1984 als Proud festigten — und man glaubt es kaum: bei EMI Records, die damals unter anderem auch Iron Maiden unter Vertrag hatten, veröffentlichten sie ihr einziges Album mit dem Titel »Fire Breaks The Dawn«. Proud operierten damals als Quintett. Mit zwei Gitarristen in der Besetzung hat den Aufbruch der Band sicher auch der Boom des klassischen Metals rund um die N.W.O.B.H.M.-Bewegung angeheizt. Genau so klingt auch das Debüt, das bei seiner Veröffentlichung 1984 den richtigen Zug ordentlich verpasst hatte — denn aus dem Hintergrund klopfte bereits ein neues Genre-Monster namens Thrash Metal an die Tür. Es würde niemanden überraschen, wenn »Fire Breaks The Dawn« auch heute noch jemand zum größten Underground-Heavy-Metal-Album aller Zeiten erklären würde, obwohl es bei EMI erschien. Obskure, rohe, unpolierte Produktion — und trotzdem das Gespür fünf talentierter Kerle für Musikalität, dazu ein wütend-boshaftes Gitarren-Reiben unter einem äußerst obskuren Gesang. Ein Sound wie von einer Demoaufnahme. Kult — und für die größten Feinschmecker des Old-School-Metals ein echtes Muss.

Satte 36 Jahre später kehrt die Band auf die Bühne zurück — mit einem zweiten Album, das den bezeichnenden Titel »Second Act« trägt. Proud haben sich als Trio neu aufgestellt. Mit dabei sind zwei Originalmitglieder aus den Achtzigern: Bassist Bobby Horvath und Sänger Anders Magnell, der jetzt auch die Gitarren übernommen hat. »Second Act« bietet nur wenig von dem, was man auf dem Debüt hören konnte. Die Band hat ihren ausgeprägten Sinn für Musikalität behalten, doch die Arrangements sind grundlegend anders. Das Album wirkt tatsächlich sehr AOR-lastig. Dabei sind Proud keineswegs in Extreme gegangen. Sie haben die rauere Produktion beibehalten, mit betontem Gitarren-Phrasieren, dem aber konkret ausgearbeitete Keyboard-Linien zur Seite stehen — darunter auch Orgelsound. Stärker zum Ausdruck kommt zudem eine Note des Neo-Klassizismus, die sich gerne an skandinavische Bands heftet, sowohl im Hard Rock als auch im Heavy Metal. Genau dieses Element ist womöglich das einzige, das irgendwie noch die Verbindung zu den Achtzigern aufrechthält — und Anders‘ Gesang ist merklich reifer geworden und spricht deutlich geschliffener und definierter an. Hinweisen muss man auf jeden Fall darauf, dass die Produktion des neuen Albums Lichtjahre von jenem obskuren, aber mehr als vielversprechenden Grummeln auf dem Debüt entfernt ist.  

Dank des Produktions-Pedigrees von Thomas Plec Johansson hat die Band ihren härteren Charakter bewahrt, sich dabei aber keineswegs in bombastische Pomposität verrannt und auch einen Hauch dunkler Färbung behalten, der die Energie der Songs und des Albums begleitet. Mit den Jahren haben Proud auch begonnen, „langsamer zu denken“. Alle Songs zielen nämlich auf ein mittleres Tempo ab. Balladen gibt es keine. Der musikalische Ertrag ist schlechthin faszinierend. Er packt einen sofort. Vor allem die Refrains werden zunächst Fans von Melodic Rock und AOR gefallen — obwohl man das Album als eine Art melodischen Metal-Hybriden bezeichnen kann. Aber von einer unglaublich gelungenen und eingängigen Natur. Der dramatische Theatersinn ist packend und allgegenwärtig. Im Song Hold On erreicht er seinen (vermutlichen) Höhepunkt.

Die Songs wetteifern miteinander, wer von ihnen mehr packende Musikalität entfaltet. Die Steigerung von der Strophe in die Pre-Chorus-Sektion (wo vorhanden) und in den Refrain ist raffiniert ausgearbeitet und hält das Theater hochvibrant und stimmungsvoll am Laufen. Die Gitarrensoli sind keineswegs schnell oder aufgepeitscht, und es gibt auch kein tempogetriebenes Notengeschieße. Magnell, der auf dem Album seine Gesangsrolle mit einer ausgezeichneten Performance rechtfertigt, ist in erster Linie Sänger. Beim Solieren ist er äußerst rational. In den Mid-Eight-Passagen greift er gelegentlich lieber zur Modulation und spannt eine ganz neue Melodie ein, anstatt die Leitfigur beizubehalten und darüber ein Solo zu legen. Reichlich neo-klassische Gitarrenornamente und Harmonien sind vorhanden, gestützt von Keyboard-Linien. Schwedische Detailarbeit und Schliff. Skandinavische Hingabe, die ihresgleichen sucht.   Es sind mehrere Gitarrenlinien eingespielt, und das Album trägt eine außerordentliche Klangfülle. Es ist ansteckend. Sehr ansteckend. Dabei aber zugleich beständig melancholisch-musikalisch. Die kompositorische Natur, das Rezept des Schreibens, ist durchgehend sehr ähnlich, und zwischen den Songs gibt es keine wesentlichen Ausreißer. Was anzieht, ist ihre ausgearbeitete Anlage, die einen geschliffenen Charakter trägt und eine ansprechende, gegenseitige ideelle Lebendigkeit. Bei einer ausgezeichneten, lebendigen Produktion spricht das Album einnehmend an. Qualitative Schwankungen zwischen den Songs gibt es keine. Die gelegentliche Kontur des Hammond-Orgelklangs verleiht manchen Tracks sogar einen entfernten Hauch von Hard Rock der Siebziger (Born For Your Love) oder gleich dahinter Crying For The Night.  Und dann gibt es Momente, die bei anderen Produktions- und Arrangement-Hebeln in der Manier von AOR ansprechen könnten (Higher).

Mit »Second Act« sind Proud nach 37 Jahren also eine völlig andere Band als das, was sie in den Achtzigern darstellten. Aber das bringen die Jahre der Reifung mit sich. Am Ende zählt letztlich nur die Qualität. Und davon ist reichlich vorhanden. Die Band ist also wieder da. Für Konzerte — falls es dafür je eine Möglichkeit geben sollte — müsste sie jedoch gelegentlich wieder zum Quintett anwachsen, sonst wird sie live definitiv nicht in der Lage sein, das Material des Studio-Debüts zu spielen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Sail Away
2. Broken Dreams
3. Magic
4. Born For Your Love
5. Crying In The Night
6. Dangerous
7. Higher
8. Hold On
9. I’m Ready
10. Fly Like An Eagle

Besetzung:
Anders Magnell – Gesang, Gitarre, Hintergrundgesang
Roberth Horvath – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Mats Christiansson – Schlagzeug, Hintergrundgesang

Gastmusiker:
Richard Larsson – Keyboards


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