Primal Fear: Code Red
Erscheinungsdatum: 1. 9. 2023
Label: Atomic Fire Records
Produktion: Mat Sinner (Ko-Produzenten: Ralf Scheepers & Tom Naumann)
Albumlänge: 57.51 min
Genre: Power Metal
Bewertung: 8.5/10
„Code Red“ ist das sage und schreibe 14. Studioalbum der deutschen Power-Metal-Terminatoren Primal Fear. Die Band, die seit 1997 unermüdlich am Werk ist, gilt als eine der fleißigsten Combos ihres Genres, was die regelmäßige Veröffentlichung von Studioalben angeht. Ausgerechnet auf das neueste, also „Code Red“, musste man am längsten warten – gemessen an den bisherigen Abständen zwischen ihren Alben. Drei Jahre sind seit „Metal Commando“ (2020, Rockline Rezension) vergangen – einem Album, das als eines der schwächeren und schnell vergessenen Werke im reichen Backkatalog der Band gilt.
„Code Red“ ist im Gegensatz zum Vorgänger wieder ein außerordentlich starkes Werk. Primal Fear liefern von Track zu Track konstant ab. Das Album hält sein künstlerisches Niveau durchgehend hoch, ohne nachzulassen. Eine Reihe brillanter Ideen hat sich angesammelt, die Chemie der Band wird auf diesem Werk wieder glänzend ausgespielt. Wie man es gewohnt ist – und die Erwartungshaltung gegenüber Primal-Fear-Alben liegt immer sehr hoch – hat sich die Band mit „Code Red“ wirklich in vollem Glanz bewiesen.
Mitreißende Refrains! Genau das braucht Power Metal à la Primal Fear! Und natürlich ziehen sie so stark wie möglich an die Zeit vor zwanzig Jahren – an die Ära der ersten vier Alben. Die Crew ist eine eingeschworene Truppe aus sechs gestandenen Metal-Godfather-Musikern, die ganz genau wissen, wie man die Dinge sowohl im Studio als auch in Sachen maximaler Mitreißkraft hinbekommt, die eine bestimmte Komposition liefern kann.
Sinner und Scheepers bleiben der Motor der Truppe. Letzterer liefert wieder eine mörderische Gesangsdarbietung – wie man es von ihm gewohnt ist. Da sind drei außergewöhnliche Gitarristen, zwischen denen es schon längst keine Geheimnisse mehr gibt, wobei Karlsson zusätzlich bestens bewandert ist, sowohl was Produktionstricks angeht als auch die Ausschmückung der Arrangements mit Keyboards und orchestralen Ornamenten. Da ist die Kanonenfestung, das rollende Ungetüm mit dem schlagartigen Einsatz der doppelten Bassdrum – Schlagzeuger Michael Ehre (auch bei Gamma Ray, The Unity und Uli Jon Roth), ohne den die Wucht der Gitarrenphrasen nie so effektiv zupacken würde. Alles ist an seinem Platz. Dazu die sprichwörtlich exzellenten Soli-Eskapaden aller drei Gitarren-Asse sowie atmosphärische Übergänge und Modulationen, die dem Album eine außergewöhnliche Dynamik verleihen. Kein Moment, der dem Hörer Minuten stiehlt. Kein Füllmaterial also. Was angesichts der unveränderlichen Kompositionsformel nach einer so langen Ära und dem außerordentlich reichen Albumkatalog wirklich schwer zu erreichen ist.
Their Gods Have Failed ist eine neue kleine Power-Metal-Sinfonie, die längste Komposition des Albums. Die abwechslungsreichste und zugleich außerordentlich düstere. Eine der dunkelsten Nummern des Albums. So wie es etwa Eye of the Storm vom Album „Apocalypse“ (2018, Rockline Rezension) oder We Walk Without Fear vom Album „Rulebreaker“ (2016) waren. Mit einem deutlich ausgedehnten Instrumentalteil, in dem wieder alle wesentlichen Inhalte des musikalischen Dossiers von Primal Fear aufblitzen. Die bildhafte Ausschmückung der Übergänge mit Gitarrenharmonien in Terzen fehlt natürlich nicht! Da ist Cancel Culture, das eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den Landsleuten Gamma Ray zeigt und einen neuen, außerordentlich mitreißenden Refrain präsentiert. Auf dem Album sticht in Sachen Refrain-Eingängigkeit auch das mitteltempige, aber ausgesprochen düstere Deep in the Night hervor. Und das ist noch längst nicht alles. Der rasende Auftakt-Kinnhaken Another Hero, oder das wild tobende Raged By Pain, das die verbissene Unnachgiebigkeit bei der Suche nach maximaler Wucht auch nach mehr als 25 Jahren Bandgeschichte bestätigt. Das balladenhafte, aber episch bombastische Forever, bei dem Karlsson das kompositorische Hauptwort hatte, bremst das Album ganz am Ende, während das bildhafte Finale-Stück Fearless im letzten Akt nochmal Öl ins Feuer gießt.
Primal Fear bleiben auch in der neuen Zeit ansteckender als Accept und konkret wuchtiger als Helloween – wenn man also den Blick auf ihre deutschen Landsleute zur klanglichen und stilistischen Einordnung richtet. „Code Red“ ist ein neues, äußerst giftiges Primal-Fear-Album. Zum Glück wieder konkret inspiriert und ein starkes Dokument, das die Band zurück an die Spitze der zentralen Figuren des (europäischen) Power Metals katapultiert!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Another Hero
2. Bring That Noise (ursprünglich The Flood)
3. Deep In The Night
4. Cancel Culture
5. Play A Song
6.The World Is On Fire
7.Their Gods Have Failed
8.Steelmelter
9.Raged By Pain
10. Forever
11. Fearless
Besetzung:
Ralf Scheepers – Gesang
Mat Sinner – Bass, Hintergrundgesang
Alex Beyrodt – Gitarre
Tom Naumann – Gitarre
Magnus Karlsson – Gitarre
Michael Ehré – Schlagzeug
