Poverty’s No Crime: A Secret To Hide
Label: Metalville Records
Erscheinungsdatum: 30. 4. 2021
Produktion: Simone Mularoni (DGM)
Albumlänge: 58.56 Min.
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 10/10
Poverty’s No Crime sind deutsche Progressive-Metaller, die bereits 1991 auf den Zug des aufgeheizten Prog-Metal-Geschehens aufgesprungen sind, das Dream Theater entfacht hatten. Mitte der Neunziger hatten Symphony X, Angra, Vanden Plas und Threshold ihre Debüts bereits im Kasten — um nur vier zu nennen, die mir gerade einfallen. Auch Poverty’s No Crime hatten ihres. Und noch mehr: Bis 2003 hatten sie mit ihrem Fleiß gleich fünf Studioalben aufgehäuft. Mit ihrer damaligen Aktivität erreichten sie jedoch — ähnlich wie die nicht minder phänomenalen Landsleute Vanden Plas — nur eine Handvoll fanatischer Musikgourmets. Aber dieser „Fluch“ begleitet eine ganze Reihe ähnlicher Bands, die hervorragend sind, gleichzeitig aber ein „streng gehütetes“ musikalisches Geheimnis bleiben. Das ist die typische Karriere von Poverty’s No Crime.
Die Band hat stets hochwertige Musik geliefert und den Großteil ihrer kreativen Kräfte darauf verwendet, hochvibrierende emotionale Zustände und eine ultra-musikalische Ansteckungskraft zu verfolgen — womit sie geschickt das Gleichgewicht hielt (und zugleich die Distanz wahrte) zu technisch komplexen Eskapaden und virtuosen Einschüben, ohne dabei je zu übertreiben.
„A Secret To Hide“ ist das achte Studioalbum und kommt fünf Jahre nach dem ausgezeichneten und bis zu seinem Erscheinen 2016 malerischsten und vollendetsten Werk „Spiral Of Fear“. Letzteres überbrückte einen langen kreativen Dornröschenschlaf von neun Jahren, den die Band brauchte, um ein neues Studioalbum herauszubringen. Auch auf das neue haben wir lange gewartet, denn bei Poverty’s No Crime geht seit 2007 offensichtlich alles sehr langsam. Aber das Warten lohnt sich. Das bestätigt erneut „A Secret To Hide“.
„A Secret To Hide“ ist, gemessen am bisherigen künstlerischen Weg der Band, das reifste und ausgereifteste Studioalbum — und übertrifft damit sogar den hervorragenden Vorgänger. Die Band hat auf dem neuen Album eine Substanz geliefert, die mit ihrem hochdramatischen Theater und ihrer melancholischen Bombastik ununterbrochen packt und mitreißt (Within the Veil ist der absolute Sieger in der Kategorie Melancholie). Das Album bietet nämlich eine Reihe außerordentlich raffinierter Kombinationen aus eingängigen Phrasen und musikalischen Melodien, die sofort zugreifen und die dynamische Entwicklung des Albums intensivieren. Wir reden von Progressive Metal, der auf Anhieb zündet. Das passiert selten, und dafür muss man in der Regel eine besondere Art von Künstler sein. Und Poverty’s No Crime sind solche Eigenbrötler. Sie haben diesen ihnen eigenen Moment des Entdeckens, Enthüllens und Erforschens. Sie trauen sich was. Sie pfeifen auf Trends und darauf, irgendjemandem gefallen zu wollen. Sie erschaffen, was sie fühlen, und schreiben Musik in erster Linie für sich selbst. Das ist der Kern der Sache.
Schizophrenic ist der dunkelste Track des Albums — die Band spart dabei weder am Sound, der Hammond-Orgeln imitiert, noch scheut sie den Einsatz einer Talk-Box (Gitarre), wobei die Eröffnung des Stücks beinahe unheimlich wirkt. Als hätte Bruce Dickinson sie zu Zeiten des „The Chemical Wedding“-Albums zusammengebastelt (nur der Intro!). Ein besonderes Erlebnis ist es, die Entwicklung des Tracks selbst zu verfolgen — die Steigerung der Stimmungen und schließlich den Crescendo in einem phänomenal eingängigen Refrain (und das ist nicht das einzige Beispiel auf dem Album). Poverty’s No Crime sind mit diesem Album definitiv zu großen Meistern ihres Handwerks geworden. Den krönenden Abschluss setzt das gut zehnminütige Progressive-Metal-Highlight In the Shade. Die Band braucht bis zum Refrain gut drei Minuten — und schafft es allein durch die Übergänge von Strophe zu Pre-Chorus und brillant platzierten Einschüben, den Hörer in gespannte Begleitung zu ziehen. Der Refrain entlädt diese Spannung dann vollständig mit seiner ultra-musikalischen Sanglichkeit. Als würde durch eine düstere Atmosphäre stählerner Wolken plötzlich makellos weißes Licht durchbrechen. Auch der Albumauftakt ist außerordentlich stark und prägnant — dem Ende sehr ähnlich, oder umgekehrt. Das brillante Eröffnungsstück Supernatural enthüllt auf einen Schlag die gesamte musikalische Substanz der 30 Jahre alten Band, und besonders das darauffolgende Hollow Phrases wird auch all jenen gefallen, die Progressive Metal grundsätzlich nicht hören können, weil er „technisch zu abgefahren“ ist. Hollow Phrases ist eine der eingängigsten Kompositionen, die Poverty’s No Crime in ihrer Karriere geschrieben haben, und könnte zu jedem Zeitpunkt — mit Ausnahme von Radio Aktual und Veseljak — überall gespielt werden. Unter der Hypothese, dass Progressive Metal irgendwann Mainstream würde, würde Hollow Phrases mühelos rauf und runter im Radio laufen. Within the Veil sitzt ihm dabei dicht im Nacken. Dann ist da noch eine weitere Besonderheit des Albums: das ausgezeichnete Instrumental The Great Escape, das erkennen lässt, dass die Jungs mit Rush aufgewachsen sind (besonders mit den Achtzigern).
Leider werden „A Secret To Hide“ wieder nur wenige entdecken und hören, denn Poverty’s No Crime sind eine Band, deren Mitglieder ihren Alltag mit allem anderen bestreiten — nur nicht mit Musik. Das sind bescheidene Jungs, die aber phänomenale Musik schreiben. Und bescheiden bleiben. Das ist ein außerordentlicher Spiegel der Größe, von dem so mancher lernen kann. „A Secret To Hide“ ist ein Werk großer Perfektion, eines musikalisch unaufhörlich faszinierenden Artismus, dem der rote Faden des greifbar hochqualitativen Schöpfungsvermögens nie ausgeht — und der fesselt durch die Tatsache, wie es möglich ist, ein brillantes Gleichgewicht zwischen packender Musikalität, bombastischer Atmosphäre und einem subtil unterlegten, technisch komplexen Kinetismus zu finden. All das resultiert nämlich in einem außerordentlich geschmeidigen musikalischen Dossier eines absolut einzigartigen Artismus.
Das Schicksal hat Poverty’s No Crime mit diesem Album auf gewisse Weise den ähnlich übersehenen Bands angenähert — zu denen neben den Landsleuten Vanden Plas problemlos auch die britischen Threshold oder sogar Arena zu zählen sind. Auch wenn wir streng genommen vom deutschen Ansatz an Progressive Metal sprechen und es daher wenig sinnvoll ist, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, ergänze ich trotzdem einen flüchtigen Orientierungspunkt für alle, die die Band nicht kennen: „Grob über den Daumen gepeilt“ klingt das Ganze so, als würden Vanden Plas versuchen, wie Threshold oder das post-millenniale Arena zu klingen. Naja, vielleicht ist das gar keine so dumme Assoziation — der Band selbst würde sie allerdings überhaupt nicht gefallen.
Das Album ist durchdrungen von außergewöhnlicher Melancholie und Sehnsucht. Volker Walsemanns Gesang ist erneut ein brillanter Gesprächspartner für den Hörer und ein wesentlicher Schöpfer der Magie. Ja. Wir reden von der Erschaffung von Magie — und mehr. Von Mystik. Man muss dabei im Kopf behalten, dass die Band seit 2001 in unveränderter Besetzung spielt und drei Mitglieder noch heute seit 1991 zusammen sind. Das ist eine Kilometerzahl, die etwas über das gegenseitige Kennen und kreative Wahrnehmen der Beteiligten aussagt. Mit „A Secret To Hide“ haben Poverty’s No Crime ihren Artismus zur Perfektion geschliffen. 30 Jahre Bandgeschichte haben die (bescheidenen Jungs) mit dem Release ihres achten Albums wirklich in großem Stil gefeiert. Wenn dir niemand die Herzlichkeit nehmen kann. Und diese Herzlichkeit ist ein unermesslicher (ungreifbarer) Reichtum, der als einziger die Seelenunruhe aller von uns — der „ewig Umherirrenden“ — erfüllt und stillt. Genau das strahlt dieses Werk aus. Es ist eine unglaubliche Mischung aus Tradition und Erkenntnis, die immer wieder nur das Phänomen der progressiven Musikgenres bietet. Das künstlerische Vorwärtsschreiten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Supernatural
2. Hollow Phrases
3. Flesh And Bone
4. Grey To Green
5. Within The Veil
6. The Great Escape
7. Schizophrenic
8. In The Shade
Besetzung:
Volker Walsemann – Gesang, Gitarre
Marco Ahrens – Gitarre
Jörg Springub – Keyboards
Heiko Spaarmann – Bassgitarre
Andreas „Theo“ Tegeler – Schlagzeug
